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Analysten : Undercover bei Amazon

  • -Aktualisiert am

Ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugeht? Bild: DPA

Ein Analyst hat die Medienschelte der vergangenen Wochen ernst genommen und sich intensiver als üblich mit Amazon auseinandergesetzt. Von innen.

          Kennen Sie noch Günter Wallraff? Ganz unten? Der Reporter und Autor verkörperte den sozial engagierten Enthüllungsjournalismus der 70-er und 80-er Jahre. Seine Recherchen aus dem Herzen der Bild-Zeitung oder am Rande der Gesellschaft schlugen hohe Wellen. Das Merkmal seiner Bücher war ihre Authentizität. Wallraff hatte zumeist monatelang undercover gearbeitet.

          Um den Schriftsteller ist es zuletzt etwas ruhiger geworden. Seine Methoden sind aber nach wie vor aktuell. In der vergangenen Woche trat nun Jamie Kiggen von der Investmentbank Credit Suisse First Boston in die Fußspuren Günter Wallraffs. Der Analyst verließ PC und Schreibtisch an der Wall Street, warf sich in Jeans, T-Shirt und Turnschuhe und klopfte am Vertriebszentrum von Amazon in Delaware an. Eine Zeitarbeitsfirma hatte ihn als Lagerarbeiter vermittelt.

          Einen ganzen Tag verbrachte der hochbezahlte Analyst im drittgrößten Lager von Amazon. Zusammen mit den Kollegen nahm Kiggen Bestellungen an, schleppte Bücher, CDs, Videos und sonstige Weihnachtsgeschenke von den Regalen zu den Wickeltischen, überprüfte die Bestände, sozialisierte. Verschaffte sich so ein wahrhaftiges Bild vom Innenleben des größten Online-Einzelhändlers der Welt. Und trug alles zu Papier.

          Sah er Ungerechtigkeiten? Fordert er mehr Geld für die Lagerarbeiter? Unterstützt er den Einzug der Gewerkschaften in die Internetwelt? Keineswegs. Fast erstaunt zeigt er sich von „dem hohen Maß an Energie und der guten Moral“ im Lagerzentrum. Dabei lobt er ausdrücklich sowohl Management als auch die Arbeiterschaft. Kritisch, wenn auch mit einer kleinen Portion Ironie bemängelt er höchstens die „etwas laxen Einstellungsmodalitäten“.

          Wo gemeinsam so freudvoll zugepackt wird, wird's schon gelingen, könnte das Resümee seiner Recherchen lauten. Jedenfalls zeigt er sich aufgrund seiner umfassenden Einsichten in das Innenleben des Online-Kaufhauses überzeugter denn je, dass Amazon das Quartalsziel von einer Umsatzmilliarde erreichen wird. Und wiederholt seine Kauf-Empfehlung für die etwas unter die Räder geratene Aktie.

          Wahrscheinlich nagte die zuletzt doch ziemlich heftige Analystenschelte an ihm. Gerade der auf Internetwerte spezialisierte Teil der Zunft war in den vergangenen Wochen schwer unter Beschuss geraten, weil er das Kursdebakel am Neuen Markt oder an der Nasdaq nicht kommen sah, sondern auf Kaufempfehlungen für Internet-Aktien beharrte. Zu den penetrant dauerbullishen gehörte auch Kiggen, was ihm eine besondere Erwähnung in einem kürzlich erschienen Business-Week-Artikel über gefallene Analysten einhandelte.

          Doch vorerst scheint Kiggen rehabilitiert. In den anglo-amerikanischen Medien kam seine Undercover-Recherche jedenfalls gut an. CNNfn, der Finanzarm von CNN.com, war begeistert: Kiggen und sein Team „haben möglicherweise einen Präzedenzfall dafür geschaffen, wie weit Analysten gehen können, um Informationen über ein Unternehmen zu beschaffen“. Die Financial Times lobte, dass sich Kiggen nicht mit den üblichen Häppchen-Infos abspeisen ließ.

          Ob er weitere Undercover-Aktionen vorhabe, ließ Kiggen natürlich nicht verlauten. Das wäre ja auch dem Überraschungseffekt nicht dienlich. Er habe jedenfalls keine Pläne, seinen Wall-Street-Job zu kündigen.

          Dabei wäre er ein guter Arbeiter geworden. Ihm fielen sogar spontan einige kurzfristig umsetzbaren effizienzsteigernde Maßnahmen ein. Solche Mitarbeiter sind gefragt. Im Gegensatz zu Wallraff erntete er dann auch viel Lob von seinem Arbeitgeber. Ein Amazon-Sprecher bezeichnete ihn gar als „sehr fähigen Mitarbeiter“. Sollte es also mit dem Analystendasein nicht mehr richtig hinhauen - macht nichts, Jamie, Amazon hat noch einen Platz für Dich.

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