https://www.faz.net/-gqe-9ftar

Beschluss des EU-Parlaments : Was bringt ein Plastikverbot?

Ein Mann sammelt Plastik an der von Plastiktüten und sonstigen Müll übersäten Küste des Arabisches Meeres. Bild: dpa

In der EU könnte Wegwerf-Geschirr aus Plastik bald Geschichte sein. Doch ist solch ein Verbot sinnvoll, wenn ganz andere für die Vermüllung der Meere verantwortlich sind? Eine Analyse.

          4 Min.

          Es war einmal die Bronzezeit. Später kam die Eisenzeit, wieder später das Mittelalter. In Tausenden Jahren wird man einmal sagen, dass es ein Kunststoff-Zeitalter gab – und wir befinden uns mittendrin.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Nicht nur hat sich die globale Plastikproduktion seit den sechziger Jahren verzwanzigfacht und schätzen Wissenschaftler, dass sie sich bis zum Jahr 2036 noch einmal verdoppeln wird – noch nie hat der Mensch also so viel Plastik konsumiert wie im 21. Jahrhundert. Die Ära des Plastiks hinterlässt auch ganz handfeste Spuren, die noch in Millionen Jahren sichtbar sein werden: Ein Sediment aus Mikroplastik (Partikel, die kleiner als 5 Millimeter sind), das sich am Meeresboden bildet und damit Teil der Gesteinsschicht wird.

          Verantwortlich dafür sind zwischen 5 und 13 Millionen Tonnen Kunststoff, die jedes Jahr in die Weltmeere gelangen. Das ist etwa eine Lkw-Ladung pro Minute. Schon längst haben Meeresforscher und Umweltschützer erkannt, dass die Welt ein Müllproblem hat.

          Was schert die Europäer also das Müllproblem der Ozeane?

          Bilder von Müllstrudeln so groß wie ganze Staaten, vermüllter Strände und qualvoll erstickter Tiere haben aber jüngst auch die Europäische Union alarmiert. Mit einem an diesem Mittwoch auf den Weg gebrachten Beschluss des EU-Parlaments mit dem Ziel, bestimmte Wegwerfartikel aus Kunststoff zu verbieten, soll der größten Quelle des im Meer schwimmenden Plastikmülls beigekommen werden. Denn Schätzungen zufolge machen Produkte wie leichte Plastiktüten, Wattestäbchen und Einwegverpackungen ungefähr 70 Prozent des Meeresmülls aus.

          Das Vorhaben der EU mag ehrenhaft sein, doch hat es auch Schlagkraft? Kritiker des geplanten Verbots monieren, dass hier der Falsche bestraft würde. Nicht Europa, sondern Asien sei für das Gros des Mülls im Meer verantwortlich; wieder einmal fielen die EU-Bürger dem kurzsichtigen Verbotswahn aus Brüssel zum Opfer.

          Ein Blick auf die Zahlen bestätigt: 80 Prozent des Meeresmülls stammt aus asiatischen Ländern, nur 1 Prozent aus Europa. Die fünf größten Verschmutzer liegen allesamt in Asien: China, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam. Was schert die Europäer also das Müllproblem der Ozeane? Und was soll es bringen, wenn in der EU das Wattestäbchen verbannt wird, darf es doch andernorts weiterhin munter ins Meer geworfen werden? Darauf gibt es gleich mehrere mögliche Antworten.

          Massentourismus im Mittelmeer

          Zunächst machen es sich Gegner eines Verbots zu einfach, wenn sie den schwarzen Peter und damit die Verantwortung von den Europäern weg und zu den Asiaten hin schieben. Auch in Europa wird tonnenweise Plastik in Umlauf gebracht – der Staatenbund ist hinter China sogar der zweitgrößte Plastikproduzent der Welt. 26 Millionen Tonnen Kunststoff sind es jährlich; recycelt wird davon gerade mal ein Drittel.

          Jedes Jahr gelangen durch den Wind oder durch verschmutzte Flüsse nach Angaben des Naturschutzbundes WWF von Europa aus bis zu 500.000 Tonnen Makroplastik und bis zu 130.000 Tonnen Mikroplastik ins Meer. Und zwar vor allem ins Mittelmeer. Umschlossen von drei Kontinenten, findet dort nur wenig Wasseraustausch mit den großen Ozeanen statt – der Müll, der einmal hier landet, bleibt und sammelt sich an. Daher schwimmt im Mittelmeer besonders viel Plastikmüll und obwohl das Binnenmeer nur 1 Prozent des weltweiten Wassers ausmacht, konzentrieren sich hier rund 7 Prozent des globalen Mikroplastiks.

          Wer auf Ursachenforschung geht, wird schnell fündig: Die Küstenregionen des Mittelmeers sind stark urbanisiert, 150 Millionen Menschen leben dort. Mit 208 bis 760 Kilogramm Müll pro Kopf und Jahr zählen sie zu den größten Verursachern fester Siedlungsabfälle der Welt. Die Schifffahrt, der Massentourismus (mehr als 320 Millionen Menschen besuchen die Region Jahr für Jahr) und mangelhafte Abfallsysteme in den südeuropäischen Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich tun ihren Rest. Von einem Verbot kurzlebiger Kunststoffprodukte können deshalb auch die europäischen Gewässer profitieren.

          Der Verbraucher muss sich ändern

          Auch ist nicht klar, wie viel der mittlerweile etwa 150 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren über Umwege aus Europa in die Ozeane gelangt ist – schließlich war die EU zuletzt Chinas größter Lieferant von Plastikmüll, bis das Land die Einfuhr stoppte. Und noch bei einem weiteren Aspekt müssen sich Verbraucher in Europa an die eigene Nase fassen: Einen nicht unbeträchtlichen Teil des Meermülls machen verloren gegangene Fischfangnetze aus. Mit ihnen wurde auch für den europäischen Teller Thunfisch gefangen.

          Nicht zuletzt spricht grundsätzlich wenig dafür, an Wegwerfartikeln festzuhalten, die bei minimaler Einsatzzeit – eine Plastiktüte wird im Schnitt 20 Minuten genutzt – dauerhaften Schaden anrichten können. Klar ist indes auch: Niemandem ist geholfen, werden diese Artikel durch ökologisch bedenkliche Alternativen ersetzt. Und es gibt freilich Situationen, in denen auf das Plastik nicht verzichtet werden kann, etwa aus Hygienegründen.

          Die Hauptverursacher des Müllproblems mögen in Asien zu suchen und finden sein. Doch die Ozeane sind grenzüberschreitend und so sind ihre Probleme. Jüngst haben Forscher erstmals Mikroplastik in Stuhlproben von Menschen nachgewiesen, die auf verschiedenen Kontinenten leben. Asien wiederum muss freilich sein Müllproblem in den Griff bekommen und funktionierende Entsorgungssysteme schaffen – unabhängig davon, was die Europäer entscheiden.

          Um europäischen Forderungen nach mehr Sorgfalt im Umgang mit Plastikmüll Nachdruck zu verleihen, sollte der Staatenbund deshalb erst einmal vor der eigenen Tür kehren. Dabei sind Verbote ein Mittel. Viele Menschen halten das offenkundig auch für keine schlechte Idee: Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter Berlinern befürworten 81 Prozent ein Verbot von Plastikverpackungen, -tüten und -bechern. Und der Handel ist einem abschließenden Urteil der EU gar zuvor gekommen. So kündigte zuletzt die Rewe Gruppe an, schon bis 2020 Einwegplastikprodukte aus dem Sortiment zu verbannen. 

          Vor allem aber braucht es eine Bewusstseinsänderung unter den Verbrauchern, die ihre Verantwortung allzu oft auf Hersteller und Handel abwälzen. Ob das voraussichtlich ab dem Jahr 2021 geltende Verbot von Wegwerfplastik eine entsprechende Verhaltensänderung anstoßen kann, muss sich noch zeigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Unzufriedene Deutsche : Kapitalismus am Pranger

          Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.