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Analyse : Gefährliche Internet-Monopole

Voller Monopole. Bild: dapd

Google und Facebook sind zu mächtig. Die Überwachung funktioniert nicht.

          Versetzen wir uns mal in die späten neunziger Jahre. Die Telekom ist seit wenigen Monaten an der Börse, Jugendliche tragen weite Pullover in Orange, Musik hört man auf dem Discman. Wer sich wichtig genug fühlt, um ein Handy zu haben, der legt Wert auf den neumodischen Vibrationsalarm. Und dann lesen wir diese Meldung: Europas Wettbewerbskommissar hat einen wichtigen Schritt unternommen, um den Wettbewerb im Internet zu stärken. Er verlangt 730 Millionen Dollar Strafe von Microsoft, weil das Unternehmen seine Stärke auf dem Markt für PC-Betriebssysteme missbraucht hat. Der Konzern hat Windows genutzt, um seinen Internet Explorer gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen.

          Diese Sätze wirken gar nicht aus der Zeit gefallen, oder? Das Problem ist: Die Meldung ist nicht 15 Jahre alt. Sondern sie stammt aus der vergangenen Woche. Die Welt aber ist heute eine andere. Microsofts Internet Explorer ist gar nicht mehr so relevant. Zwar benutzen die meisten Menschen auf ihrem Computer noch Windows, doch Microsoft ist trotzdem bezwingbar. Ins Internet kommt man auch über Smartphones oder Tablets, meistens ohne Windows. Die dominanten Unternehmen im Internet heißen nicht Microsoft, sondern Google (unter Suchmaschinen) und Facebook (unter sozialen Netzwerken). Die EU kommt offenbar zu spät.

          Dramatische Verzögerungen

          Über das Tempo der Wettbewerbshüter hat die Welt bisher milde gelächelt, aber die Verzögerungen nicht für dramatisch gehalten. Monopole galten als nicht so gefährlich, weil sie sowieso bald wieder weg waren. Doch inzwischen wird immer deutlicher: Im Internet verschwinden Monopole höchst selten, meistens werden sie nur irrelevant. Und wenn sie abgelöst werden, dann von neuer Technik - und dem nächsten Monopol.

          Dabei geht es nicht um Unternehmen wie Apple. Apple verkauft iPhones und iPads, also Geräte zum Anfassen. Problematisch sind Unternehmen, die nur aus Websites bestehen. Denn bei ihnen fallen die Kosten nur einmal an: Zusätzliche Nutzer kosten sie kaum etwas, sondern bringen nur Geld. In so einer Situation kann sich oft nur ein Anbieter auf Dauer halten. Ökonomen nennen die Situation darum „natürliches Monopol“.

          Die Tücken des natürlichen Monopols

          Zum Beispiel im Fall von Google. Wer jetzt sagt: Google ist einfach die beste Suchmaschine - der hat schon das Prinzip des natürlichen Monopols getroffen. Wenn ein Unternehmen einmal die Dominanz auf einem Markt erobert hat, ist sein Leben immer leichter als das der anderen. Jeder Nutzer bringt viel Geld, das kann es in die Weiterentwicklung stecken. Wichtiger noch: Der Monopolist lernt seine Nutzer immer besser kennen. Er erfährt, was sie suchen und welche Links sie anklicken - umso eher trifft er künftig deren Geschmack. Die Konkurrenz kommt kaum noch dagegen an.

          Natürlich können die Nutzer jederzeit die Suchmaschine wechseln, falls sie eine gute Alternative finden. Doch das wird mit der Zeit immer unwahrscheinlicher - so lautet das Ergebnis einer Analyse des britischen Ökonomen Rufus Pollock. Sie ist für Suchmaschinen angelegt, gilt aber wahrscheinlich auch für soziale Netzwerke wie Facebook. Im Wissen, dass die anderen technisch ohnehin hinterher sind, vernachlässigt der Monopolist die Weiterentwicklung mit der Zeit immer weiter. Besser wird das Produkt zwar immer noch, aber eben nicht mit so viel Tempo. Es ist nicht mal unwahrscheinlich, dass der Monopolist am Ende die Anbieter von Websites ausnutzt und so auf Dauer ihnen und ihrer Qualität schadet. Google zum Beispiel zeigt in seiner Bildersuche seit einiger Zeit direkt die Bilder im Großformat; die Nutzer müssen gar nicht mehr auf die Ursprungsseite gehen - doch der Ursprungsseite fehlen dann die Besucher. Auch Facebook wird vorgeworfen, die Nutzer von Websites auszunehmen: Viele Beiträge würden nur noch ordentlich angezeigt, wenn die Leute dafür bezahlen.

          Website-Betreiber können sich kaum wehren

          Betreiber von Websites können sich dagegen kaum wehren. Das trifft Blogger, Verlage und andere Firmen gleichermaßen. Allenfalls die Nutzer können zur Konkurrenz wechseln, falls ihnen der Monopolist eines Tages nicht mehr gefällt. Die Websitebetreiber müssen sich auf jeden Fall an den Monopolisten halten, den die Nutzer ausgesucht haben. Ihnen kann es auch fast egal sein, ob der aktuelle Monopolist bald abgelöst wird. Denn dann stehen sie wahrscheinlich schon bald einem neuen gegenüber. Der Ökonom Rufus Pollock schlägt darum vor, die Monopolisten sollten ihre Nutzungsdaten offenlegen, damit Konkurrenten von diesem Wissen profitieren und andere Suchmaschinen bauen können, die vielleicht besser sind.

          Traditionellere Wettbewerbsökonomen wie der ehemalige Monopolkommissionsvorsitzende Justus Haucap finden das zu hart. Sie plädieren dafür, erst einzuschreiten, wenn ein Unternehmen seine Macht erwiesenermaßen missbraucht. Wenn das mal nicht zu langsam ist. Europas Wettbewerbskommissar will so ein Verfahren jetzt gegen Google vorantreiben. Die EU-Kommission prüft die Vorwürfe inzwischen seit zwei Jahren. Die ersten Beschwerden darüber sind aber schon sechs Jahre alt, sie stammen aus dem Jahr 2007.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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