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Frauenquote im Detail : Viel zu früh zum Feiern

Wie weiblich ist die Wirtschaft? Bild: dpa

Zum ersten Mal erfüllen die Dax-Aufsichtsräte die Frauenquote von 30 Prozent. Das Gesetz zeigt also Wirkung. Doch die Analyse zeigt: Eigentlich ist die Steigerung mickrig.

          Hat man ein Ziel erreicht, kann man zwischen zwei Optionen wählen. Entweder man steckt sich ein neues Ziel. So machen es die Dax-Konzerne üblicherweise, wenn es um Umsatzsteigerung oder Produktentwicklung geht. Oder man lehnt sich erst einmal zurück und erholt sich. Dafür, so sieht es aus, haben sich die meisten großen Firmen bei der Frauenförderung entschieden.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Mit der Wahl von drei Frauen in den Aufsichtsrat des Softwarekonzerns SAP in der vergangenen Woche ist im Dax erstmals die gesetzlich geforderte Frauenquote von 30 Prozent erreicht. Auf Kapitalseite, versteht sich. Auf der Arbeitnehmerseite sitzen traditionell mehr Frauen im Aufsichtsrat. Dass es auch auf der Kapitalseite demnächst ohne den Druck des Gesetzes noch mehr werden, ist kaum zu erwarten.

          Vor ziemlich genau drei Jahren trat die Regelung mit dem sperrigen Namen „Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“ (FüPoG) in Kraft. In rund 100 deutschen Unternehmen müssen seitdem neu zu besetzende Aufsichtsratsposten an Frauen vergeben werden – sofern sie nicht ohnehin schon dreißig Prozent im jeweiligen Kontrollgremium ausmachen. Wer einen Posten nicht mit einer Frau besetzen kann, wenn die 30-Prozent-Quote nicht erfüllt ist, dem droht der „leere Stuhl“ im Aufsichtsrat. Seit das Gesetz gilt, blieb kein Stuhl leer.

          Die Veränderung ist mickrig

          Allein in diesem Jahr schieden 41 Aufsichtsräte aus den Gremien aus, 39 wurden neu gewählt, wie die Personalberatung Heidrick & Struggles nach dem Ende der Hauptversammlungssaison nachgezählt hat. Eon hat seinen Aufsichtsrat von 9 auf 7 Mitglieder verkleinert, was die Differenz erklärt. Und wie sah es unter den weiblichen Aufsichtsräten aus? Neun Frauen schieden in diesem Jahr aus den Aufsichtsgremien aus, elf kamen hinzu.

          Die Quote zeigt Wirkung. Aber ist das schon ein Grund zum Jubeln? Schon 2017 wurden von insgesamt 258 Mandaten 77 von Frauen ausgeübt. Das entsprach einem Anteil von exakt 29,84 Prozent. Nun sind es 30,85 Prozent. Die Veränderung ist also mickrig. Christine Stimpel, Partnerin bei Heidrick & Struggles, ordnet die Lage nüchtern ein: „Deutschland ist ein konservatives Land, da tut sich wenig.“ Natürlich hätten die Firmen schnell auf das neue Gesetz reagiert. Doch nun sei der Blick nach vorne in die Zukunft weitaus interessanter. „Werden die Unternehmen noch weiter gehen? Oder betrachten sie das Thema mit dem Erreichen der Quote als abgeschlossen?“

          Als Headhunterin ist Christine Stimpel immer auf der Suche nach geeigneten Köpfen für die oberen Management-Ebenen der deutschen Großunternehmen. Frauen für Führungspositionen würden tatsächlich ernsthaft gesucht, doch gerade in den Aufsichtsräten hänge eine Beförderung noch immer stark vom bestehenden Netzwerk ab. „Und das besteht heute eben noch immer überwiegend aus Männern“, erklärt sie. Von Aufsichtsräten werde zudem erwartet, dass sie Führungserfahrung haben, am besten ein Vorstandsmandat in einem anderen großen Unternehmen ausüben und Gremienerfahrung mitbringen.

          Doch gerade in den Vorständen in deutschen Dax-Unternehmen sieht es in punkto Geschlechtergleichgewicht noch finster aus. Eine gesetzlich festgelegte Frauenquote für Vorstände gibt es nicht. Stattdessen stecken sich die Unternehmen ihre Ziele selbst. Aus einer vergleichenden Studie der Personalberatung Russel Reynolds, die dieser Zeitung vorliegt, geht hervor, dass der Frauenanteil in den Vorständen seit vielen Jahren stagniert. Nur etwa 10 Prozent der Vorstände sind demnach weiblich. Und die meisten Unternehmen bleiben weit hinter ihren selbst gesteckten Zielen für die Chefetage zurück. Auch auf den beiden folgenden Führungsebenen ist der Frauenanteil mit durchschnittlich 16 beziehungsweise 22 Prozent deutlich unter den üblichen Zielwerten.

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