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Radio : Die Mittelwelle verstummt für immer

Als man noch Ostsender empfangen hat: Altes Radio Modell: „Carmen“ von Nordmende. Bild: Thiemo Heeg

In der Silvesternacht schaltet der Deutschlandfunk seine Mittelwellensender ab. Damit endet eine Ära und das Digitalradio scheint unterdessen kaum mehr aufzuhalten zu sein.

          Manchem Deutschen ist an diesem Silvesterabend nicht so recht nach Anstoßen zumute. Stattdessen sitzt man vor dem Radiogerät, hat zum Beispiel die Frequenz 756 Kilohertz eingeschaltet, und lauscht verzückt dem Rauschen, Pfeifen, Krächzen, Knattern, Knarzen und Jaulen der Mittelwelle. Ein letztes, ein allerletztes Mal.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Thomas Blinn ist so jemand. Der 39-Jährige bezeichnet sich selbst als begeisterten Mittelwellenhörer: „Es hat so was von Dampfradio“, schwärmte er jüngst im Deutschlandfunk, seinem Lieblingssender. Wenn Blinn in seiner Allgäuer Heimat unterwegs ist, etwa zwischen Kempten und Leutkirch, ist jenseits der größeren Orte mit dem modernen Rundfunkempfang schnell Schluss. Dann hilft im Autoradio nur noch die Mittelwelle.

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          Mittelwelle? Viele können mit dieser Übertragungstechnik nichts mehr anfangen. Mit ihr begann vor mehr als 90 Jahren die Radio-Ära in Deutschland. Der Startschuss fiel am 29. Oktober 1923, als ein Sprecher folgenden Satz in den Äther schickte: „Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400.“ Man beginne nun mit dem „deutschen Unterhaltungsrundfunk“. Die Nationalsozialisten wussten ein Jahrzehnt später das neue Medium als wichtiges Propagandainstrument für sich zu nutzen - mit Hilfe billiger sogenannter Volksempfänger, die über Mittel- und Langwelle verfügten.

          Nach dem Krieg verlor die Technologie der Amplitudenmodulation (AM) - bei der Sprache und Musik über speziell manipulierte elektromagnetische Schwingungen transportiert werden - mehr und mehr an Bedeutung, zugunsten der moderneren Ultrakurzwelle (UKW). Schon Anfang der fünfziger Jahre standen in Deutschland gut 100 UKW-Stationen, die im Gegensatz zur Mittelwelle mittels Frequenzmodulation (FM) einen glockenreinen Klang in die Empfänger zauberten. Andererseits waren noch bis in die siebziger Jahre hierzulande kleine bunte Taschenradios etwa von Grundig im Angebot, die nur Mittelwelle empfangen konnten.

          am 31. Dezember um 23.55 werden die sechs Mittelwellensender abgeschaltet

          Auf ihnen und allen anderen übriggebliebenen MW-Radios kehrt bald Stille ein. Keine komplette Stille, vielmehr das gleichmäßige Grundrauschen, das kaum ein Sendesignal mehr stört. Am 31. Dezember um 23.55 Uhr schaltet der Deutschlandfunk nämlich seine verbliebenen sechs Mittelwellensender hierzulande ab. Ein Jahr zuvor war für die Langwelle Schluss gewesen. Die anderen öffentlich-rechtlichen Sender haben den Abschied schon hinter sich: Ob Bayerischer Rundfunk, ob Hessischer Rundfunk, ob Radio Bremen: Alle ARD-Anstalten haben ihre Mittelwellensender in Rente geschickt.

          Die Erklärung ist ebenso nachvollziehbar wie für Nostalgiker unverschämt: „Die Übertragung von Radioprogrammen über Mittelwelle ist technisch längst überholt und aufgrund der hohen Strom- und Wartungskosten für die Sender- und Antennenanlagen auch verhältnismäßig teuer“, heißt es seitens des BR in München. Ja, es geht natürlich ums Geld. Die Rundfunkanstalten folgen einer Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Öffentlich-Rechtlichen. Die KEF, die den Bundesländern die Festsetzung des Rundfunkbeitrags vorschlägt, hat zwar die finanziellen Mittel für die neue Übertragungsart Digitalradio genehmigt, dafür aber das Ende von Mittel- und Langwelle gefordert.

          Die Ersparnisse seien enorm, ist zu hören. Der Bayerische Rundfunk etwa geht davon aus, rund 300.000 Euro weniger für Strom zahlen zu müssen. Im Hause DLF rechnet der für die Sendetechnik zuständige Chris Weck vor: „Für Langwelle und Mittelwelle hatten wir im Jahr so rund zwölf Millionen Euro bezahlt, wobei ein Großteil für Stromkosten verbraucht wird.“ Und die KEF bezifferte in einem früheren Strategiepapier die Kostenminderung auf 79 Millionen Euro, bezogen auf eine jeweils vier Jahre laufende Beitragsperiode. Dort heißt es auch: „Tatsächlich ist die Zahl der Hörerinnen und Hörer, die diese traditionellen Hörfunk-Verbreitungswege nutzen, nicht mehr messbar.“

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