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Amerikas Unternehmen klagen an : „Die brutale Behandlung von Schwarzen in unserem Land muss aufhören“

Verwüstet: Auch dieses Nordstrom-Geschäft in Bellevue im Bundesstaat Washington wurde geplündert. Bild: AFP

Infolge der neuen Unruhen in Amerika beziehen jetzt die Konzerne Stellung gegen Rassismus – selbst wenn sie Opfer von Plünderungen geworden sind.

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          Die amerikanische Warenhauskette Nordstrom musste am Samstag zusehen, wie ihr Flaggschiff-Geschäft in ihrer Heimatstadt Seattle geplündert wurde. Menschen stiegen durch ein eingeschlagenes Fenster und warfen Waren nach draußen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Es war eines von vielen Beispielen dafür, wie in den vergangenen Tagen Proteste nach dem gewaltsamen Tod des Afro-Amerikaners George Floyd in Minneapolis im ganzen Land eskalierten. Nordstrom entschied sich daraufhin, alle seine Läden vorübergehend zu schließen.

          Aber das Unternehmen verzichtete darauf, sich über die Randalierer zu beklagen, sondern verbreitete eine Botschaft des Mitgefühls: „Die Ereignisse von diesem Wochenende sind eine weitere schmerzhafte Erinnerung, dass Ungerechtigkeit in unserer Welt verbleibt. Wir können den Schaden in unseren Geschäften reparieren. Fenster und Waren können ersetzt werden.“ Es sei ein „gewaltiger Wandel“ nötig, um die Probleme anzupacken, denen sich schwarze Menschen in Amerika gegenübersehen.

          Nordstrom ist nur eines von vielen amerikanischen Unternehmen, die inmitten der Unruhen in den vergangenen Tagen Stellung gegen Rassendiskriminierung bezogen haben. Die Botschaften kommen aus sehr unterschiedlichen Branchen, das Spektrum reicht von Twitter, Netflix und Amazon.com über Merck & Co. bis zu Citigroup und Goldman Sachs.

          „Horror, Ekel und Wut“

          In gewisser Weise setzt sich damit ein Trend fort, denn amerikanische Unternehmen und ihre Manager haben sich in den vergangenen Jahren allgemein verstärkt in den politischen Diskurs eingemischt und sich dabei auch zu heiklen Themen wie Rassendiskriminierung oder die Einwanderungspolitik des Präsidenten Donald Trump geäußert, was bisweilen Boykottaufrufe zur Folge hatte. In so großer Zahl wie diesmal dürften sich Unternehmen bislang aber selten zu Wort gemeldet haben.

          Twitter änderte das Logo auf seiner Seite und zeigt nun einen schwarzen statt einen blauen Vogel, darunter steht das Schlagwort „Black Lives Matter“ für die gleichnamige Anti-Rassismus-Bewegung. Netflix schrieb auf seinem Twitter-Konto „Zu schweigen, heißt mitschuldig zu sein“ und nannte es seine Pflicht, seine Stimme für schwarze Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner zu erheben.

          Amazon wiederum twitterte: „Die ungerechte und brutale Behandlung von Schwarzen in unserem Land muss aufhören.“ Die Pizza-Kette „&pizza“ gab ihren Mitarbeitern drei zusätzliche bezahlte freie Tage, die sie für „Aktivismus“ nutzen können.

          Einige der emotionalsten Stellungnahmen kamen von schwarzen Top-Managern, die in amerikanischen Chefetagen noch immer eine sehr kleine Minderheit bilden. Kenneth Frazier, der Vorstandschef des Pharmakonzerns Merck & Co., sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender „CNBC“, George Floyd „könnte ich oder jeder afro-amerikanische Mann sein“. Das Video habe gezeigt, dass Floyd von den Polizisten „als weniger als ein Mensch“ behandelt worden sei.

          Frazier hatte schon vor knapp drei Jahren für Schlagzeilen gesorgt, als er aus einem Beratungsgremium von Donald Trump austrat. Er protestierte damit gegen dessen zögerliche Distanzierung von rechtsextremen Gruppen nach Ausschreitungen in der Stadt Charlottesville.

          Mark Mason, der Finanzvorstand der Bank Citigroup, schrieb in einem Blogeintrag zehn Mal den von Floyd in dem Video immer wieder gesagten Satz: „I can’t breathe“ – „Ich kann nicht atmen.“ Mason sagte, er habe das Video mit „Horror, Ekel und Wut“ gesehen.

          Der Luxuskonzern Tapestry, zu dem Marken wie Kate Spade und Coach gehören, wurde in einigen seiner Geschäfte Opfer von Plünderungen, und Vorstandschef Jide Zeitlin äußerte ähnlich wie Nordstrom Verständnis für diejenigen, die Handtaschen, Schuhe und Kleider gestohlen haben: „Was ging durch ihren Kopf, als sie das getan haben? Hat unsere Gesellschaft ihnen wirklich so wenig zu verlieren gelassen und wenig andere Wege, um den Rest von uns zum Verhandlungstisch zu zwingen?“

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