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Amerikas Geldpolitik : Das entwertete Inflationsziel

Bild: Rüchel, Dieter

Die amerikanische Notenbank will mit ihrer ultralockeren Geldpolitik die Massenarbeitslosigkeit bekämpfen. Fed-Chef Ben Bernanke ist zwar kein Inflationist, doch seine Geldpolitik wirkt immer verzweifelter. Eine Analyse.

          Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve steckt in einem Dilemma. Der Gesetzgeber hat ihr aufgetragen, für Preisniveaustabilität und für maximale Beschäftigung zu sorgen. Die Notenbank hat aber nur ein Instrument: die Geldpolitik. Dass man mit einem Instrument nicht zwei Herren zugleich dienen kann, ist offensichtlich.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Aus dieser Zwickmühle kommt die Federal Reserve nicht heraus. Das Schlimme freilich ist: Man hat gar nicht den Eindruck, dass sie herauswill. Dabei weiß auch die Fed, dass sie die Beschäftigung allenfalls kurzfristig befeuern kann, langfristig aber in dieser Hinsicht machtlos ist.

          Die Fed bleibt bei ihrer Nullzinspolitik

          In einem historischen Schritt hat die Federal Reserve sich jetzt ein langfristiges Inflationsziel von 2 Prozent gegeben. Hat sie das wirklich? "Wir sind keine Absolutisten", sagte der Fed-Chef Ben Bernanke, um wortreich zu erklären, dass die Notenbank dem Inflationsziel und ihrem Beschäftigungsauftrag gleich viel Gewicht zumesse.

          Das mag dem politischen Sturm geschuldet sein, der auf dem demokratischen Flügel im Kongress ausbräche, erweckte die Notenbank auch nur den Anschein, sie würde die Beschäftigung hintanstellen. Doch der einfache Satz, den die meisten Zentralbanker noch im Schlaf herbeten können und den auch die Federal Reserve früher - in einer etwas flexiblen Auslegung ihres doppelten Mandats - kannte, ging Bernanke nicht über die Lippen. Der Satz lautet: Eine Notenbank dient der Beschäftigung am besten, wenn sie die Preise stabil hält.

          Notgedrungen unbestimmter

          Historisch wurden Inflationsziele unter Notenbanken populär, um eine zu hohe Rate der Geldentwertung zu drücken. Fast scheint es, als verfolge die Fed gerade das Gegenteil. Zusammen mit dem Inflationsziel erklärte die Notenbank ihre bedingte Erwartung, den Leitzins wohl bis mindestens spät im Jahr 2014 auf sehr niedrigem Niveau zu halten. Das wären sechs Jahre der ultralockeren Zinspolitik, weit entfernt vom Gleichgewichtszins in normalen Zeiten, den der Offenmarktausschuss mit 4 bis 4,5 Prozent ansetzt.

          Seit mehr als drei Jahren sind die Leitzinsen der wichtigsten Notenbanken der Welt  auf historisch niedrigen Werten

          Bernanke betonte ferner, die Notenbank denke über einen weiteren Ankauf von Wertpapieren, die dritte Runde der quantitativen Lockerung, nach. Und wohl erst 2015 werde sie beginnen, ihr Portfolio an Staatsanleihen und Hypotheken-Titeln zu verringern. Das Inflationsziel ist offenbar als Beruhigungspille gedacht für diejenigen, die angesichts dieser drastischen geldpolitischen Expansion nicht mehr ruhig schlafen können. Das ist die denkbar schlechteste Voraussetzung, um mit der Zielvorgabe Vertrauen zu gewinnen.

          Natürlich ist Bernanke kein Inflationist. In der Sorge vor einer Deflation und im Bemühen, dem Arbeitsmarkt auch noch das letzte Quentchen Anschub zu geben, wirkt seine Geldpolitik aber immer verzweifelter. Geradezu irrwitzig ist der Versuch, mit langfristigen Zinsprognosen die Marktzinssätze noch einen Hauch zu drücken - mit Prognosen wohlgemerkt, die so weit in die Zukunft reichen, dass sie eigentlich niemand ernst nehmen kann. Zugleich geht die Fed mit der ultralockeren Geldpolitik große Risiken ein und weckt den Wunsch nach immer mehr. Bernanke öffnet der Wirtschafts- und Finanzpolitik weit die Tür, mit dem Schlendrian weiterzumachen und das Vertrauen von investierenden Unternehmen zu unterminieren.

          Ben Bernanke

          Den Abbau der Massenarbeitslosigkeit indes wird die Fed nach zwei mageren Wachstumsjahren mit immer mehr Geld nicht erreichen - so wenig wie die Bank von Japan es mit ihrer Nullzinspolitik und der Ausweitung der Überschussreserven der Banken bislang geschafft hat, die Wirtschaft aus der stockenden Malaise zu befreien. Dazu bedarf es schon eines entschiedenen Defizitabbaus und niedrigerer Steuersätze vor allem auf Unternehmen.

          Auch wenn der Fed-Vorsitzende das Inflationsziel gleich von Beginn an entwertet hat, wird die strategische Neuerung die Geldpolitik auf Dauer doch prägen. Bernanke hat der Fed vorzeitig sein Erbe hinterlassen. Die Zielvorgabe bringt die Federal Reserve in verschärften Rechtfertigungszwang, sollte die Inflationsrate sich zu sehr von 2 Prozent entfernen. Im Idealfall wird es dazu beitragen, die kurzsichtige Konjunkturorientierung der amerikanischen Geldpolitik zumindest zu dämpfen. Und es könnte Bernanke oder seinem Nachfolger helfen, wenn es darum geht, die geschürten Inflationsrisiken rechtzeitig wieder einzufangen.

          Die EZB ist nur der Preisniveaustabilität gesetzlich verpflichtet

          Eines aber wird die Fed auch mit dem Inflationsziel kaum erreichen: größere Klarheit darüber, wann sie in ihrer Zielfunktion welchem Ziel den Vorrang gibt. Das zweifache Mandat macht die Geldpolitik der Fed notgedrungen unbestimmter. Mit ihrem einfachen Mandat der Preisniveaustabilität hat die Europäische Zentralbank es da leichter. Sie muss keine irrwitzigen Zinsprognosen veröffentlichen, um den Märkten Führung zu geben. Die simple Aufgabe Preisniveaustabilität lässt Anleger und Investoren die Absichten der Notenbank einfacher lesen. Vor allem aber bindet die klare Zielvorgabe der EZB stärker die Hände. Der geldpolitische Spielraum der EZB ist enger als derjenige der Fed. Dem Wunsch der Bürger nach Preisniveaustabilität ist damit besser gedient.

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