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Amerikas Ex-Finanzminister : Geithner wettert gegen deutsches Stabilitätsdenken

Rückschau: Timothy Geithner (rechts) erklärt im Fernsehen die Krisenpolitik. Bild: ABC via Getty Images

In seinem Buch erklärt der frühere amerikanische Finanzminister Timothy Geithner die Euro-Krise aus seiner Sicht. Er hätte sich besseres Führungspersonal in Europa gewünscht. Fundamentalismus vermutet er vor allem bei der Bundesbank.

          Im Herbst 2011 erhielt der damalige amerikanische Finanzminister Timothy Geithner ein unmoralisches Angebot. Mitten in einer Zuspitzung der Euro-Krise schlugen „europäische Vertreter“ ein Komplott vor: Die Vereinigten Staaten sollten sich so lange gegen Kredite des Internationalen Währungsfonds an Italien sperren, bis Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi weg sei. Als überraschende Einladung beschreibt Geithner diese Episode transatlantischer Zusammenarbeit in seinem Buch „Stresstest“. Geithner informierte Präsident Barack Obama über das Angebot, doch die Vereinigten Staaten lehnten ab. „Wir können sein Blut nicht an unseren Händen haben“, will Geithner gesagt haben. Er verbindet das in dem Buch mit dem Seitenhieb, damals wäre besseres Leitungspersonal in Europa hilfreich gewesen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Im November, kurz nach dem Gipfeltreffen der G-20-Staaten in Cannes, war Berlusconi dann tatsächlich weg. Geithner nimmt die Episode als Beispiel dafür, dass die Europäer in den Krisenjahren die ständige Einmischung Amerikas ablehnten und zugleich wünschten. Manche wollten, dass er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedränge, weniger geizig zu sein. Andere wünschten, er solle Italien oder Spanien zu mehr Verantwortung bewegen. Generell kam Geithner während der Krise oft nach Europa, um auf größere Rettungsfonds und Schutzschirme zu drängen. Damit hatte er letztlich Erfolg, auch wenn die Europäer seine oberlehrerhafte Forderung, die Euro-Krisenfonds zu „hebeln“, zunächst scharf ablehnten.

          Merkel zu Geithner:  „Sie sind sehr nahe an den Märkten“

          Manchmal lud der Amerikaner sich auch selbst ein, wie im Juli 2012, als er Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Urlaub auf Sylt besuchte. Auch wenn er Sylt besorgt verließ, war das Treffen für Geithner wichtig. In dem Buch ist es das einzige Bild, auf dem er sich mit einem europäischen Politiker zeigt. Bei der Kanzlerin fühlte er sich offenbar weniger gut aufgehoben. „Sie sind sehr nahe an den Märkten“, soll Merkel ihm unter Berufung auf den früheren Notenbanker Paul Volcker gesagt haben. Geithner mutmaßt, Merkel habe das nicht als Kompliment gemeint.

          Er sei deutscher als die Deutschen, will Geithner, dessen Großvater aus Deutschland in die Vereinigten Staaten auswanderte, während der Krise des Öfteren gesagt haben. Das muss ein Missverständnis gewesen sein. Deutschland empfahl schnelle fiskalische Sanierung, Geithner wünschte schuldenfinanzierte Ausgaben zur Ankurbelung der Konjunktur. Deutschland setzt auf Exporterfolge, Geithner mahnt eine Stärkung der Binnennachfrage an.

          Deutschland fürchtet, das Herauspauken von Banken oder Regierungen belohne Fehlverhalten und löse künftige Krisen aus. Für Geithner ist das „Moral-Hazard-Fundamentalismus“. Diesen vermutet er seit Jahrzehnten vor allem bei der Bundesbank. In den neunziger Jahren wirkte Geithner im Finanzministerium der Regierung von Bill Clinton maßgeblich an der Lösung der Krisen in Mexiko, Asien und Russland mit. Schon damals krachte es zwischen Treasury und Bundesbank, weil diese vor der Eskalation und den Fehlanreizen immer größer werdender Rettungspakete warnte.

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