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: Amerikanischer Klägeranwalt bringt eigene Zunft in Verruf

  • Aktualisiert am

Staranwalt Lerach war wegen seiner Sammelklagen gefürchtet Bild: AP

Staranwalt William Lerach gesteht Schmiergeldzahlungen an vermeintliche Sammelkläger. Jetzt droht ihm eine Haftstrafe, denn seine Machenschaften reichen bis in die achtziger Jahre zurück. Auch in Deutschland vertrat Lerachs Kanzlei Holocaust-Überlebende in Sammelklagen.

          Drei Jahrzehnte lang hat William Lerach amerikanischen Klägern geholfen, Milliarden von Dollar in Prozessen gegen Unternehmen zu gewinnen. Allein während des Enron-Skandals erreichte der 61 Jahre alte kalifornische Klägeranwalt, dass ehemaligen Aktionären des Energiehändlers in einer außergerichtlichen Einigung 7,3 Milliarden Dollar Schadensersatz zugesagt wurden.

          Das ist nach Angaben amerikanischer Juristen die größte Vergleichssumme, die betrogenen Investoren je versprochen wurde. Doch nun steht mit Lerach einer der an Wall Street gefürchtetsten Klägeranwälte vor dem Ruin, und jene Anwälte, die sich nach seinem Vorbild auf Wertpapiersammelklagen spezialisiert haben, kämpfen um ihren Ruf.

          Lerach gesteht seine Schuld ein

          Am Dienstag hat sich der einstige Staranwalt nach Mitteilung der Bundesstaatsanwaltschaft zu einem Schuldanerkenntnis im Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen und Manipulation von Gerichtsverfahren bereit erklärt. Nach der Absprache, die noch von einem Richter in Los Angeles genehmigt werden muss, soll Lerach eine Freiheitsstrafe zwischen einem und zwei Jahren verbüßen. Außerdem verpflichtet er sich zur Zahlung von fast 8 Millionen Dollar an den amerikanischen Staat. 7,75 Millionen Dollar davon stammen aus Honoraren, die Lerach und seine früheren Partner der Rechtsanwaltskanzlei Milberg Weiss in die Höhe trieben, indem sie Mandanten gegen Geldzahlung als Sammelkläger verpflichteten.

          In einer Mitteilung, in der er sich für seine Taten entschuldigte, ließ Lerach verlauten, er habe stets für seine Mandanten gekämpft, um mächtige Konzerne zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie Menschen schadeten. „Aber bedauerlicherweise bin ich zu weit gegangen.“ Zuvor hatte der Anwalt, der Kandidaten der Demokratischen Partei Millionen von Dollar gespendet hat und laute Kritik an der Regierung Bush äußerte, sich als Opfer politisch motivierter Ermittlungen dargestellt.

          Kleinaktionäre für Sammelklage bezahlt

          Lerachs Schuldanerkenntnis bildet den vorläufigen Höhepunkt von Ermittlungen, die vor sieben Jahren begannen. Die Vorwürfe gegen ihn reichen sogar bis in die achtziger Jahre zurück. Nach Gerichtsdokumenten überzeugten Lerach und frühere Partner Kleinaktionäre davon, sich als Sammelkläger zur Verfügung zu stellen. Mit deren Hilfe hätten die Klägeranwälte dann zahlreiche Prozesse insbesondere auf dem lukrativen Gebiet des Aktienrechts angestrengt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat die Kanzlei Millberg Weiss, der Lerach bis 2004 angehörte, in mehr als 150 Fällen rund 11 Millionen Dollar an Mandanten gezahlt, damit sie als Kläger auftraten.

          Diese Praxis wurde jedoch von Lerach geheim gehalten, aus Sorge, dass die Gerichte Millberg Weiss sonst vom lukrativen Geschäft mit den Sammelklagen ausschließen würden. Strafrechtlich bedeutsam ist, dass der Jurist einen früheren Mandanten dazu überredete, gegenüber einem Bundesgericht anzugeben, dass er keine Zahlungen für sein Auftreten als Sammelkläger erhalten habe. Wie der ehemalige Milberg-Partner David Bershad, der sich schon im Juli in einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft wegen Irreführung der Justiz schuldig bekannte, darlegte, hätte die Kanzlei durch die Gewinnung vermeintlicher Sammelkläger früher und schneller als die Konkurrenz Prozesse gegen Unternehmen einleiten können.

          Auch in Deutschland aktiv

          Das zahlte sich finanziell aus: Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft hat Millberg Weiss auf diese Weise Einnahmen in Höhe von 216 Millionen Dollar erzielt. Mit dem Skandal sind die Umsätze der einstigen Starkanzlei jedoch erheblich eingebrochen. In Deutschland war Millberg Weiss in den neunziger Jahren vor allem wegen der Sammelklagen von Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Zwangsarbeitern gegen Schweizer Banken sowie deutsche Kreditinstitute und Unternehmen bekannt geworden. Lerach hatte die Kanzlei vor drei Jahren verlassen, um sein eigenes Unternehmen zu gründen.

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