https://www.faz.net/-gqe-8kbav

Kindererziehung in Amerika : Früher war mehr Mut

Der Sprung ins kalte Wasser: Einst ließen Eltern ihre Kinder eigene Wege gehen, heute lassen sie den Nachwuchs keine Sekunde aus den Augen. Bild: Caro / Waechter

Die Amerikaner verhätscheln ihre Zöglinge. Das schwächt Kreativität und Gründergeist. Was läuft falsch in den Kinderzimmern auf der anderen Seite des großen Teichs?

          6 Min.

          Was ist los mit dem American Spirit? Die Vereinigten Staaten zeigen an allen Ecken und Enden Zeichen einer nachlassenden Dynamik. Im Land, das mit dem Ruf „Young man, go west!“ groß geworden ist, ziehen Leute immer seltener um, und schon gar nicht in andere Bundesstaaten, selbst wenn sie dort ihre wirtschaftliche Lage verbessern könnten. Viele wohnen noch mit knapp dreißig bei ihren Eltern und zwar nicht einmal ungern. Der sprichwörtliche Unternehmergeist, der die größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des 20.Jahrhunderts erst möglich gemacht hat, ist im Schwinden begriffen. Vor knapp dreißig Jahren zählte die Kauffmann Foundation, eine Denkfabrik, 160 Start-ups je 100.000 Einwohner, im Jahre 2013 fanden die Forscher der Stiftung nur noch halb so viele. Und nicht nur das: Der Anteil der jüngeren Unternehmer unter den Neugründern verkleinert sich.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die nüchternen Kennziffern sagen: Amerikas Wirtschaft liegt mit einer Wachstumsrate von zuletzt einem Prozent nahe an der Stagnation. Noch erschreckender ist Produktivitätsentwicklung. An schrumpfende Zuwachsraten hatte man sich gewöhnt, aber nun verringert sich die Produktivität seit drei Quartalen. Das ist ein starker Beleg für eine schwindende Innovationskraft. Das Land eines Henry Ford (Autos), eines Graham Bell (Telefon) und eines Ray Kroc (Hamburger) bringt offenbar nichts großes Neues mehr hervor?

          Paradebeispiel für unbegründete Vorurteile, Rassismus und Islamphobie

          Halt! Was mit dem Silicon Valley? Überbewertet, sagt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Edmund Phelps. Das Silicon Valley stehe bei all seiner beeindruckenden Innovationskraft für gerade mal drei Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Hier trifft sich der Ökonom mit dem Investor Peter Thiel, der sein Geld in dem kalifornischen Tal gemacht. Er nennt das Valley einen kleinen Platz. „Sobald man über die Brücke nach Oakland fährt, sieht man nicht mehr die gleiche Blüte.“

          Die Erklärung für den erlahmenden Spirit des Landes ist wie ein Puzzlespiel, sagt Phelps. Ein wichtiges Puzzleteil allerdings liefert nach seiner Ansicht die amerikanische Kindererziehung. Der New Yorker Ökonom hat den Verdacht, dass Schulen und Eltern die Erfinder von morgen frühzeitig entmutigen. Er sieht einen großen Trend im Gange: Werthaltungen wie Solidarität, Bedürfnis nach Kontrolle und Streben nach Sicherheit hemmen junge Leute dabei, etwas Ungewöhnliches zu wagen. Das sind nicht nur philosophische Gedanken eines alten Ökonomen.

          In September vergangenen Jahres wurde der 14 Jahre alte Amerikaner Ahmed Mohamed im texanischen Irvine von Polizisten aus seiner Schule abgeholt und in Handschellen gefesselt aufs Revier gebracht. Seine Schule suspendierte den Jungen. Sein Vergehen: Der Sohn sudanesischer Einwanderer hatte eine Uhr gebaut und mit in die Schule gebracht. Eine Englisch-Lehrerin hielt das tickende Gerät für eine Bombe und alarmierte die Polizei. Die Medien griffen die Geschichte auf, Mark Zuckerberg lud den Jungen in Silicon Valley ein und Präsident Barack Obama lobte Mohamed für die „coole Uhr“. Obamas Sprecher verlieh der Story den entscheidenden Dreh. Er bezeichnete den Fall Ahmed Mohamed als Paradebeispiel für unbegründete Vorurteile, Rassismus und Islamphobie. Doch die Geschichte lässt sich auch anders erzählen, nämlich unter der Überschrift „Der Sicherheitswahn der Amerikaner“.

          Forcierung eines häuslichen Schutzregimes

          Der Fall ist das extreme Beispiel dafür, wie Amerikas Erwachsene mit ihrem beständig steigenden Verlangen nach Schutz und Kontrolle jungen Forscherdrang im Keim ersticken können. Sie meines es gewiss nicht böse, sondern im Gegenteil gut mit ihren Kindern. Deshalb organisieren Eltern oder Nannys die Verabredungen für ihre Kinder selbst im gehobenen Grundschulalter. Das Treffen findet gewöhnlich in einem präzisen Zeitfenster von 1,5 bis zwei Stunden statt, weil die Kleinen oft Anschlusstermine haben. Erwachsene sind beständig um die Kinder herum. Vor allem die gehobenen Mittelklasse-Eltern animieren die Kinder zu pädagogisch wertvollen Spielen. Und observieren sie dabei. Wenn die Kinder sich streiten, greifen die Erwachsenen ein. Wenn sie sich langweilen ebenso. Kinder sind nicht für sich beim Spielen, sie gehen nicht allein zur Schule oder durch die Stadt und sie bleiben in der Regel auch nicht unbeaufsichtigt zu Hause, wenn sie nicht mindestens 16 Jahre alt sind.

          Eltern, die von Regeln abweichen, spüren den starken Arm des Gesetzes, wenn die Sache auffliegt. Im vergangenen Jahr machte der Fall des Ehepaar Meitiv aus dem wohlhabenden Städtchen Silver Springs im Großraum Washington Furore. Das Paar hatte seine Kinder (10 und 6 Jahre alt) unbeaufsichtigt durch den Ort spazieren lassen. Zweimal wurden die Kinder im Abstand von mehreren Monaten von der örtlichen Polizei aufgegriffen und in Gewahrsam genommen. Beim letzten Mal hatte die Polizei die Kinder in einem Park nur zwei Blocks von zuhause entfernt eingesammelt, nachdem sie von einem Nachbarn alarmiert worden war. Die Kinder hatten, wie die „Washington Post“ berichtete, mehrere Stunden keinen Kontakt zu den Eltern, die Polizei schaltete eine Einrichtung ein, die gewöhnlich bei schweren Familienkrisen einschreitet, um Leib und Leben der Kinder zu schützen.

          Gegen die Eltern wurden Verfahren wegen des Verdachts der Vernachlässigung von Kindern eingeleitet, die inzwischen beigelegt sind. Die Eltern wollten ihren Kindern ganz bewusst Freiraum geben, um ihre Selbständigkeit und Neugier zu fördern. Es war das Gegenteil der Vernachlässigung. Die Idee, dass Kinder an eigenen Erfahrungen wachsen müssen, teilen gerade die engagierten, ambitionierten Eltern Amerikas. Die Idee wird nur überwölbt durch eine geradezu grenzenlose Sorge, den Kindern könnte etwas Schreckliches passieren: Gewaltverbrechen, Vergewaltigungen, Entführungen zum Beispiel. Doch all diese Vergehen haben gemeinsam, dass sie seit Jahrzehnten dramatisch zurückgehen. Weil der Rückgang alle Altersgruppen betrifft, kann die „Sicherheitspolitik“ der Eltern nicht als Begründung dienen. Die Eltern scheinen die guten Nachrichten schlicht verpasst zu haben. Sie forcieren ein häusliches Schutzregime, während es draußen immer friedlicher wird.

          Tanzen, Gymnastik, Fußball, solche Sachen

          Eltern waren nicht immer so paranoid: Der Geografie-Professor Roger Hart nistete sich 1972 in eine Kleinstadt in Vermont für eine besondere Studie ein. Er wollte herausfinden, wie die Kinder des Ortes ihre Umgebung erschließen. Folgende Feststellungen machte Hart: Die Kinder verbrachten Stunden über Stunden damit, eigene Vorstellungswelten zu kreieren, von denen ihre Eltern oft keinen blassen Schimmer hatten. Die Kinder organisierten ihre Zusammenkünfte selbst, sie trafen aufeinander, weil sie beispielsweise durch die Gegend radelten. Die Buden und Konstrukte, die sie errichteten, fanden keine Anerkennung der Eltern. Denn die Eltern sahen sie so gut wie nie. Was für ein Kontrast zu den engagierten amerikanischen Eltern von heute, die ihrem Nachwuchs bei banalsten Verrichtungen mehrmals täglich ein ermunterndes „good job“ entgegen schmettern.

          Im Jahre 2004 kehrte Hart in den Ort seiner Studie zurück, um herauszufinden, wie sich Kinder 30 Jahre später schlugen. Die erste Feststellung war, dass die Kinder so gut wie nie ohne ihre Eltern oder andere Aufsichtspersonen waren. Die zweite war, dass sich ihre Reichweite deutlich verringert hatte. Sie verließen die Häuser und Gärten ihrer Familien nur noch selten, wie Hart der „Atlantic Monthly“-Autorin Hanna Rosin verriet, es sei denn, sie hatten einen Termin: Tanzen, Gymnastik, Fußball, solche Sachen.

          Hart zeigte in seiner Untersuchung, wie die Kinder von 1972 als Personen wuchsen. Nach und nach eroberten sie unbekanntes Terrain, überquerten allein Straßen, gingen allein Einkaufen und fanden kleine Jobs in der Nachbarschaft. Ihre Kompetenz und Unabhängigkeit nahmen zu, weil sie lernten, Sachen zu machen, die früher noch nicht konnten. Heute, so schreibt Hanna Rosin in ihrem bahnbrechenden Essay „The overprotected Kid“ (das überbehütete Kind) verbringen die Kinder viel Zeit mit Erwachsenen, reden wie diese und denken wie diese: „Aber sie entwickeln nicht das Selbstvertrauen, wahrhaft unabhängig und selbständig zu sein.“ Und das Neue zu wagen.

          Auflagen für Limonadenstände

          Der neue Erziehungsstil hat messbare Folgen: Die amerikanischen Kinder werden immer intelligenter. Doch seit 25 Jahren schrumpft ihre Fähigkeit zum kreativen Denken. Die amerikanische Forscherin Kyung Hee Kim spricht von einer Kreativitätskrise. „Die Fähigkeit jüngerer Kinder, einzigartige und ungewöhnliche Ideen hervorzubringen hat signifikant nachgelassen nach seit 1990“, schreibt Kim. Ihre Ergebnisse zeigten, dass die Kinder von heute weniger energiegeladen, weniger gesprächig, weniger humorvoll, weniger phantasievoll und weniger leidenschaftlich seien. Sie bewiesen weniger Lust, scheinbar irrelevante Dinge zu verknüpfen und seltener die Fähigkeit, Angelegenheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Kim, die für ihre Untersuchung Tausende Ergebnisse aus dem so genannten Torrance-Test ausgewertet hat, glaubt, dass Kreativität in der Familie, der Schule und der Gesellschaft weniger zugelassen wird.

          Eine Institution allerdings steht trotzt all des Behütungsterrors für den unzerbrechlichen Unternehmergeist der Amerikaner. Es ist der Limonadenstand. An Sommerwochenenden stellen amerikanische Kinder und Jugendliche einen Campingtisch an den Straßenrand und verkaufen Zitronenbrause. Die Nachbarn kommen vorbei, geben einen Dollar, manchmal sogar fünf. Die Kinder fühlen sich als kleiner Unternehmer, als selbständige Akteure des Wirtschaftslebens. Sie lernen Geld wechseln, den Umgang mit Fremden, die Kalkulation von Mengen, die Bedeutung des Standorts und dass Regen schlecht fürs Geschäft ist. Manche Eltern pochen in pädagogischer Absicht darauf, dass sie das Geld für die ausgepressten Zitronen bekommen. Die Lektion daraus: Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Es ist eine gute Tradition und praktisch jeder Amerikaner berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als junger Limonadenunternehmer. Wer könnte etwas dagegen haben?

          Im Juni vergangenen Jahres kreuzte der Polizeichef von Overton/Texas durch die Stadt und entdeckte den Limonadenstand der beiden Schwestern, und fragte die Mutter nach der Betriebslizenz. Sie hatte keine. Die Geschichte fand Verbreitung wie ein Lauffeuer und Amerikas erstauntes Publikum erfuhr, dass Amerikas Limonadenstände in der Regel illegal sind, nur dass das Recht früher nicht durchgesetzt wurde. Die texanische Stadt Austin, vermeintliche Hochburg des Liberalismus, im tiefen Süden, hat ihre Auflagen zum Betrieb eines Brausestandes konkretisiert. So ist es verboten, daheim gefertigte Zitronenlimonaden zu verkaufen, sie muss aus dem Supermarkt kommen. Die Stände müssen überdies ein Dach haben. In der Konfrontation mit der Ordnungsmacht lernen die Kinder natürlich auch. Nämlich, das sich all der Aufwand nicht lohnt. Oder sie haben Eltern, die sie ermuntern, nicht immer nach den Regeln zu spielen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Militärübung Zapad: Alexandr Lukaschenko Mitte September auf dem Truppenübungsplatz Obuz-Lesnovsky

          Sorgen um die Ukraine : Lukaschenko droht für Putin

          Der Minsker Machthaber kündigt „Manöver“ mit Russland nahe der Ukraine an – und stellt sogar die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus in Aussicht.

          Zapfenstreich für Merkel : Abschied mit Fackeln und Schlagern

          Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von Angela Merkel nach 16 Jahren im Amt. Die Kanzlerin hält zwei Ratschläge bereit – und freut sich über Schlager aus Ost und West.
          Angela Merkel und Olaf Scholz am Donnerstag in Berlin

          Merkel und Scholz : Letzter gemeinsamer Schlag gegen das Virus

          Angela Merkels wohl letzte Corona-Ministerpräsidentenkonferenz ist eine Arbeitssitzung fast wie immer. Kleine Freundlichkeiten gibt es trotzdem für ihren wahrscheinlichen Nachfolger.
          Tritt von der politischen Bühne ab: Sebastian Kurz am Donnerstag in Wien

          Österreichs früherer Kanzler : Wie lange ist Kurz weg?

          Österreichs früherer Kanzler Sebastian Kurz legt seine politischen Ämter nieder und spricht davon, dass er seine Begeisterung verloren habe. Ob es ein Abschied für immer sein soll, bleibt offen.