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Amerika : Tabakindustrie in Fesseln

Philip Morris hat seine Strategie im Auftreten gegenüber der Öffentlichkeit und der Regierung radikal verändert Bild: AP

Seine persönlicher Hang zur Zigarette hat Barack Obama nicht davon abgehalten, die Tabakindustrie scharf zu attackieren. Ein neues Gesetz unterwirft die Branche einer strengen Regulierung. Marktführer Philip Morris hat das Gesetz sogar unterstützt.

          Es ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse im Weißen Haus: Raucht der amerikanische Präsident Barack Obama noch immer? Über seinen Vorsatz, sich den Zigarettenkonsum abgewöhnen zu wollen, ist während des Wahlkampfs im vergangenen Jahr oft gesprochen worden. Seit er im Weißen Haus ist, wurde er nie öffentlich mit einer Zigarette erwischt. Die Frage blieb auch offen, nachdem Obama am Montag ein weitreichendes Gesetz zur Regulierung der Tabakindustrie unterzeichnet hatte. In seiner Rede gab der Präsident lediglich zu, als Teenager mit dem Rauchen angefangen zu haben. Sein Pressesprecher Robert Gibbs deutete an, dass das Kapitel noch nicht abgeschlossen ist: "Es ist weiterhin ein Kampf für ihn", sagte er.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Seine persönliche Affinität zu Zigaretten hat Obama nicht davon abgehalten, die Tabakindustrie scharf zu attackieren. Er warf den Unternehmen aggressive Methoden vor, um Kinder und Jugendliche zum Rauchen zu bringen. Das junge Zielpublikum sei "einem konstanten und hinterlistigen Bombardement von Werbung ausgesetzt".

          „Light“ oder „mild“ sollen verboten werden

          Das neue Gesetz ist einer der härtesten Eingriffe, den die amerikanischen Regierung jemals mit Blick auf die Geschäftspraktiken der Tabakindustrie unternommen hat. Die Zigarettenhersteller werden nun unter die Aufsicht der Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) gestellt, die sich sonst vor allem mit der Sicherheit von Medikamenten und Lebensmitteln beschäftigt. Sie kann den Nikotingehalt von Zigaretten regulieren und den Einsatz von Chemikalien verbieten. Bezeichnungen wie "light" oder "mild" sollen künftig ganz verboten werden, Zigarettenschachteln müssen deutlich größere Warnhinweise auf gesundheitsschädigende Wirkungen der Produkte bekommen. Auch bei der Werbung bekommt die Branche strenge Grenzen gesetzt: So dürfen zum Beispiel künftig keine Reklametafeln in der Nähe von Schulen oder Kindergärten plaziert werden. Das Gesetz geht nicht so weit, Zigaretten oder den Inhaltsstoff Nikotin ganz zu verbieten, aus Sorge, dass eine Kriminalisierung einen Schwarzhandel entstehen lassen würde.

          Das neue Gesetz legt der Industrie in ihrem wichtigen amerikanischen Heimatmarkt Fesseln an. Die Zahl der Raucher in Amerika ist zwar in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich geschrumpft. Noch immer liegt der Raucheranteil der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten aber bei rund 20 Prozent (im Jahr 1965 waren es noch mehr als 40 Prozent).

          Zigarettenhersteller unterstützt das Gesetz

          Umso bemerkenswerter ist es, dass der größte amerikanische Zigarettenhersteller Altria das neue Gesetz unterstützt hat. Altria ist die Muttergesellschaft von Philip Morris, dem Hersteller der Marke Marlboro. Philip Morris dominiert mehr als 50 Prozent des amerikanischen Zigarettenmarktes, allein auf Marlboro entfiel zuletzt ein Anteil von 42,4 Prozent. Das Unternehmen hat seine Strategie im Auftreten gegenüber der Öffentlichkeit und der Regierung in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Früher kämpfte das Unternehmen gegen Regulierung und bestritt die Gefahren des Rauchens für die Gesundheit. Heute zahlt der Marlboro-Hersteller Kampagnen zur Aufklärung von Jugendlichen über die schädlichen Wirkungen von Zigaretten.

          Das Unternehmen hofft, mit solchen Aktionen sein Image zu verbessern. Kleinere Konkurrenten wie der Camel-Hersteller Reynolds vermuten hinter dem gewandelten Auftreten von Altria aber ganz andere Motive. Die Unterstützung des Gesetzes sei vor allem ein Versuch des Marktführers, seine dominierende Position weiter zu zementieren. Einschränkungen bei der Werbung hätten den Effekt, dass den kleineren Herstellern Instrumente weggenommen werden, um ihre Marktanteile auszubauen. Der Wettbewerber Lorillard, der die in Amerika populäre Mentholzigarette Newport herstellt, nannte das neue Gesetz daher spöttisch den "Marlboro Monopoly Act" - dem "Marlboro Monopolgesetz". Reynolds und Lorillard haben sich deshalb im Gegensatz zu Altria auch nicht für das Gesetz ausgesprochen.

          Tatsächlich versteht es Altria seit Jahren, sich in einem immer widrigeren Umfeld für die Zigarettenindustrie gut zu behaupten. Der Branche werden ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen, von immer neuen Steuererhöhungen bis zu umfassenderen Rauchverboten. Das führt zwar auf der einen Seite dazu, dass weniger geraucht wird und die Absatzmengen schrumpfen. Aber andererseits profitiert Altria davon, dass Zigaretten als Produkt mit Suchtwirkung weniger preissensibel sind als die meisten anderen Konsumgüter und es vielen Kunden schwer fällt, vom Zigarettenkonsum zu lassen. So können Absatzrückgänge mit Preiserhöhungen aufgefangen werden, und das zeigt sich an den Geschäftszahlen des Unternehmens: Im vergangenen Jahr schrumpfte der Absatz von Philip Morris in Amerika um mehr als 3 Prozent, der Umsatz legte aber um 1,5 Prozent zu.

          Aufseher in der Kritik

          Beobachter äußern die Sorge, ob die ohnehin schon chronisch überlastete FDA in der Lage ist, eine starke regulierende Hand für die Tabakindustrie zu sein. Skandale um Nebenwirkungen von Medikamenten oder verunreinigte Lebensmittel haben die FDA in den vergangenen Jahren oft genug ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht. Der Behörde wurde vorgeworfen, zu lasch bei der Kontrolle zu sein. Zumindest muss die FDA die zusätzlichen Kapazitäten für die Aufsicht der Tabakindustrie nicht selbst bereitstellen: Die neue Regulierungsorganisation muss von den Zigarettenherstellern selbst finanziert werden.

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