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Amerika : Der Ökonom von Bush

  • -Aktualisiert am

Bastelt an Bushs Wirtschaftsprogramm: Lawrence B. Lindsey Bild: AP Graphics Bank

Lawrence Lindsey wurde von George W. Bush zum obersten Wirtschaftsberater ernannt. Der Professor im Hintergrund soll Bushs „mitfühlenden Konservativismus“ ökonomisch definieren.

          Ein Fall von Liebe auf den ersten Blick: Als George W. Bush im Sommer 1998 erstmals auf Lawrence Lindsey stieß, war er auf Anhieb von dem Wirtschaftsprofessor begeistert. Kurze Zeit später engagierte er ihn als seinen obersten Wirtschaftsberater. In dieser Funktion wird Lindsey nun auch nach Washington ziehen. Dabei dürfte dem heute 46-jährigen Harvard-Absolventen das Weiße Haus gut bekannt sein. Wie so viele andere aus Bushs Regierungsmannschaft diente Lindsey bereits unter George Bush senior als Berater.

          Erste politische Gehversuche machte der damals 18-Jährige freilich 1972 als studentischer Wahlkampfhelfer des demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern. Ihm sei die staatskapitalistische Haltung Nixons und dessen Liebäugeln mit Preis- und sonstigen Marktkontrollen ein Gräuel gewesen, rechtfertigt er seine Jugendvorliebe. Eine Abneigung gegen jegliche Form staatlicher Eingriffe in die Wirtschaftsabläufe prägt seither sein Denken, das er in Büchern wie „The Growth Experiment“ von 1990 zu Papier gebracht hat. Darin verteidigt er vehement die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik von Ronald Reagan.

          Das System der Reaganomics: Die Steuern radikal senken, um die Produktionsseite von staatlichen Zwängen weitgehend zu befreien und so ihre Dynamik zu entfalten. Netter - theoretischer - Nebeneffekt: Trotz niedrigerer Sätze sinkt das Gesamtaufkommen der Steuern dank der angekurbelten Produktion nicht.

          Jenseits der reinen Lehre

          Doch Lindsey als reinen Angebotstheoretiker abzustempeln, der in Steuersenkungen eine Art Allheilmittel für die Wirtschaft sieht, wäre zu kurz gegriffen. Der Mann ist wandlungsfähig. So lässt er schon mal durchblicken, dass er lieber den unter Clinton zu kurz gekommenen „working poor“ mit Finanzspritzen unter die Arme greifen würde, als Corporate America nach zehn Jahren satter Gewinne mit Steuersenkungen zu umgarnen. Womit er sich auch ganz auf Linie des neuen, wenn auch etwas schwammigen Leitmotivs eines „mitfühlenden Konservativismus“ befindet. „Es würde nicht zur Glaubwürdigkeit der Bush-Administration passen, wenn sie als erstes den Spitzensteuersatz senkt“, meint Patrick Franke, US-Experte bei der Commerzbank.

          Wie stark die Steuern letzten Endes gesenkt werden, hängt nicht zuletzt auch von der Haltung des amerikanischen Notenbank-Chefs Alan Greenspan ab. Der greise „Magier der Märkte“ hat bereits angedeutet, dass er von radikalen Schritten nichts hält. Wie wichtig ihm die Nähe zum Fed-Präsidenten ist, machte Bush gleich bei seinem ersten offiziellen Besuch in Washington nach der Wahl klar: Nicht Clinton oder gar Gore war sein erstes Ziel, sondern der Sitz des Notenbank-Chefs.

          Und auch Lindsey weist gerne darauf hin, dass er Greenspan aus seiner fünfjährigen Erfahrung als Notenbank-Gouverneur bestens kennt. In einem Artikel für das „Wall Street Journal“ im Sommer vergangenen Jahres hat er für eine Wiederwahl Greenspans als Notenbank-Chef plädiert und in seinem jüngsten Buch „Economic Puppetmasters“ liefert er ein gefühlvolles Porträt einer der seiner Ansicht nach einflussreichsten Entscheidungsträger der Welt: Alan Greenspan.

          Flüsterer im Hintergrund

          Insgeheim dürfte sich der Vater von zwei Kindern sogar Hoffnungen gemacht haben, aufgrund seiner guten Kontakte zum Finanzminister ernannt zu werden. Doch Pech gehabt: Auch der ehemalige Konzern-Chef Paul O´Neill, der zur großen Überraschung fast aller Beobachter letzten Endes das Rennen gemacht hat, kann sich bester Beziehungen zur grauen Eminenz Greenspan rühmen. Ob O´Neill allerdings das Renomee seiner beiden Vorgänger Lawrence Summers oder Robert Rubin entwickeln kann, wird in Washington eher angezweifelt. „Kein Mann der Märkte“, lautet die Kritik an dem neuen Finanzminister, der obendrein auch nicht auf eine akademische Karriere verweisen kann.

          So wird es vermutlich doch Lindsey in seiner Rolle als oberster Wirtschafts-Einflüsterer zufallen, im Hintergrund die größeren wirtschaftspolitischen Weichen zu stellen. Ob sich die ökonomischen Leitlinien der Bush-Ära deshalb großartig von jenen der Clinton-Periode unterscheiden werden, darf bezweifelt werden. Schon allein der äußerst knappe Ausgang bei der Präsidentschaftswahl oder die fast ausgeglichene Sitzverteilung im Kongress wird eine radikale Kehrtwende erschweren. Das sieht selbst Lindsey so, der auf die Frage, wie er denn den Unterschied zur Clinton-Administration charakterisieren würde, antwortete: „Es sind letztlich nur verschiedene Schattierungen von Grau“.

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