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Amerika : Das geheime Firmenimperium der Mormonen

Der mächtige Mormonen-Tempel von Salt Lake City. 1847 wurde die Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Utah von Mormonen gegründet. Bis heute prägt die Glaubensgemeinschaft die Stadt. Bild: dapd

Die Republikaner machen den Mormonen Mitt Romney zum Präsidentschaftskandidaten. Die Mormonen sind nicht nur eine Kirche, sondern auch ein Finanzimperium: Das stößt bei manchen Gläubigen auf Missmut - ihnen wird die Kirche zu kommerziell.

          6 Min.

          Ron Madson hält sich für einen engagierten und gläubigen Mormonen. Aber in jüngster Zeit kann sich der 57 Jahre alte Anwalt aus Salt Lake City nur noch wundern: „Das ist nicht mehr die Kirche, wie ich sie kenne“, sagt er über seine Glaubensgemeinschaft, die sich offiziell Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nennt. Als die Mormonen im März das luxuriöse Einkaufszentrum „City Creek Center“ in Salt Lake City eröffneten, ging ihm das zu weit. Es war für ihn ein Symbol, wie sehr sich Kommerz in seiner Kirche ausgebreitet hat - und machte ihm bewusst, dass die Mitglieder darüber weitgehend im Dunkeln bleiben. Madson schloss sich einer Unterschriftensammlung im Internet (“bycommonconsent.org“) an, die von der Kirche einen jährlichen Finanzbericht fordert. Knapp 800 Unterschriften gab es seit dem Start im Juli; aus Sicht von Madson kein schlechtes Ergebnis in einer Organisation, in der offenes Aufbegehren nicht allzu oft vorkommt und nicht von jedem geschätzt wird. Madsons 35 Jahre alter Sohn Joshua hat das zu spüren bekommen, nachdem er sich eingetragen hat: „Ich habe seither zehn oder mehr Facebook-Freunde verloren.“

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Mormonen sind nicht nur eine Kirche, sie sind auch ein Firmenimperium. Unter ihrem Dach koexistieren gemeinnützige Aktivitäten mit einer Fülle gewinnorientierter Unternehmen. Diese Verquickung ist kein Zufall, denn Spirituelles und Weltliches gehören für die Kirche zusammen „wie zwei Seiten einer Medaille“, sagte Dieter Uchtdorf aus dem obersten Führungsgremium 2011 in einer Rede. Die finanzielle Unabhängigkeit der Kirche und ihrer Mitglieder ist ein wesentliches Prinzip der Mormonen.

          Mitt Romney, der beim Parteitag in Florida in dieser Woche offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt werden soll, ist insofern ein Vorzeigevertreter. Nach allem, was man weiß, ist Romney ein sehr gläubiger Mormone, auch wenn er damit öffentlich nicht hausieren geht. Zudem ist Romney schwerreich, sein Vermögen wird auf 200 Millionen Dollar geschätzt. Romney blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Finanzinvestor bei Bain Capital zurück und preist sich den Amerikanern als Kandidat an, der mehr von der Wirtschaft versteht als sein Rivale Barack Obama.

          Mormonen halten Finanzdaten unter Verschluss

          Was Romney noch mit seiner Kirche verbindet, ist ein Hang zur Geheimniskrämerei bei den eigenen Finanzen. Romney ziert sich, Steuererklärungen zu veröffentlichen, die weiter zurückreichen als zwei Jahre, was ihm unablässige Attacken von Demokraten einbringt. Die Mormonen halten ihre Finanzdaten weitgehend unter Verschluss und geben nur sporadische Zahlenhäppchen preis. Damit laden sie zu Spekulationen ein, die sie dann regelmäßig diskreditieren.

          Vorzeigevertreter der Mormonen: Republikaner und zukünftiger Präsidentschaftskandidat Mitt Romney

          Die Mormonenkirche hat mehrere Einnahmeströme, zwei von ihnen kommen direkt von den Mitgliedern: Mit Abstand am wichtigsten dürften die Zehntengelder sein: Mormonen sind angehalten, 10 Prozent ihres Einkommens an die Kirche abzuführen. Ryan Cragun, Soziologieprofessor an der Universität in Tampa und ehemaliger Mormone, schätzt, dass jährlich 7,4 Milliarden Dollar zusammenkommen. Darauf kam er durch Hochrechnen von Zahlen aus Ländern wie Kanada, in denen Kirchen anders als in den Vereinigten Staaten Finanzdaten vorlegen müssen. Neben dem Zehnten gibt es das Fastenopfer: An einem Tag im Monat sollen Mormonen auf zwei Mahlzeiten verzichten und das gesparte Geld spenden. Dieses Opfer verteilt die Kirche nach eigener Aussage an Bedürftige. Die Zehntengelder fließen vor allem in Ausbau und Erhalt der Infrastruktur: die 138 opulenten Tempel auf der Welt, die mehr als 18.000 Gemeindehäuser oder die vier Universitäten.

          Versicherung, Gastronomie, Medien

          Dann gibt es die gewinnorientierten Unternehmen. Ein großer Teil ist in der Deseret Management Corporation (DMC) gebündelt. Diese Holding hat nach Kirchenangaben sieben Tochtergesellschaften: Eine Versicherung (Beneficial Financial Group), eine Gastronomiegruppe (Temple Square Hospitality) und fünf Medienunternehmen, darunter ein Zeitungs- und ein Buchverlag, Fernseh- und Radiostationen sowie eine Internetgesellschaft. Die Zeitschrift „Bloomberg Businessweek“ bezifferte den kombinierten Jahresumsatz der DMC-Gesellschaften kürzlich auf 1,2 Milliarden Dollar. Diese Zahl wurde der Publikation zufolge von einem Vertreter der Holding erst bestätigt, dann aber von einem Sprecher der Kirche bestritten. Einen minimalen finanziellen Einblick gewährt die Kirche selbst nur bei der Beneficial-Versicherung, deren Vermögenswerte mit 3,2 Milliarden Dollar angegeben werden.

          Gewinnorientiert ist auch die Agreserves Inc., zu der riesige land- und forstwirtschaftliche Betriebe gehören. Darunter sind die fast 1200 Quadratkilometer großen Deseret Ranches in Florida, eine Farm mit Zehntausenden von Rindern sowie Obstanbau und Holzbewirtschaftung. Soziologe Cragun schätzt den Wert der Farm auf eine Milliarde Dollar. Dann gibt es die Immobiliensparten wie die City Creek Reserves Inc., die hinter dem Einkaufszentrum und daran angeschlossenen Apartementhäusern steht. Zur Kirche gehörende Medien haben die Kosten für den Komplex auf 1,5 Milliarden Dollar beziffert.

          „Milliarden von Dollar wechseln jeden Tag die Hände"

          Besonders rätselhaft ist die Investmentgesellschaft Ensign Peak Advisors. Nach Meinung des Anthropologen Daymon Smith, der ein Buch über die Finanzen der Kirche (“The Book of Mammon“) geschrieben hat, ist Ensign Peak „der Schlüssel“ unter den Geschäften der Mormonen und viel bedeutsamer als die gewinnorientierten Unternehmen. Smith ist selbst Mormone und hat vor mehr als fünf Jahren einige Monate lang in der Verwaltung der Kirche gearbeitet. Die kircheneigene Zeitung „Deseret Morning News“ zitierte einen Manager von Ensign Peak 2006 mit den Worten: „Milliarden von Dollar wechseln jeden Tag die Hände.“ Michael Purdy, ein Sprecher der Mormonen, wollte diese Aussage auf Anfrage nicht kommentieren und sagte nur, Ensign Peak „verwaltet bestimmte Aspekte des Finanzportfolios der Kirche“.

          Der Historiker Michael Quinn, der gerade ein Buch über die Finanzen der Mormonen schreibt, sagt, die Kirche verfüge heute über „massive Barreserven“, die sie in „mehr und mehr Aktien, Anleihen und Unternehmen investiert“. Die Mormonen reden dagegen die Bedeutung der unternehmerischen Engagements klein. Der weit überwiegende Teil des Einkommens, das die Kirche für ihren Betrieb verwende, komme von den Zehntengeldern und nicht von Unternehmen oder Investitionen. Auch wird Wert auf die Feststellung gelegt, dass keine Zehntengelder in gewinnorientierte Aktivitäten fließen.

          Isolation machte Aufbau eigener Geschäfte und Banken notwendig

          Die Mormonen selbst ordnen ihre Unternehmen in den Kontext ihrer Geschichte und ihrer Lehre ein. Gegründet im Jahr 1830 im Bundesstaat New York, zog die Glaubensgemeinschaft immer weiter westwärts, oft unter Zwang wegen Verfolgung durch Nichtmormonen. Sie ließen sich schließlich in einem damals völlig entlegenen Landstrich im heutigen Bundesstaat Utah nieder. Diese Isolation habe den Aufbau eigener Geschäfte oder Banken notwendig gemacht, sagt die Kirche. Die Pionierzeiten des neunzehnten Jahrhunderts, in der sich die Mormonen von anderen Amerikanern und auch von der Regierung diskriminiert fühlten, haben materielle Unabhängigkeit zu einem wichtigen Prinzip werden lassen. Bis heute lehrt die Kirche ihren Mitgliedern, schuldenfrei zu leben und Reserven für Notzeiten bereitzuhalten - nicht nur Geld, sondern auch einen Lebensmittelvorrat, der für drei Monate reicht.

          Ebenso beschreibt die Kirche ihre Unternehmen als Vehikel für schwere Zeiten. Die Landwirtschaftsbetriebe etwa könnten im Falle einer Lebensmittelkrise nützen, die Medien seien „strategisch wichtige Kommunikationswerkzeuge“.

          Geschätztes Gesamtvermögen von 35 Milliarden Dollar

          Das wirft die Frage auf, wie das schicke Einkaufszentrum mit Läden wie Tiffany und Boss in diese Philosophie passt. Laut Sprecher Purdy geht es der Kirche um eine „Erneuerung und Revitalisierung“ ihrer Heimatstadt Salt Lake City: „Es wurde nie als eine Investition um eines finanziellen Ertrags willen gesehen.“ Ron Madson überzeugt das nicht: „Mir scheint das unvereinbar mit der Kirche. Warum haben sie stattdessen nicht ein Obdachlosenzentrum mit allen Schikanen hingestellt?“ Auch Anthropologe Smith schüttelt über das Shopping-Zentrum den Kopf: „Das lässt Salt Lake City aussehen wie Las Vegas.“

          Soziologe Cragun schätzt das Vermögen der Kirche auf 35 Milliarden Dollar. Er meint, dass die Mormonen gemessen an ihrem Wohlstand mit karitativer Hilfe knausern. Die Kirche hat nach eigenen Angaben zwischen 1985 und 2011 mehr als 1,4 Milliarden Dollar für „humanitäre Aktivitäten“ ausgegeben, etwa nach den Erdbeben in Haiti und Japan. Cragun findet das nicht allzu beeindruckend und sagt, damit spende die Kirche nur 0,7 Prozent der von ihm geschätzten jährlichen Zehntengelder. Andere Organisationen seien viel großzügiger. Kirchensprecher Purdy nennt Craguns Schätzung „spekulativ“ und „inkorrekt“. Die direkte humanitäre Hilfe gebe kein vollständiges Bild von der Wohltätigkeit der Kirche wieder. Purdy verweist auf die Wohlfahrtsprogramme zugunsten Bedürftiger auf lokaler Ebene, und auf „Hunderttausende von Stunden“, die Angehörige der Kirche verbringen, um anderen zu helfen.

          „Die Kirche ist in der Hand von Managern"

          Brian Johnston aus der Nähe von Washington, der sich als „semiaktiver Mormone“ beschreibt, kann sich persönlich über mangelnde Hilfsbereitschaft nicht beklagen. Als er vor einiger Zeit seinen Job verlor, hat der Bischof seiner Gemeinde ihn und seine Familie ein Jahr lang mit Lebensmitteln versorgen lassen. Johnston schätzt den Wert auf 10 000 Dollar. Dafür ist er dankbar, und doch findet er, dass sich die Kirche in die falsche Richtung bewegt und den Schwerpunkt zu sehr auf Materielles und zu wenig auf Spirituelles legt. „Die Kirche ist in der Hand von Managern. Sehen Sie sich die Lebensläufe der Leute an der Spitze an, das sind vor allem Wirtschaftler und Anwälte. Man findet kaum einen Theologen oder Philosophen.“ Tatsächlich hat Kirchenoberhaupt Thomas Monson, der den Titel „Präsident“ trägt und in der Kirche als Prophet gilt, zwei Wirtschafts-Hochschulabschlüsse. Auch unter den zwölf „Aposteln“, die das zweithöchste Führungsorgan bilden, sind viele studierte Wirtschaftswissenschaftler.

          Selbst die Kritiker vertrauen aber darauf, dass es der Führungsspitze in erster Linie um das Wohl der Kirche geht - und nicht etwa um persönliche Bereicherung. Soziologe Cragun meint: „Thomas Monson hat sicher ein nettes Leben, aber er ist bestimmt nicht so reich wie Mitt Romney.“

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