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Amerika : Buhlen um Asien

  • -Aktualisiert am

Bester Laune: Präsident Obama mit der thailändischen Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra Bild: dapd

Asiaten sind erfahrene Händler. Sie heißen den zurückgekehrten Partner Amerika willkommen, ohne ihn auf Kosten Chinas vorziehen zu wollen.

          3 Min.

          Mit dem Gipfelmarathon der vergangenen Tage beginnt Amerika seine Rückkehr nach Asien. China als vorherrschende Territorialmacht gerät dabei spürbar unter Druck. Denn Südostasien erkennt, wie zuvor schon Indien, welche Chancen ihm eine größere Nähe zu Amerika bietet. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

          In den vergangenen Jahren hatten die Chinesen ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zum Süden der Region kräftig ausgebaut. Mit Entwicklungs- und Militärhilfe von Pakistan bis zu den Pazifikinseln, milliardenschweren Investitionsplänen und Abkommen zur Stabilisierung der Währungen sicherten sie sich die Rolle des willkommenen großen Bruders. Amerika konzentrierte sich in der Ära Bush auf den arabischen Raum.

          Damit scheint es vorbei. Auf ihrer ersten Vietnamreise erklärte die damals neue Außenministerin Hillary Clinton, als sie dem Flugzeug entstieg: „Wir sind zurück.“ Präsident Barack Obama sagte jetzt in Australien: „Wir sind hier, um zu bleiben.“ Beide bezogen ihre Sätze auf ganz Asien. Amerika sucht den Schulterschluss mit Australien, Indien, Japan und Südostasien. Endlich erkennen die Amerikaner die Bedeutung der Wachstumsregion wieder. China, das über seinen Schatz amerikanischer Staatsanleihen enormen Einfluss auf die Vereinigten Staaten ausüben kann, nehmen sie weiterhin als Bedrohung wahr.

          Gerade Südostasien ist immer stärker in die Einflusssphäre Chinas geraten. Ein Wunder ist das nicht, denn in Singapur, Malaysia, Thailand und auch der größten Volkswirtschaft der Region Indonesien bestimmen die Nachfahren eingewanderter Chinesen das Wirtschaftsleben. Zudem belohnt Peking ihm zugewandte Länder: Der Bau von Infrastruktur bis hin zu Marinehäfen in Pakistan, Burma und auf Sri Lanka, die Militär- und Entwicklungshilfe für die Anrainerländer Indiens, jüngst der Bau der Botschaft auf den Malediven sprechen eine deutliche Sprache.

          Ausgediente Kampfflugzeuge

          Amerika durchkreuzt die Pläne der Chinesen jetzt. Indien soll mit friedlicher Atomkraft ausgestattet werden. Australien wird auf seiner Asien zugewandten Nordseite mit amerikanischem Militär verstärkt. Indonesien erhält ausgediente Kampfflugzeuge der Amerikaner. Und den führenden Ländern des südostasiatischen Staatenbundes Asean sowie Japan wird über den Beitritt zur Transpazifischen Partnerschaft Freihandel mit Amerika angeboten. Zugleich machen die Amerikaner den Chinesen unmissverständlich klar, dass sie deren angestrebte Vorherrschaft im Territorialkonflikt um das bodenschatzreiche Südchinesische Meer nicht länger dulden - und stärken damit einige Länder des Südostens, die Ansprüche anmelden.

          Südostasien, Australien und Indien sind die Gewinner der Wende der amerikanischen Politik. Beispielhaft zeigt das der Rekordauftrag für Boeing in Höhe von 22 Milliarden Dollar von einer indonesischen Fluggesellschaft, der ohne großzügige Regierungshilfe aus Washington nicht zustande gekommen wäre. Die überraschend schnelle Öffnung Burmas (Myanmars) macht es den Amerikanern zudem möglich, mittelfristig wieder mit dem gesamten Asean-Bund arbeiten zu können. Durch die Öffnung Burmas, die bis nach dessen Asean-Vorsitz 2014 kaum zurückzudrehen sein wird, steht der Bund erstmals seit Jahrzehnten handlungsfähig da. Schon fordert der malaysische Außenminister das Aufheben der Sanktionen des Westens gegen Burma. Zwar ist es fraglich, ob der Asean-Bund mit Brunei, Kambodscha und ausgerechnet Burma als Vorsitzenden in den nächsten Jahren alle Ziele wird erreichen können. Dennoch wird Südostasien die Gunst der Stunde zu nutzen wissen. Bis 2015 will es zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammenwachsen, die Handel und Investitionen sprunghaft erleichtern soll.

          Wo bleibt Europa?

          Bei allen Chancen, die Amerikas Aktionismus nun bietet, wäre es freilich naiv, zu glauben, dass der Pazifikraum vor einem Wechsel der Machtverhältnisse stünde. Asiaten sind erfahrene Händler. Sie heißen den zurückgekehrten Partner Amerika willkommen, ohne ihn auf Kosten Chinas vorziehen zu wollen. Gelingt es Amerika, Obamas Ankündigungen dauerhaft mit Inhalt zu füllen, hat das Asien jenseits Chinas künftig zwei Partner. Festlegen wird es sich nicht, sondern deren Stärke von Fall zu Fall zu nutzen wissen.

          Wo bleibt angesichts dieser Konstellation Europa? Es muss aufpassen, in Asien nicht noch weiter hinter die pazifischen Mächte zurückzufallen. Chinas und Amerikas Gewicht stehen außer Frage. Japan darf in Asien nie abgeschrieben werden, es arbeitet mit bilateralen Freihandelsverträgen. Australien spielt seinen Einfluss über seine Rohstoffe aus. Die Europäer aber schicken Kanzler und Präsidenten auf Asienreisen, hoffen auf einen Großauftrag für ihren Eurofighter in Indien, ihre Unternehmen kämpfen sich voran - doch Europa braucht vor allem einen strategischen Ansatz für die Region. Derzeit gibt Europa in asiatischen Augen das Bild einer desolaten Region ab, die nur noch Nabelschau betreibt und als Eurozone vor dem Kollaps steht. Kein Wunder, dass Asiens Politiker über die noch vor drei Jahren hoch im Kurs stehende Währungsunion in Südostasien kein Wort mehr verlieren.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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