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Amerika : Aus Angst vor den Fixkosten

  • Aktualisiert am

Finanzchefs haben eine Aversion, weitere Namen in ihre Gehaltsliste aufzunehmen Bild: dpa

Nach dem Vorbild der Just in Time-Lagerhaltung verändern amerikanische Unternehmen ihre Personalpolitik. Von bedarfsnaher Beschäftigung profitieren Aktionäre, der Druck auf die Zeitarbeitskräfte ist groß.

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          Unternehmen in den Vereinigten Staaten versuchen verstärkt, über Zeit- und Teilzeitarbeiter sowie Überstunden eine steigende Nachfrage abzufangen. Wegen der hohen Fixkosten scheuen sie, langfristig neue Mitarbeiter einzustellen. Durch diese "Just in Time"- Personalpolitik können sie flexibler auf Nachfrageschwankungen reagieren. Allerdings ist dies auch ein Grund für die Schwäche am Arbeitsmarkt seit Ende der Rezession im Jahr 2001.

          So ist die Zahl der Teilzeitarbeiter von 23 Millionen im November 2001 auf 24,1 Millionen gestiegen. Die Zahl der Zeitarbeitskräfte nahm um 309.000 auf 2,6 Millionen zu. Etwa ein Zehntel der amerikanischen Belegschaft, die bei Toyota Motor Co. in der Produktion arbeitet, sind Zeitarbeitskräfte. Und Einzelhändler, darunter Best Buy Co. und Sears, Roebuck & Co. haben Hunderte von Stellen zu ihren Lieferanten verlagert. "Niemand will auf den Fixkosten für ein großes Heer von Festangestellten sitzen, wenn die Nachfrage plötzlich nachläßt. Einstellungen und Entlassungen sind so leichter möglich," berichtet Peter Cappelli, Professor an der Wharton School of Business in Philadelphia.

          Nach dem Vorbild der Lagerhaltung

          Eine Reihe von Unternehmen führten vor zwei Jahren diese Just in Time-Personalpolitik - genannt nach dem Vorbild der Just in Time-Lagerhaltung vorübergehend ein, bis die Konjunktur wieder an Fahrt gewinnt. Aber sie hat sich zu einem dauerhaften Trend etabliert. Allerdings führen die verhaltenen Neueinstellungen dazu, daß "das Beschäftigungswachstum schwächer ist als in den neunziger Jahren und die Schwankungen stärker ausfallen," berichtet Sun Won Sohn, Chefökonom bei Wells Fargo & Co. in Minneapolis.

          Präsident George W. Bush prognostizierte im Februar, die amerikanische Wirtschaft werde in diesem Jahr einschließlich Zeit- und Teilzeitarbeitsplätzen 2,6 Millionen neue Stellen schaffen. Bisher sind die Beschäftigtenzahlen nur um 1,4 Millionen gestiegen oder im Schnitt 180.000 pro Monat. Das ist nur halb so viel wie das Weiße Haus erwartet hatte.

          Auch auf Druck der Aktionäre

          Die Zunahme der bedarfsnahen Beschäftigung ist auch auf den Druck der Aktionäre zurückzuführen, die selbst in schwächeren Zeiten gute Ertragszahlen sehen wollen. Gefördert wurde diese Personalpolitik außerdem durch die steigenden Kosten für die Einstellung von Vollzeitmitarbeitern. Dies betrifft insbesondere Leistungen wie Krankenversicherung. "Finanzchefs haben eine Aversion, weitere Sozialversicherungsnummern in ihre Gehaltsliste aufzunehmen," beobachtet Jame Gelly, Finanzvorstand bei Rockwell Automation Inc. in Milwaukee.

          Zeitarbeitskräfte erhalten weniger Lohn und keine weiteren Zusatzleistungen. Auch wenn diese Einsparungen nur kurzfristig sind, wirken sie sich doch positiv auf den Gewinn aus, erläutert Trigg Copenhaver, Finanzvorstand bei Virginia Panel. Daher werden acht von zehn geplanten Neueinstellungen bei den Unternehmen Zeitarbeitskräfte sein. "Auf die Art und Weise können Unternehmen ihre Belegschaft erweitern oder verringern, je nachdem wie es nötig ist. Sie umgehen damit Negativschlagzeilen über Entlassungen," sagt er.

          Unternehmen sparen auch Kosten, in dem sie Leistungen, beispielsweise die Gehaltsabrechnung oder die Computerwartung, outsourcen - entweder an Unternehmen in Amerika oder im Ausland. So hat beispielsweise der Elektronikhändler Best Buy im Juli seinen IT-Bereich an die Unternehmensberatung Accenture verlagert. Dabei wechselten etwa 600 Mitarbeiter zu Accenture, erläutert Sprecherin Susan Busch. Bei einigen Unternehmen winkt den Zeitarbeitskräften eine potentielle Belohnung - eine dauerhafte Anstellung. So sind im Fertigungsbereich des Autoherstellers Toyota 2.500 Mitarbeiter über Zeitarbeitsverträge oder Teilzeitverträge beschäftigt, berichtet Sprecher Dan Sieger. "Wir können sehen, ob sie gut sind und sie können sehen, ob es ihnen bei uns gefällt," erläutert er. "Wenn wir Leute mit einem festen Vertrag einstellen, kommen sie immer aus diesem variablen Teil unserer Belegschaft."

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