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Abstimmung über die Hornkuh : Wie weit geht die Tierliebe der Schweizer?

Kühe stehen am Wegrand bei der Kuhalp Fasons in Seewis, Schweiz. Bild: dpa

Am Sonntag entscheidet die Schweiz über eine ungewöhnliche Initiative: Bauern, die ihren Kühen die Hörner lassen, sollen subventioniert werden. Der Vorsprung der Befürworter schwindet allerdings.

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          Die Schweizer lieben Kühe. Aber geht diese Liebe so weit, dass sie in die Bundesverfassung schreiben, es müsse Subventionen für Bauern geben, die ihren Tieren die Hörner lassen? Die Antwort darauf gibt es am kommenden Sonntag. Dann stimmen die Eidgenossen über die Volksinitiative „für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere“ ab, die der parteilose Bergbauer Armin Capaul lanciert hat. Diese Würde sieht Capaul verletzt, weil in der Schweiz (wie auch in Deutschland) die meisten Kühe und Ziegen nach der Geburt enthornt werden. Dies sei für die Tiere noch monatelang schmerzhaft und beeinträchtige ihr Sozialverhalten, argumentiert der 67 Jahre alte Bauer, der mehr als 154.000 Unterschriften für seine „Hornkuh-Initiative“ gesammelt hat. 100.000 hätten gereicht. „Woher nimmt der Mensch das Recht, Kühe zu verstümmeln?“ fragt er.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Wer wie Capaul als Einzelner und ohne die Unterstützung durch eine Partei eine Eidgenössische Volksinitiative auf den Weg bringen will, braucht nicht nur viel Kraft, sondern auch eine große Portion Optimismus. „Mein Gefühl sagt mir, dass es ein Ja geben wird“, sagt Capaul mit Blick auf das Votum, auf das er acht Jahre hingearbeitet hat. Tatsächlich liegen die Befürworter laut Umfragen derzeit knapp vorn. Meinungsforscher verweisen allerdings darauf, dass die Zustimmungsquote zuletzt abgenommen hat. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird es wohl doch nicht reichen für Capaul. In jedem Fall endet dann sein Kampf: „Ich habe den Kühen und Ziegen eine Stimme gegeben. Damit ist mein Auftrag erfüllt“, sagte er der F.A.Z. Der Bauer, der mit seinem Rauschebart und dem gestrickten Käppi wie ein Alm-Öhi aus dem Bilderbuch erscheint, ist zu einem Liebling der Medien avanciert. Mehr als 180 Journalisten, berichtet er stolz, hätten ihn auf seinem Hof im Berner Jura besucht.

          Capauls Initiative verlangt, dass Halter von Tieren, die ihre Hörner behalten dürfen, einen zusätzlichen Zuschuss vom Staat bekommen. Damit soll ein Ausgleich dafür geschaffen werden, dass dann wegen der erhöhten Verletzungsgefahr weniger Kühe auf gleicher Fläche gehalten werden können. Die Subventionen von geschätzt 15 Millionen Franken sollen zu Lasten der übrigen Bauern aus den bestehenden Milliarden-Fördertöpfen umverteilt werden.

          Initiator der Hornkuh-Abstimmung: Der Schweizer Bauer Armin Capaul
          Initiator der Hornkuh-Abstimmung: Der Schweizer Bauer Armin Capaul : Bild: Reuters

          Das Parlament und die Regierung in Bern lehnen dieses Begehren ab. Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann befürchtet, dass die Initiative zum Gegenteil des Beabsichtigten führen würde und die Freilaufställe zu Lasten einer Haltung verschwinden könnten, bei der die Tiere im Stall angebunden werden. Der Minister sieht das Tierwohl unter dem Strich stärker beeinträchtigt. Es sei wissenschaftlich nicht belegt, dass die Wegnahme der Hörner den Kühen unverhältnismäßig schade. Capaul hingegen verweist auf eine noch laufende Studie der tierärztlichen Fakultät der Universität Bern. Demnach leidet ein großer Teil der Kälber noch Monate, nachdem man ihnen die Hornansätze mit einem 600 Grad heißen Brennstab verödet hat, unter erhöhter Schmerzempfindlichkeit.

          Ein weiterer Vorwurf der Initiativ-Gegner lautet, die Unterstützung von Hornkuh-Haltern habe rechtssystematisch nichts in der Bundesverfassung zu suchen. Dem hält Capaul entgegen, dass er es anfangs ja über eine Petition im Parlament versucht habe. Doch diese sei gescheitert. Daher habe ihm nur noch der Weg über die Eidgenössische Volksinitiative offengestanden – und deren Vorschriften landen im Erfolgsfall direkt in der Verfassung.

          Ein Tierarzt entfernt die Hörner eines Kalbes.
          Ein Tierarzt entfernt die Hörner eines Kalbes. : Bild: Reuters

          Unterdessen hat sich Migros, der größte Einzelhändler der Schweiz, die Marke „Hornkuhkäse Switzerland“ im Schweizer Markenregister schützen lassen. Unter diesem Namen soll in Kürze ein neuer Appenzeller Käse auf den Markt kommen. „Hornkuh-Rebell“ Capaul sieht das skeptisch. Er fragt sich, woher Migros die Milch für diesen Käse nehmen will. Dazu gebe es viel zu wenig Hornkühe.

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