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Alterssicherung der Deutschen : 16.000 Euro für jeden

Mehr Geld für die Deutschen – das Ifo-Institut schlägt ein neues Instrument vor. Bild: dpa

Viele Menschen wollen oder können nicht genug für das Alter vorsorgen. Forscher fordern deshalb einen schuldenfinanzierten „Bürgerfonds“.

          Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) feilt gerade an den letzten Details einer „Respektrente“ für Geringverdiener. In Kürze will er einen Gesetzentwurf dazu vorlegen. Auch die Union denkt über die im Koalitionsvertrag vereinbarte „Grundrente“ nach. Ein solcher Aufschlag soll jene, die über Jahrzehnte zu geringem Verdienst gearbeitet haben, im Alter besser stellen als jene, die nie Rentenbeiträge eingezahlt haben. Und er soll Altersarmut eindämmen helfen, die auch deshalb wächst, weil die Menschen für das Alter nicht genügend zusätzlich vorsorgen können oder wollen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das Münchner Ifo Institut bringt jetzt ein neues Instrument ins Gespräch, das die Vermögensbildung und Altersversorgung stärken soll: einen sogenannten Bürgerfonds.

          „Wegen des seit Jahren niedrigen Zinsniveaus fällt es vielen Menschen heute schwer, privates Vermögen aufzubauen. Gleichzeitig werden bei vielen die Leistungen der umlagefinanzierten Rentenversicherung kaum ausreichen, um eine gute Versorgung im Alter zu sichern“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest, einer der Autoren der am Dienstag veröffentlichten Studie. Hier könne das Instrument eines „Deutschen Bürgerfonds“ einspringen. „Da die Bürger selbst keine zusätzlichen Einzahlungen aus ihrem Einkommen leisten müssten, um das Vermögen aufzubauen, ist der Bürgerfonds vor allem für Menschen interessant, die wenig verdienen“, so Fuest.

          Schuldenabbau verlangsamen

          Die Idee der Forscher ist einfach: Der Fonds soll günstige Kredite aufnehmen und an den Finanzmärkten anlegen – und so eine erheblich bessere Rendite als der einzelne Bürger erzielen. Der Staat könne seine hervorragende Bonität dazu nutzen, um mit den Gewinnen die Rentenversorgungslücke bei Geringverdienern zu schließen, schreiben sie.

          Die deutschen Staatsschulden hätten mittlerweile die europäische Verschuldungsgrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts unterschritten. In der Zeit hoher Rendite-Unterschiede zwischen Bundesanleihen und anderen Kapitalmarktanlagen könnte der Bund daher im Rahmen der geltenden Verschuldungsregeln Schulden aufnehmen oder den Schuldenabbau verlangsamen, um die Mittel „international breit diversifiziert“ anzulegen. Dabei könne der Umstand genutzt werden, dass für Aktien und Immobilien weiter ansehnliche Renditen zu erzielen seien – wenn auch wegen der Kurs- und Wertschwankungen nicht in jedem Jahr.

          Die Differenz zwischen Schuldendienst und Anlagerendite soll nach Vorstellung der Ökonomen dann in eine Kapitalleistung für die Bürger fließen, analog zu einer Lebensversicherung. Die Simulationen des Ifo gehen von einer kreditfinanzierten Investition in Höhe von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr und einer durchschnittlichen Renditedifferenz von zwei Prozentpunkten aus. Im Ergebnis wären das derzeit 18,2 Milliarden Euro – und damit in etwa das Volumen der jüngsten Rentenpakete der schwarz-roten Koalition.

          6 Prozent Rendite pro Jahr

          Bis Geld ausgezahlt werden kann, dauert es allerdings. „Legte der Bund ab heute 0,5 Prozent des BIP im Jahr für alle Erwerbsfähigen an, finanziert durch langsameren Staatsschuldenabbau, ergäbe sich nach 50 Jahren bei einer durchschnittlichen Renditedifferenz von zwei Prozentpunkten ein Ertrag von gut 16.000 Euro pro Kopf, der mit dem Erreichen von 67 Jahren ausgezahlt werden könnte“, rechnet das Ifo vor.

          Erhalten soll die Zahlung die gesamte Wohnbevölkerung in Deutschland vom 15. Lebensjahr an. Bei einer durchschnittlichen Renditedifferenz von drei Prozentpunkten stiege die Kapitalleistung sogar auf etwa 30.000 Euro. Für rentennähere Jahrgängen fielen die Auszahlungen geringer aus. Die Verwaltung des „Bürgerfonds“ sollte dem politischen Tagesgeschäft entzogen sein und etwa durch die Bundesbank erfolgen, heißt es.

          Vorbilder für solche Fonds gibt es in Norwegen und Schweden. Die Bürger müssen dort – anders als nach dem Ifo-Vorschlag – eigene Beiträge leisten, können aber aus mehreren Fonds auswählen. Wer sich nicht entscheidet, zahlt in einen Standardfonds ein, der von einer staatlich organisierten Agentur verwaltet wird. Eine Garantie für die eingezahlten Beiträge gibt es nicht, trotzdem schnitten die Anleger in Schweden selbst während der Finanzkrise besser ab als deutsche Riester-Sparer. Seit dem Jahr 1995 beträgt die jährliche Rendite für die schwedischen Fondssparer gut 6 Prozent.

          Am skandinavischen Modell orientiert sich auch die „Deutschland-Rente“, ein Vorschlag der schwarz-grünen Landesregierung Hessens. Danach soll jeder, der nicht über ausreichend betriebliche Altersversorgung verfügt, in eine private Altersvorsorge einbezogen werden – wenn er dem nicht aktiv widerspricht. Er kann dabei selbst das Anlageprodukt wählen.

          Wer sich nicht entscheidet, dem wird automatisch das staatlich organisierte Standardprodukt zugewiesen, die „Deutschlandrente“. Auch dafür müssten die Bürger aber eigene Beiträge leisten, während das Ifo-Modell ausschließlich mit einer Finanzierung aus öffentlichen Krediten rechnet, für die natürlich der Steuerzahler haftet.

          Dazu gehören in zunehmendem Maße auch die Rentner in Deutschland. Mittlerweile sind 4,4 Millionen der insgesamt 21 Millionen Rentner im Land steuerpflichtig. Sie zahlten im vergangenen Jahr 33 Milliarden Euro Steuern, wie aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Parlamentarische Anfrage der FDP-Fraktion hervorgeht. Das entspricht gut einem Zehntel des Lohn- und Einkommensteuer-Aufkommens 2018.

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