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Altersvorsorge : Chiles Rentensystem basiert ganz auf individueller Kapitalbildung

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Das chilenische Modell mit obligatorischer Kapitaldeckung hält sich seit 23 Jahren recht gut. Kleine Reformen garantieren mehr Freiheit, zum Beispiel die Wahl zwischen unterschiedlich risikobehafteten Fondsklassen.

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          Kein anderes Land der Welt hat sein Rentensystem so frühzeitig und so grundlegend reformiert wie Chile. In Chile dekretierte der Diktator Augusto Pinochet schon 1980 das Gesetz DL 3500, mit dem das Rentensystem vom Umlageverfahren für alle neuen Beschäftigungsverhältnisse obligatorisch und vollständig auf individuelle Kapitaldeckung umgestellt wurde.

          Jeder abhängig Beschäftigte muß seither zehn Prozent seiner steuerpflichtigen Einkünfte an einen Pensionsfonds abführen, dessen Vermögen von einer privaten Verwaltungsgesellschaft (Administradora de Fondos de Pension, AFP) verwaltet wird. Zusätzlich ist ein Beitrag von 2,1 bis 2,6 Prozent für die Finanzierung einer Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung sowie als Verwaltungshonorar für die AFP zu zahlen. Der Arbeitgeber zahlt nichts. Das angesammelte Kapital und die erwirtschafteten Erträge werden später als Alters- oder Hinterbliebenenrente ausgezahlt. Für Männer liegt das Renteneintrittsalter bei 65, für Frauen bei 60 Jahren. Wer will, kann länger arbeiten. Die Höhe der individuellen Rente ist direkt abhängig von den geleisteten Beiträgen sowie von der erzielten Rentabilität der Fondsanlagen - also von der Marktentwicklung und vom Geschick des Fondsmanagements. Der Staat garantiert lediglich eine Mindestrente im Gegenwert von rund 90 Euro und deckt die Differenz, falls die angesammelten Beiträge dafür nicht ausreichen sollten. Freiwillig können die Arbeitnehmer höhere Beiträge auf die Sparkonten einzahlen, es gibt jedoch Höchstgrenzen für diese steuerfreie Kapitalbildung (derzeit rund 1280 Euro pro Monat). Selbständige können sich bis zu bestimmten Höchstgrenzen dem System anschließen.

          AFP unter staatlicher Aufsicht

          Die Pensionsfonds und die privaten Verwaltungsgesellschaften (AFP) sind rechtlich völlig voneinander getrennt. Der Beitragszahler kann den Fondsverwalter frei wählen und später auch nach Belieben von einer AFP zu einer anderen wechseln. Sollte eine AFP in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten oder nicht die vom Gesetzgeber festgelegten Mindestanforderungen erfüllen können, so wird die Verwaltung des Fondsvermögen durch die staatliche Aufsichtsbehörde auf eine andere AFP übertragen. Die Beitragszahler bleiben in jedem Fall Eigentümer ihrer individuellen Konten. Den gesetzlichen Anforderungen gemäß muß jede AFP auf das von ihr verwaltete Vermögen mittelfristig eine Mindestrendite erwirtschaften, die sich an der durchschnittlichen Leistung der Branche orientiert. Schafft eine AFP das nicht, wird sie geschlossen.Heute sind mit 3,5 Millionen Beitragszahlern praktisch alle chilenischen Arbeitnehmer bei einer der sieben AFPs altersgesichert. Auf den individuellen Konten der Pensionsfonds hat sich ein Vermögen im Wert von 40 Milliarden Dollar angesammelt, das entspricht rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der größere Teil des Vermögenswachstums stammt aus den Renditen der Anlagen. Bis zum Jahr 1999 lag die durchschnittliche Jahresrendite bei 11,3 Prozent; in den vergangenen drei Jahren betrug sie im Mittel immer noch 4,7 Prozent.

          Entscheidender Beitrag zum Wirtschaftswachstum

          Die Chilenen sind mit ihrem Rentensystem im großen und ganzen zufrieden. Kleinere Reformen der vergangenen Jahre richteten sich auf die Verbreiterung der Wahlmöglichkeiten für die Beitragszahler und auf die Diversifizierung des zulässigen Anlagespektrums der Pensionsfonds. So können die Beitragszahler zwischen fünf verschiedenen Fondsklassen mit mehr oder weniger risikofreudigen Anlagestrategien wählen.Das meiste Geld ist bei inländischen Banken und Unternehmen angelegt (53 Prozent des Vermögens Ende 2002).

          Diese Kapitalbildung hat entscheidend zum Wachstum der chilenischen Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten beigetragen. Etwa ein Viertel des Wirtschaftswachstums und der inländischen Ersparnis in den neunziger Jahren seien der Rentenreform zu verdanken, kalkulierten Fachleute der Zentralbank. Im Vergleich zu anderen Ländern haben die chilenischen Pensionsfonds wenig Geld in lokalen Staatstiteln angelegt (30 Prozent), dagegen viel im Ausland (16,4 Prozent. Die Auslandsanlagen dienen der Verringerung des Risikos.

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