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: Alte Werte für eine neue Welt

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Der wichtigste Mann des Weltwirtschaftsforums ist in diesem Jahr Barack Obama. Der neue amerikanische Präsident und seine Politik werden die Gespräche der Teilnehmer des Gipfeltreffens in Davos beherrschen.

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          Der wichtigste Mann des Weltwirtschaftsforums ist in diesem Jahr Barack Obama. Der neue amerikanische Präsident und seine Politik werden die Gespräche der Teilnehmer des Gipfeltreffens in Davos beherrschen. Aber Obama selbst wird nicht kommen. Und auch aus seiner engeren Umgebung wird wohl nur seine Vertraute Valerie Jarrett der Einladung des WEF-Gründers Klaus Schwab folgen. Wer immer aus dem Umfeld Obamas letztlich in die Schweiz reist, wird umso mehr Zuhörer finden. Denn nicht nur die 40 Staats- und Regierungschefs, die das Kongresszentrum und die Hotels in der Umgebung bevölkern, wollen sich so schnell wie möglich eine Meinung über die künftige amerikanische Wirtschaftspolitik bilden - auch die mehr als 1400 Chefs großer Unternehmen treiben inmitten der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten kaum andere Fragen um.

          Natürlich geht es ihnen in diesen Tagen vor allem um die konkreten Details künftiger regulatorischer Eingriffe des Staates, um die nächsten Schritte zur Rettung der Banken und um die Frage, wie viele Milliarden Dollar die Amerikaner in ihre Industrie pumpen werden, damit die Bänder in den Fabriken nicht (noch länger) stillstehen. Vielleicht finden sie die meisten Antworten Obamas auf diese Fragen aber schon nach einer genauen Lektüre seiner Antrittsrede, die er in der vergangenen Woche gehalten hat. Seine Formulierungen sagen den Zuhörern und Lesern zwar nicht, was er morgen und übermorgen im Detail entscheiden wird. Sie geben aber Aufschluss darüber, wie sich Obama die Welt nach der Krise vorstellt, und über den Weg, den es zu beschreiten gilt, um die Krise zu bewältigen. Damit hat er, vermutlich eher unfreiwillig, eine Rede gehalten, die zum Thema des diesjährigen Gipfeltreffens in den Schweizer Bergen nicht besser passen könnte, geht es in den kommenden Tagen bis zum 1. Februar doch genau darum. "Shaping the post-crisis world" ist das Motto, frei auf Deutsch übersetzt also: Die Welt nach der Krise gestalten.

          Obama hat in seiner Rede zudem alle Themen angesprochen, die seit Jahren ohnehin regelmäßig die Diskussionen in Davos beherrschen. Dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten geht es um eine verbesserte Zusammenarbeit und ein besseres Verständnis unter den Nationen dieser Welt. Obama strebt Allianzen an, die auf langfristigen Überzeugungen beruhen in einer Welt, die nicht zuletzt durch technische Fortschritte (die in Davos stets ein großes Thema sind) immer enger zusammenwächst. Obama pocht auf Werte wie Ehrlichkeit und harte Arbeit, auf Mut und Fairness, auf Toleranz und Neugier, auf Loyalität und Vaterlandsliebe. Er fordert eine neue Ära der Verantwortlichkeit. Er spricht damit vielen Menschen aus der Seele. Nicht nur denen, die in den vergangenen Monaten Geld an der Börse verloren haben, sondern auch denen, die in diesen Tagen ihren Arbeitsplatz verlieren, deren Unternehmen sparen muss oder gar in die Insolvenz geht. Er spricht für Menschen, die schon seit Wochen kurzarbeiten müssen - und diejenigen, die davon vielleicht noch nicht betroffen sind, aber sich fragen, wann es sie erwischen könnte. Denn noch ist im Alltag der Menschen an die Gestaltung der Welt nach der Krise noch nicht zu denken, gilt es doch, zunächst die Fehler derjenigen auszubügeln, die die Krise verursacht haben: die Fehler verantwortungsloser Finanzjongleure eben, die in den Augen der meisten ihren vormaligen Reichtum eben nicht mit der Hilfe harter Arbeit ehrlich erschaffen haben, denen es an Mut und Fairness gefehlt hat, die ihrer Verantwortung offensichtlich nicht nachgekommen sind.

          Darum geht es Obama - und auch den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums: Dass die Menschen auch künftig an alle Segnungen glauben, die freie Marktkräfte in einer globalisierten Welt für die Menschen entfalten können. Dafür aber bedarf es Führungskräften, die mit diesen Segnungen verantwortungsbewusst umgehen können, und, auch das hat Obama schon gesagt, einiger neuer Regeln, die dem Handeln der Verantwortlichen wieder einen zeitgemäßen Rahmen geben. Obama, ohnehin ein Freund historischer Vergleiche, schreckt in dieser Hinsicht vor dem Blick auf größte Vorbilder nicht zurück. Er erinnert daran, wie die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika ihren Bürgern die Regeln gaben, die auch heute noch die Grundlagen für Recht und Gesetz in einem freien Land sind. Hieran will er in seiner Regierungszeit anknüpfen und versucht, den Menschen den Mut zu geben, der dafür nötig ist, dunkle Zeiten zu überstehen: Nein, die Fabriken und die Menschen, die in ihnen arbeiten, sind durch die Krise nicht unproduktiver geworden, als sie es zuvor waren, und auch die handwerklichen oder geistigen Fähigkeiten sind nicht geringer geworden.

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