https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/als-das-ende-der-heimarbeit-erkaempft-wurde-17018303.html

Die Geschichte des Homeoffice : Als das Ende der Heimarbeit erkämpft wurde

Heimarbeit 1844: Schlesische Weber, Lithographie aus dem Zyklus „Weberaufstand“ von Käthe Kollwitz Bild: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Heute lieben alle das Homeoffice. Dabei wurde die Trennung von Wohnen und Arbeiten einst hart erkämpft. Ohne sie gäbe es weder Freizeit noch Privatleben.

          6 Min.

          Jetzt wird die Wohnung für viele wieder zum Büro. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt, deshalb schicken selbst Firmen, die ihr Personal über den Sommer schon zurückgeholt hatten, die Leute wieder nach Hause. Erstaunlicherweise halten das viele für einen Fortschritt – und fordern, dass das auch in der Zeit nach Corona wenigstens zum Teil so bleibt. In der kommenden Woche will die Union einen Vorschlag dazu machen; am lautesten aber sind in der Sache ausgerechnet Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Offenbar haben sie den jahrzehntelangen Kampf vergessen, den sie einst gemeinsam mit bürgerlichen Sozialreformern gegen die Heimarbeit führten. Und in der Gesellschaft insgesamt scheint das Bewusstsein dafür verlorengegangen zu sein, welchen zivilisatorischen Fortschritt die Trennung von Wohnen und Arbeiten darstellte.

          Ralph Bollmann
          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Lange genug galt die Arbeit in den eigenen vier Wänden als der Inbegriff der Rückschrittlichkeit. Es waren Heimarbeiter, die das, was seither die „soziale Frage“ hieß, in Deutschland auf die nationale Agenda setzten. Im schlesischen Peterswaldau zogen 1844 die Handwerker, die daheim unter elenden Bedingungen Textilien fertigten, zur Villa der Fabrikanten Ernst Friedrich und August Zwanziger und zertrümmerten das Mobiliar. Die preußische Polizei schlug den Aufstand zwar brutal nieder, sie konnte aber nicht verhindern, dass fortan auch bürgerliche Kreise über die Notwendigkeit einer Sozialreform diskutierten. Noch ein halbes Jahrhundert später, 1892, sorgte die Episode für einen Skandal. Als der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, ein gebürtiger Schlesier, den Aufstand in seinem am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführten Drama „Die Weber“ aufgriff, kündigte der Kaiser dort seine Loge.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Betrugsvorwurf im Schach : Mensch oder Maschine?

          Spekulationen um Hans Niemanns rasanten Aufstieg gibt es seit langem. Weltmeister Magnus Carlsen wirft ihm nun auch offen Betrug vor. Kann es sein, dass er so gut wie ein Computer spielt?
          Senioren in einem Pflegeheim essen zu Mittag.

          F.A.Z.-Exklusiv : Die Altenpflege steht vor dem Finanzkollaps

          Regierungsberater sehen die Pflegeversicherung vor einem Kollaps. Sie fordern eine Pflicht zu privater Zusatzvorsorge, um die Babyboomer stärker in die Pflicht zu nehmen.
          Droht dem Westen: Der russische Präsident Wladimir Putin am 21. September 2022

          Putins neue Drohungen : Szenarien für den nuklearen Ernstfall

          Putin hat schon früher mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Diesmal sagt er, er bluffe nicht. Washington hat dafür Szenarien ausgearbeitet und Moskau gewarnt.