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Allianz und Dresdner Bank : Bilanz des Scheiterns

Allianz-Chef Michael Diekmann verkündet eine Bilanz des Scheiterns auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens Bild: ddp

Firmenehen enden häufig enttäuschend. Nahezu jede zweite Übernahme oder Fusion zahlt sich nicht aus. Für die Allianz hat die Übernahme der Dresdner Bank „ein schreckliches Ende“ genommen. Es war einer der größten Irrtümer in der deutschen Finanzgeschichte.

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          Es war einer der größten Irrtümer in der deutschen Finanzgeschichte. Für die Allianz hat die Übernahme der Dresdner Bank „ein schreckliches Ende“ genommen. Das musste selbst Allianz-Chef Michael Diekmann eingestehen, als er am Donnerstag abermalige Belastungen von 6,4 Milliarden Euro durch die frühere Tochtergesellschaft bilanzierte. Es war zugleich eine Bilanz des Scheiterns.

          Firmenehen enden zwar häufig enttäuschend, nahezu jede zweite Übernahme oder Fusion zahlt sich nicht aus. Aber selten reißen sie derartige Milliardenlöcher in Bilanzen und selten sind sie von vornherein mit so hohen Risiken behaftet wie der Kauf einer Großbank von einem Versicherungskonzern. Der damalige Allianz-Vorstandsvorsitzende Henning Schulte-Noelle sollte mit seiner Prophezeiung einer „völligen Neuordnung der deutschen Finanzmärkte“ recht behalten - nur ist nun der Staat in der Rolle des Ordners und nicht der Münchner Versicherer. Schulte-Noelles Allfinanz-Hoffnungen vom Anfang dieses Jahrtausends sind nie aufgegangen. Kaum vorstellbar ist heute, dass die Allianz vor acht Jahren für Deutschlands zweitgrößte Bank mehr als 25 Milliarden Euro bezahlt hat. Teuer einkaufen, billig verkaufen - so verkleinert man Aktionärsvermögen.

          Auf Kosten des Steuerzahlers

          Es kann kein Trost für Schulte-Noelle sein, dass eine noch prominentere Ehe, die der Autokonzerne Daimler und Chrysler, ebenfalls schon geschieden ist und der Beiname „Kapitalvernichter“ fest an den ehemaligen Daimler-Boss Jürgen Schrempp vergeben ist. Schrempp band sich 1998 völlig überteuert Chrysler ans Bein, sein Nachfolger Dieter Zetsche verschleuderte den amerikanischen Patienten dann gerade noch rechtzeitig vor Beginn der großen Autokrise. Auch Schulte-Noelles Nachfolger Diekmann zog die Reißleine knapp bevor alles zu spät gewesen wäre.

          Gescheitert sind beide Konzerne an den eigenen Ansprüchen. Dabei ist der Notausstieg der Allianz obendrein moralisch verwerflich: Denn letztlich steht nun der Steuerzahler für den Verkauf der Dresdner an die Commerzbank gerade, indem er die „neue“ Commerzbank mit 18 Milliarden Euro stützt. Daimler hat seine selbst geschaffenen Schwierigkeiten mit Chrysler immerhin nicht auf Kosten des Steuerzahlers gelöst.

          Unter dem Rettungsschirm

          Hier wie da ist eine Ursache für die desillusionierende Bilanz die mangelhafte Integration. Zwischen München und Frankfurt herrschte jedenfalls schon kurz nach der Übernahme Funkstille. Die Kulturen von Assekuranz und Bankenwelt blieben so verschieden wie die Autos von Mercedes-Benz und Chrysler. Das vorgebliche Erfolgsmodell eines „Allfinanzdienstleisters“ hat nie richtig funktioniert, weil es schon in den Köpfen der Mitarbeiter nicht verankert war. Versicherungsvertreter galten in den Augen der Banker als „Klinkenputzer“, die wiederum hielten ihre neuen Kollegen für „arrogante Schnösel“. Nie verstanden haben die Allianz-Manager das Investmentbanking der Dresdner. Zwar verdiente die Dresdner Kleinwort in guten Jahren ordentlich, verlor in schlechten aber noch mehr. Zu lange ließ die Allianz die Investmentbanker gewähren, bis sich immer neue Milliardenverluste türmten.

          Die Münchner machten ihrerseits kaum Anstalten, im Zuge einer echten Integration ihr eigenes Unternehmen dem neuen Partner anzupassen. Synergien wurden selten gehoben, auffällige Überschneidungen im Vertriebssystem beider Unternehmen erst spät erkannt.

          Der Allianz kann das alles jetzt gleichgültig sein. Über die damals als Operation „Umbrella“ vollzogene Übernahme der Dresdner hält heute der Staat den Rettungsschirm. Das Risiko aus der Commerzbank-Beteiligung ist für die Allianz nun überschaubar - nach den neuerlichen Abschreibungen, die im vierten Quartal 2008 ausgewiesen werden. Zudem spricht für den größten europäischen Versicherungskonzern eine im Vergleich mit dem internationalen Wettbewerb ausgesprochen gute Kapitalausstattung.

          Ein Befreiungsschlag

          Die Herausforderungen für den Allianz-Vorstand sind inmitten der Finanzkrise trotzdem groß genug. Der Verweis auf den amerikanischen AIG-Konzern genügt. Lange galt die AIG als Benchmark für die Allianz und andere Versicherer in Europa - bis der amerikanische Staat in mehreren Tranchen 150 Milliarden Dollar in das Unternehmen pumpen musste, um einen Zusammenbruch mit katastrophalen Folgen für das Finanzsystem zu verhindern. In den Zahlen der Allianz ist schon abzulesen, dass das originäre Versicherungsgeschäft nicht mehr so lukrativ ist wie in den Vorjahren. So schrumpfen in der Lebens- und Krankenversicherung die Margen beträchtlich.

          Einen Ausblick auf 2009 wagt der Vorstand nicht. Immerhin gewinnt die Allianz-Mannschaft um Diekmann neue Freiheiten schon dadurch, dass die Dresdner Bank keine Managementkapazität mehr bindet. So ist der Verkauf der Krisenbank auch ein Befreiungsschlag. Die Allianz muss nun zu alter Stärke zurückfinden, vielleicht auch zu dem alten, auf Außenstehende mitunter arrogant wirkenden, bayrischen „Mir-san-mir“-Gefühl. Denn Unternehmen mit einer intakten Identität haben es in der Krise leichter.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

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