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Allianz-Studie : Defekte Teile verteuern Großprojekte

Brennpunkt: Großbaustelle an der Rheintalbahn in Baden-Württemberg Bild: dpa

Ob Bahn, Flughäfen oder Fabriken – die Versicherungsschäden während des Baus steigen, stellt die Allianz fest. Wen wundert es: Die Projekte werden immer größer, ehrgeiziger und komplexer.

          Die Ursachen für die havarierte Tunnelbaustelle in Rastatt sind auch nach zwei Jahren nicht geklärt. Sicher ist, dass die Absenkung der Gleise der Rheintalbahn direkte und indirekte Milliardenschäden verursacht haben. So steckt seit dem Unglück im August 2017 immer noch die rund 18 Millionen Euro teure Tunnelbohrmaschine in dem damals gerade fertig gestellten Tunnelabschnitt, mittlerweile einbetoniert.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Obwohl Gutachter an der Ursachenforschung noch arbeiten und Schuldige suchen, sind erste Abschlagszahlungen der Industrieversicherer erfolgt. Eine endgültige Schadenregulierung kann noch Jahre dauern. Der Versicherungsschaden dürfte einen hohen zweistelligen, wenn nicht gar dreistelligen Millionenbetrag erreichen.

          Die Rheintalbahn ist eines der großen Ausbauprojekte im Schienennetz in Deutschland für die Verbindung der Nordseehäfen und dem Mittelmeerraum – und scheint Bauingenieure wie -unternehmen zu überfordern. Ähnlich herausfordernd sind die Vorhaben eines tiefer gelegten Hauptbahnhofs namens „Stuttgart 21“ und nun auch die zweite S-Bahn-Stammstrecke in München, deren seit wenige Monaten begonnener Bau fast schon absehbar nicht nur länger dauern, sondern auch wesentlich mehr kosten wird. Immer schwerer werden die Risiken industrieller Bauprojekte einschätzbar, weil sie immer größer, komplexer und teurer werden; egal ob es sich um den Bau von Gleisen, Flughäfen, Kraftwerken oder Autofabriken handelt.

          Feuer und Explosionen

          Damit gibt es auch deutlich mehr Schäden, wenn etwas schief läuft. Das hat der Industrieversicherer des Allianz-Konzerns – die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) – in einer umfassenden Untersuchung seiner Versicherungsfälle analysiert. „Made in Germany“ muss nicht unbedingt ein Gütesiegel sein: Denn defekte Produkte und Qualitätsmängel nehmen hierzulande mit 30 Prozent des Versicherungsschadens den Spitzenplatz ein. Zum Vergleich: Global verursachen Feuer und Explosionen wertmäßig die größten Schäden mit einem Anteil von 27 Prozent, erst dann gefolgt von Produktmängeln (17 Prozent).

          Allianz hat rund 13.600 technische Versicherungsschäden bei industriellen Bauvorhaben auf der ganzen Welt in den vergangenen fünf Jahren analysiert. Der ermittelte Trend lässt keine Zweifel: „Projekte mit einem Wert von 4 bis 9 Milliarden Euro sind keine Seltenheit, Schäden in dreistelliger Millionenhöhe sind deshalb nicht auszuschließen“, sagt Robert Maurer, Leiter Technische Versicherungen in Zentral- und Osteuropa der Allianz, der die Studie mit ausgearbeitet hat. „Infolgedessen sind die Versicherungssummen jetzt viel größer.“ Die Überschwemmung während des Baus am Hidroituango-Wasserkraftdamm in Kolumbien im vergangenen Jahr wird die Versicherer schätzungsweise 1,25 Milliarden Euro kosten; das ist einer der größten Schäden der Geschichte der Industrieversicherer.

          Baustellen nehmen immer größere Dimensionen an und erstrecken sich über einen wesentlich längeren Zeitraum. Der Ausbau des Flughafens Al Maktoum International Airport in Dubai wird voraussichtlich erst 2030 abgeschlossen sein und rund 32 Milliarden Euro kosten. Das Bahnprojekt London Crossrail ist gegenwärtig das größte Infrastrukturvorhaben in Europa. Es zieht sich über mehr als zehn Jahre hin und ist mit rund 19 Milliarden Euro budgetiert. Das erhöht die Risiken beträchtlich. Wegen der großen Volumen sind nicht nur viele Auftragnehmer und Lieferanten aus der ganzen Welt involviert, was Fehlerquellen produziert. Die immer länger werdenden Bauvorhaben sind außerdem im zunehmend spannungsgeladenen internationalen Umfeld anfällig für politische Störungen; verursacht durch Sanktionen wie im Iran oder Handelskonflikte zwischen Amerika und China sowie Europa.

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