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Alles ohne Rezept : Apotheker missachten Verschreibungspflicht

Bei Risiken und Nebenwirkungen: Fragen Sie Ihren Apotheker - auch wenn er Sie im Zweifelsfall nicht nach dem Rezept fragen wird Bild: dpa

Ob Pille, Magenmittel oder Antibiotika: Ein bundesweiter Test in 20 Apotheken hat nun ans Licht gebracht, dass einige Apotheker die Verschreibungspflicht bisweilen sträflich missachten. Ausgerechnet Funktionäre wurden bei Fehltritten ertappt.

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          Einige Apotheker in Deutschland nehmen es mit der Rezeptpflicht offenbar nicht besonders genau. Diesen Schluss lässt ein bundesweiter Test zu, der aufzeigt, dass Kunden in vielen Apotheken das von ihnen gewünschte Arzneimittel auch ohne Rezept bekommen. Pikant dabei: Bei den 20 getesteten Apotheken handelt es sich um die Apotheken von Funktionären der Apothekenkammern der Länder, der Landesapothekerverbände sowie der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). In all diesen Apotheken wurden verschreibungspflichtige Medikamente abgegeben, ohne dass dafür, wie gesetzlich vorgeschrieben, ein Rezept vorgelegt wurde.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Getestet wurden die Apotheken im vergangenen Herbst. Seither kursiert die Untersuchung in Fachkreisen. Eine öffentliche Diskussion wird aber offenbar nicht angestrebt. „Das hat natürlich eine gewisse politische Brisanz“, hieß es auf Anfrage der F.A.Z. in der Rechtsabteilung einer Landesapothekerkammer. Den Ball flach zu halten, ist in diesem speziellen Fall zunächst einmal nicht besonders schwierig - denn Beschwerden von Kunden dürfte es kaum geben: Den Patienten geht es ja selbst darum, Hilfe abseits der legalen Wege zu bekommen, etwa weil sie in einer besonderen Notlage sind.

          „Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das Rezept nachreichen“

          Entsprechend war auch der Test angelegt. Die Testpersonen, die keine Stammkunden oder Bekannten des Apothekenpersonals waren, erzählten jeweils eine kleine Geschichte, warum sie ein verschreibungspflichtiges Medikament bräuchten, obwohl sie kein Rezept vorlegen konnten. Insgesamt wurden dabei vier Fälle konstruiert. Einmal ging es um die Magenmittel Riopan und Omeprazol, die jemand verlangte und auf ein Telefonat mit seinem Arzt hinwies. Demnach seien die Magenschmerzen mutmaßlich eine Nebenwirkung der Voltaren-Tabletten, die er aufgrund einer Sportverletzung einnehme. 15 der 20 getesteten Apotheken verweigerten die Herausgabe der Magenmittel, die ihrerseits eine lange Litanei von teilweise gravierenden Nebenwirkungen im Beipackzettel stehen haben. Immerhin fünf der Apotheken gaben das Präparat aber dem Testkunden. „Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das Rezept nachreichen“, vermerkt die Testperson auf ihrer eidesstattlichen Versicherung, die zu jedem Testkauf abgegeben wurde.

          Sehr viel freigebiger waren die Apotheken bei einem Schilddrüsenpräparat (L-Thyroxin), das der auf Dienstreise befindliche Testkunde vorgeblich zu Hause vergessen habe. Nur sechs Apotheken verweigerten die Abgabe, bei den anderen wurde teilweise nicht einmal nach einem Rezept gefragt: „Die Apothekerin hat mir ohne zu zögern angeboten, eine 50er-Packung mitzugeben. Sie holte die Packung aus der Schublade und händigte sie mir aus.“ Im dritten Fall behaupteten Frauen, ihr Gynäkologe sei im Urlaub, sie bräuchten aber die Pille. Bei diesem Fall wurde in acht der 20 Apotheken auf einem Rezept beharrt.

          Es geht immerhin um Penicillin

          Alle Bedenken schwinden bei den Apotheken offenbar, wenn sie das Rezept eines ausländischen Arztes in Händen halten, auch wenn Rezepte aus der Türkei - wie im Testfall - nach deutschem Gesetz nicht gelten. Alle Apotheken verzichteten darauf, den Testkunden noch einmal zu einem deutschen Arzt zu schicken, obwohl es bei dem nachgefragten Medikament immerhin um Penicillin, ein verschreibungspflichtiges Antibiotikum, ging.

          „Das sind Kunden, die sich auskennen“, rechtfertigt sich ein Apotheker, der in allen vier Fällen die nachgefragte Medizin ohne Rezept verkauft hat: „Ich versuche herauszubekommen, in welcher Situation der Kunde wirklich ist.“ Wenn es sich um ein Produkt mit „Gefährdungspotential“ handele oder es „Missbrauchsmöglichkeiten“ gebe, würde auch er das entsprechende Medikament nicht herausgeben, beteuert er - und fügt hinzu: „Ich fühle mich übers Ohr gehauen durch die Testkäufer.“

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