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Demokraten-Superstar „AOC“ : „Die Person, an die wir glauben, wird gewinnen“

Glaube statt Taktik: Alexandria Ocasio-Cortez hat in Austin die Aufmerksamkeit. Bild: AP

Alexandria Ocasio-Cortez ist der neue Superstar der Demokraten. Und sie stiehlt bei der Digitalkonferenz „South by Southwest“ sogar Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei die Schau.

          Gegen Ende des Auftritts von Alexandria Ocasio-Cortez auf der „South by Southwest“ in Austin kommt eine Frau aus dem Publikum ans Mikrofon. Sie sagt, sie könne es kaum erwarten, bis Donald Trump nicht mehr amerikanischer Präsident sei. Aber wen solle die Demokratische Partei für die Wahlen im nächsten Jahr aufstellen, um ihn zu schlagen?

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Etwa einen Kandidaten, an den man wirklich glaubt? Oder jemanden, von dem man meint, er habe die besten Chancen, zu gewinnen? Für Ocasio-Cortez, den erst 29 Jahre alten neuen Superstar der Demokraten, liegt die Antwort auf der Hand: „Die Person, an die wir glauben, wird auch gewinnen.“ Und: „Die Menschen liegen falsch damit, was die besten Gewinnchancen hat.“

          Kampf um Emotionen

          Die Botschaft: Die Demokraten müssen ihrem Herz folgen, nicht ihrem Verstand. Ocasio-Cortez weiß, wovon sie spricht. Ihren sensationellen politischen Aufstieg zur jüngsten Kongressabgeordneten, die es jemals in Amerika gegeben hat, hat sie einem linkspopulistischen Wahlkampf zu verdanken und nicht einer Strategie des Abwägens und Taktierens. Wie sie in Austin sagt, wäre sie heute nicht da, wo sie ist, wenn sie moderatere Töne angeschlagen hätte.

          Um Ocasio-Cortez oder „AOC“, wie sie mittlerweile weithin in Amerika genannt wird, gibt es auf dem Festival einen gewaltigen Rummel, mehr als um diverse Präsidentschaftskandidaten aus ihrer eigenen Partei, die ebenfalls vor Ort sind. Als sie die Bühne betritt, wird sie jubelnd begrüßt.

          Zugespitzte Rhetorik

          Am Ende wird zwanzig Minuten überzogen, um dem Publikum mehr Zeit für Fragen zu geben, obwohl die Veranstaltungen sonst stramm getaktet sind. Was sie sagt, hat viel von Klassenkampf-Rhetorik, aber sie spricht ruhig und mit Bedacht, und sie bringt ihre Botschaft auf den Punkt. Zum Beispiel als sie über Instrumentalisierung von Ressentiments gegenüber ethnischen Minderheiten in ihrem Land zu politischen Zwecken spricht. „Die Mächtigen haben weiße Amerikaner aus der Arbeitsklasse gegen schwarze Amerikaner aus der Arbeitsklasse aufgehetzt, um alle Amerikaner aus der Arbeiterklasse übers Ohr zu hauen.“

          Ocasio-Cortez beschreibt sich stolz als „Demokratische Sozialistin“, so wie dies auch Bernie Sanders es tut, der sich 2016 vergeblich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bemüht hat und für 2020 einen neuen Anlauf wagt. Sie hat gefordert, Multimillionäre mit einem Spitzensteuersatz von 70 Prozent zu belegen, ein staatliches Gesundheitsprogramm für alle Amerikaner verfügbar zu machen und die Zollbehörde ICE abzuschaffen.

          Zusammen mit Parteikollegen hat sie einen „Green New Deal“ ausgearbeitet, ein breit angelegtes Programm, das darauf abzielt, den Klimawandel und wirtschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen. Sie gehörte auch zu den prominentesten Gegnern einer großen neuen Niederlassung des Online-Händlers Amazon.com in ihrer Heimatstadt New York und störte sich an einem milliardenschweren Subventionspaket, das mit dem Unternehmen ausgehandelt wurde. Amazon hat das Vorhaben kürzlich abgeblasen.

          In Austin sagt „AOC“, sie sei nicht grundsätzlich gegen Kapitalismus. Aber sie halte es nicht für akzeptabel, dass in Amerika das Streben nach Gewinn alles andere überstrahle und dies zum Beispiel dazu führe, dass viele Menschen so wenig verdienten, dass sie kaum davon leben könnten. „Es fühlt sich einfach nicht gut an, in einer Gesellschaft mit Ungleichheit zu leben.“

          Zielscheibe

          Für das konservative politische Lager ist „AOC“ in kürzester Zeit zu einem der größten Feindbilder geworden. Donald Trump fühlte sich unlängst in seiner Rede zur Lage der Nation bemüßigt, zu sagen, Amerika sei alarmiert von Forderungen, Sozialismus einzuführen, und dazu werde es niemals kommen.

          Nach Amazons Rückzieher aus New York mietete eine konservative Gruppe am Times Square eine riesige Reklamewand, auf der dann zu lesen war: „Danke für nichts, AOC!“ Ocasio-Cortez wertete das auf Twitter als Ritterschlag, der den Einfluss ihrer Bewegung unterstreiche. Das war nur ein weiteres Beispiel dafür, dass sie sich nicht vor Donald Trump verstecken muss, wenn es darum geht, in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern soziale Medien zu nutzen.

          Kürzlich wurde ein Video von ihr aus Studententagen publik, auf dem sie tanzend zu sehen ist und das sie blamieren sollte. Sie fand das aber offenbar alles andere als peinlich und schlug zurück, indem sie sich tanzend vor ihrem neuen Büro in Washington filmen ließ. Das Video davon verbreitete sich rasant auf Twitter.

          Ocasio-Cortez hat eine steile politische Karriere hinter sich. Sie hat zwar einige politische Erfahrung gesammelt, etwa als Wahlkampfhelferin für Bernie Sanders 2016, aber noch bis zum Februar vergangenen Jahres arbeitete sie als Kellnerin in einem mexikanischen Lokal in New York.

          Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon ihre Kampagne begonnen, Kandidatin der Demokraten in ihrem New Yorker Wahlkreis für einen Sitz im amerikanischen Abgeordnetenhaus zu werden, aber sie war eine krasse Außenseiterin im Rennen mit dem langjährigen Inhaber dieses Postens. Der aber hatte sie offenbar unterschätzt und schwänzte sogar öffentliche Debatten mit ihr, während sie unermüdlich Wahlkampf betrieb und dabei eine engagierte Gruppe von Unterstützern um sich hatte. Als sie tatsächlich gewann, wurde das als politisches Erdbeben gewertet.

          Und ihr Sieg hat sie offenbar darin bestärkt, konsequent bei ihrer progressiven politischen Linie zu bleiben. Ihr Auftritt in Austin ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit moderaten Kräften in ihrer Partei. Moderat zu sein, sei wie eine schulterzuckende Lebenseinstellung, sagt sie. Vielleicht empfinde man ihre Positionen verglichen mit dem Status Quo als radikal, aber dieser Status Quo sei eben nicht gut. „Wir sollten uns nicht mit zehn Prozent besser als Müll zufriedengeben.“

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