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Investoren-Telefonkonferenz : Albayrak: Die Türkei ist stark

  • Aktualisiert am

Berat Albayrak, Finanzminister der Türkei, spricht auf einer Pressekonferenz. Bild: dpa

Fast 4000 Investoren lauschten dem türkischen Finanzminister. Der versicherte: Die Türkei sei stark und könne die Krise stemmen. Wie recht er damit hat, ist offen.

          Auch in Zukunft soll es weiter möglich sein, Kapital wie bisher aus und in die Türkei zu bewegen. Der türkische Finanzminister Berat Albayrak hat in einer mit Telefonkonferenz mit fast 4000 Investoren möglichen Kapitalverkehrskontrollen eine Absage erteilt. Diese stünden niemals auf der Agenda, sagte Albayrak laut Teilnehmern der Konferenz am Donnerstagnachmittag. Man arbeite an einem Plan zur Bekämpfung der hohen Inflation und des hohen außenwirtschaftlichen Defizits des Landes. Die Verringerung der Inflation habe dabei oberste Priorität.

          Der türkische Bankensektor sei gesund und stark, versicherte der Finanzminister und verwies auf jüngste Stresstests. Zudem verfüge die Notenbank über Devisenreserven von mehr als 90 Milliarden Dollar (rund 79 Milliarden Euro). Durch ambitionierte Sparmaßnahmen werde man die Staatsfinanzen verbessern. Die jüngsten Kursschwankungen an den türkischen Finanzmärkten seien nicht durch realwirtschaftliche Faktoren begründet, sagte Albayrak.

          Kein Hilfsantrag beim IWF

          Einen Hilfsantrag beim Internationalen Währungsfonds (IWF) schloss Albayrak aus. Das Land werde seine Haushaltsziele stattdessen durch eine straffere Ausgabenpolitik erreichen, sagte er. Die Türkei werde aus der Krise „noch stärker hervorgehen“. Priorität hätten nun Direktinvestitionen. Albayrak ist der Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte zuletzt neue staatliche Großprojekte angekündigt. Wie sie sich mit den Sparplänen des Finanzministers vertragen, ist unklar.

          Nach Worten Albayraks will die Türkei den Fokus darauf legen, ausländische Direktinvestitionen ins Land zu holen – wie zuletzt die Zusagen Qatars. Der Emir des arabischen Landes, Tamim bin Hamad al-Thani, hatte der Türkei am Mittwoch Direktinvestitionen im Volumen von 15 Milliarden Dollar zugesagt. Qatar erklärte, das Emirat werde in diesem Volumen eine Reihe von Investitionen tätigen und Wirtschaftsprojekte finanzieren.

          Die Landeswährung Lira verliert seit Monaten an Wert, seit Jahresbeginn rund 40 Prozent im Verhältnis zum Dollar. Am Freitag und Montag hatte sie dann aber ein Streit mit den Vereinigten Staaten um das Schicksal des amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der in der Türkei wegen Terrorvorwürfen festgehalten wird, auf neue Tiefststände stürzen lassen. Die Vereinigten Staaten hatten aus Frustration über mangelnde Fortschritte in der Affäre am Freitag die Zölle für zwei türkische Produkte stark angehoben. Die Türkei schlug am Mittwoch mit gleich 22 Sanktionen gegen amerikanische Produkte zurück.

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          Nach Notmaßnahmen der türkischen Zentralbank sowie der Zusage Qatars erholte sich die Lira zuletzt wieder leicht. Mit Kapitalverkehrskontrollen kann in einer Währungskrise verhindert werden, dass internationale Investoren ruckartig zu viel Geld aus einer angeschlagenen Wirtschaft abziehen.

          Zum Streit mit Amerika sagte Albayrak, weltweit seien viele Staaten mit amerikanischen Sanktionen konfrontiert. Die Antwort darauf sollten koordinierte Schritte sein. Die Türkei werde durch diese Phase zusammen mit anderen Ländern wie Deutschland, Russland und China navigieren.

          IWF-Hilfen könnten zum Streitpunkt werden

          Deutschland allerdings befürwortet IWF-Hilfen für die Türkei, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Regierungskreise berichtete. „Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass ein IWF-Programm für die Türkei hilfreich sein könnte“, zitierte sie am Donnerstag eine nicht genannte Quelle. Die Türkei lehnt Hilfen ab, weil mit einem IWF-Programm stets wirtschaftspolitische Auflagen verbunden sind.

          Albayrak telefonierte vor dem Gespräch mit Investoren mit seinem deutschen Amtskollegen Olaf Scholz. Er habe betont, dass eine starke türkische Wirtschaft wichtig für Deutschland und Europa sei, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Am 21. September wollen Albayrak und Scholz demnach in Berlin zusammentreffen.

          Albayrak habe Scholz für die Unterstützung Deutschlands gedankt, berichtete Anadolu weiter. Albayrak hatte bereits am Dienstag in einer Rede betont, dass eine Vertiefung der Beziehungen zu Europa und langfristige Zusammenarbeit die beste Antwort auf die Bedrohung durch die Amerika seien.

          Noch im vergangenen Jahr war das deutsch-türkische Verhältnis unter anderem wegen der Inhaftierung mehrerer Deutscher in der Türkei – wie dem Journalisten Deniz Yücel – zerrüttet gewesen. Anadolu berichtete am Donnerstag ebenfalls über ein Telefongespräch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

          Ein Sprecher des Finanzministeriums in Berlin bestätigte das Gespräch. Scholz habe Albayrak das deutsche Interesse an einer Bewältigung der aktuellen Turbulenzen um die Türkei signalisiert. „Der Minister hat das deutsche Interesse an einer wirtschaftliche stabilen Türkei bekundet", sagte der Sprecher. Die Einlandung nach Berlin im September bestätigte er ebenfalls. Bei dem Treffen solle der Besuch Erdogans in Deutschland vorbereitet werden.

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