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Al Gore zum Klimawandel : „Mutter Natur meldet sich jetzt überzeugend zu Wort“

  • -Aktualisiert am

Ein Leben nach der Politik: Al Gore ist Investor und sitzt auch im Aufsichtsrat von Apple. Bild: Andreas Pein

Hitzewellen, Starkregen, Überflutungen: Al Gore, einst amerikanischer Vizepräsident, warnt vor den Folgen des Klimawandels – und vor Russlands aggressiver Politik.

          5 Min.

          Herr Gore, wirft die Energiekrise den Kampf gegen den Klimawandel zurück?

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nein, sie stärkt ihn. Aber Europa steht vor allem vor der Herausforderung, die kurzfristigen Risiken der Abschaltung von russischem Öl, Gas und Kohle mit den langfristigen Risiken der Klimakrise in Einklang zu bringen. In den meisten Fällen werden wir ein gutes Gleichgewicht sehen mit der Erkenntnis, dass niemand im Winter frieren muss. Der russische Präsident Wladimir Putin versucht, Europa zu erpressen und dem Willen eines Autokraten mit dem unmoralischen Angriff auf die Ukraine zu unterwerfen. Aber das hat den Willen der Regierungen auf dem ganzen Kontinent gestärkt, den Übergang zu einem Netto-Nulltreibhausgasausstoß bis 2050 zu beschleunigen. Und in den Vereinigten Staaten verspricht das Inflationssenkungsgesetz, die Emissionen um bis zu 40 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken.

          Geht die Umstellung auf eine Wirtschaft ohne Kohlendioxid nicht zu langsam voran?

          Klar. Ich plädiere seit Langem dafür, den Wechsel schneller zu vollziehen. Realisten werden uns daran erinnern, dass die Welt immer noch 80 Prozent ihrer Energie aus fossilen Brennstoffen bezieht. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir die Treibhausgasemissionen vollständig beseitigen. Aber die Welt hat jetzt das richtige Ziel, die CO2-Emissionen bis 2030, also in nur acht Jahren, um die Hälfte zu reduzieren. Das ist der Wegweiser zu einer Netto-Null-Emission bis 2050. Einer der hoffnungsvollsten Aspekte des jüngsten Berichts des Weltklimarates IPCC ist, dass die Temperaturen auf der Erde mit einer Verzögerung von nur 3 bis 5 Jahren nicht mehr ansteigen werden, sobald wir den Netto-Nullpunkt erreicht haben. Bleiben wir bei einem echten Netto-Nullpunkt, wird die Hälfte aller vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen in nur 25 bis 30 Jahren aus der Atmosphäre in die oberen Ozeane und die Vegetation zurückkehren. Die Nachrichten sind nicht nur düster. Wir können Luft und Wasser säubern und den Lebensstandard verbessern, während wir die Schadstoffe der globalen Erwärmung beseitigen.

          Wie soll das genau gehen?

          Zunächst haben wir alle Lösungen, um die Treibhausgasemissionen in den nächsten acht Jahren um die Hälfte zu senken. Das sagen auch die Internationale Energieagentur IEA und der Weltklimarat IPCC. Es gibt immer ein gewisses Beharrungsvermögen – selbst wenn es rentabler wäre, ein Kohlekraftwerk sofort abzuschalten und durch Windräder oder Solarstrom zu ersetzen. Einige Unternehmen und Institutionen sträuben sich immer noch gegen Veränderungen. Aber Mutter Natur meldet sich jetzt sehr überzeugend zu Wort.

          Hatte der damalige amerikanische Präsident Donald Trump recht, als er Deutschland vor der Abhängigkeit von russischem Gas warnte?

          Mehrere Präsidenten haben versucht, die Schwierigkeiten zu verhindern, die Europa jetzt aufgrund der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl hat. Der ehemalige Präsident Ronald Reagan hat vor langer Zeit ähnliche Anstrengungen unternommen. Als ich Vizepräsident war, verfolgte die Clinton-Gore-Regierung die Politik, die wachsende Abhängigkeit Europas von den russischen Reserven fossiler Brennstoffe zu unterbinden. Alle Präsidenten, die Europa vor dieser Abhängigkeit gewarnt haben, haben recht behalten.

          Aber Europa hat darauf nicht gehört und muss die Folgen jetzt tragen.

          Nach der Fukushima-Tragödie hat die Änderung der Atompolitik den Schwierigkeitsgrad für Deutschland erhöht. Das versteht jeder. Doch nun sprechen führende Politiker auf dem ganzen Kontinent davon, dass erneuerbare Energien Freiheit bringen.

          Deutschland ist dabei, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Glauben Sie, dass Deutschland mehr Atomstrom braucht?

          Die Entscheidung über die Energiezukunft Deutschlands müssen die Deutschen selbst treffen. In den Vereinigten Staaten haben die Kosten der Kernenergie dazu geführt, dass die meisten Energieversorger keine neuen Reaktoren mehr bauen wollen. Allerdings ist die öffentliche Meinung wohl dafür, die Laufzeit einiger bestehender Kernkraftwerke zu verlängern, wenn nachgewiesen werden kann, dass ihr Betrieb ausreichend sicher ist.

          Erwarten Sie, dass Russland wieder mehr Gas durch die Pipelines nach Europa schickt?

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