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Staat ist knapp bei Kasse : Eltern spenden Klopapier für Schulen in Großbritannien

Eine Schule in London Bild: Picture-Alliance

Schulleiter in Großbritannien beklagen einen akuten Finanzengpass. Den Lehreinrichtungen fehle es am nötigsten – und Schatzkanzler Philip Hammond verspricht Geld für „kleine Extras“.

          Es war eine einmalige Chance, um seinem Ärger Luft zu machen – und Graham Gault hat sie genutzt: In einer Parlamentsanhörung in London berichtete der Direktor der Grundschule in der nordirischen Ortschaft Maghaberry über die alltägliche Geldknappheit an seinem Arbeitsplatz. „Ich befand mich in der demütigenden Lage, dass ich Eltern anbetteln musste, für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen, indem sie Klebestifte, Lesebücher, Papierhandtücher und Seife spenden“, sagte Gault.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der drastische Bericht des Schuldirektors wirft ein Schlaglicht darauf, wie groß in Großbritannien nach acht Jahren harter Sparmaßnahmen die finanziellen Engpässe in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens geworden sind. „An meiner Schule gibt es tatsächlich Eltern – und das ist kein Scherz – die Toilettenpapier stiften“, beklagte der Pädagoge aus Nordirland. „Es fühlt sich an als wären wir im viktorianischen Zeitalter. Es ist eine Schande“

          Dass Eltern von klammen staatlichen Schulen zu Spenden aufgefordert werden, ist nicht nur in Nordirland, sondern auch in anderen Teilen Großbritanniens keine Seltenheit. Manche fragen sogar, ob man nicht bei seiner Bank einen Dauerauftrag zur finanziellen Unterstützung der Lehranstalten einrichten wolle – etwa für die Instandsetzung der Schulgebäude, aber auch für Unterrichtsmaterialien.

          Härtestes Sparprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg

          Wie groß der aufgestaute Ärger über diese Zustände ist, bekam diese Woche auch der britische Schatzkanzler Philip Hammond zu spüren. Der Kassenwart der Regierung stellte im Unterhaus in London seinen Haushaltsplan für 2019 vor und kündigte dabei auch 400 Millionen Pfund an zusätzlichen Finanzmitteln für die Schulen in England an.

          Eigentlich eine gute Nachricht – nur verband sie der Finanzminister mit der wohlmeinenden Empfehlung, die Schulen könnten sich mit dem Geld ja „kleine Extras“ leisten. Es handle sich um eine „nette Geste“ der Regierung. Die Worte Hammonds sorgten für einen Sturm der Entrüstung unter britischen Lehrern. Schließlich seien die Finanzmittel an den Schulen so knapp, dass man Mühe habe, die Mittel für die allernötigsten Ausgaben zusammenzukratzen. In England waren im vergangenen Haushaltsjahr mehr als 60 Prozent aller Schulen defizitär.

          Philip Hammond, Schatzkanzler von Großbritannien, hält am Montag beim Verlassen der Downing Street 11 den roten Budget-Koffer hoch.

          Großbritannien hat in den vergangenen Jahren das wohl härteste staatliche Sparprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg durchlitten. Nach der Weltfinanzkrise vor zehn Jahren war das Land in eine tiefe Rezession gerutscht, die das Haushaltsdefizit 2009 auf schwindelerregende 155 Milliarden Pfund steigen ließ. Die anschließende Sanierung der Staatsfinanzen wurde weniger über Steuererhöhungen als über drastische Kürzungen in vielen Bereichen bewerkstelligt.

          In seiner Haushaltsrede in dieser Woche versprach der Schatzkanzler Hammond nun ein baldiges Ende des Streichkonzerts. Vor allem für den chronisch unterfinanzierten staatlichen Gesundheitsdienst NHS will er mehr Geld bereitstellen – allerdings nur, wenn der Brexit im nächsten Frühjahr nicht zu einem wirtschaftlichen Rückschlag auf der Insel führe. Unabhängige Fiskalexperten rechnen dagegen damit, dass in vielen Bereichen des britischen Staates das Geld noch auf Jahre hinaus knapp bleiben wird. 

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