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Aktienschwindel : Nachspiel für Infomatec vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte Häfele gibt sich nur lässig Bild: AP

In Augsburg begann der Strafprozeß gegen zwei ehemalige Vorstände, denen die Staatsanwaltschaft Kursbetrug und Insiderhandel vorwirft. Die Angeklagten gaben sich lässig: "Wir sind unschuldig".

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          Mit einem Lächeln betritt Gerhard Harlos den großen, lichtdurchfluteten Saal im Augsburger Landgericht. Der kleine Mann mit dem runden Gesicht und den Stoppelhaaren hat vier Anwälte um sich geschart. Auch sein früherer Kompagnon im Vorstand von Infomatec, der ebenfalls 42 Jahre alte Alexander Häfele, läßt sich gleich von vier Männern in schwarzen Roben verteidigen. Beide geben sich lässig: die Hände in den Hosentaschen, lockerer Krawattenknoten. In die Mikrofone der Radioreporter sprechen sie ein paar Sätze. "Ich erwarte einen Freispruch, weil ich unschuldig bin," sagt Harlos.

          Schon der Prozeßbeginn am Dienstag nach zwei Jahren Ermittlungen verdeutlicht die Strategie der Angeklagten, denen Staatsanwalt Uwe Huchel Gründungsschwindel, Kapitalanlage- und Kursbetrug sowie Insiderhandel vorwirft: Harlos und Häfele versuchen das bis Ende November angesetzte Verfahren zu verzögern. "Die wollen nicht mitmachen", faßt ein Angehöriger der Augsburger Justiz die bisherigen Erfahrungen mit den beiden ehemaligen Managern zusammen. Sie sollen mit ihrem am Neuen Markt notierten Unternehmen für Internet-Software einen Gesamtschaden von 250 Millionen Euro verursacht haben.

          Haftbefehl ursprünglich aufgehoben

          Kaum haben kurz nach neun Uhr der Vorsitzende Richter der 3. Strafkammer, Rainer Brand, seine zwei Beisitzer, eine Ergänzungsrichterin, die zwei Haupt- und zwei Ergänzungsschöffen Platz genommen, erhebt sich einer von Häfeles Anwälten. Winfried Holtermüller wirft Brand und den Beisitzern vor, voreingenommen den Strafprozeß um jeden Preis führen zu wollen. "Die Kammer mißachtet einen Fingerzeig höherer Gerichte," sagt Holtermüller und erwähnt eine Entscheidung des Oberlandesgerichtes München im Mai 2001. Damals war der Haftbefehl gegen Harlos und Häfele nach einer Beschwerde aufgehoben worden, da es zwar einen hinreichenden, nicht aber einen dringenden Tatverdacht des Insiderhandels gebe.

          Gegen eine Kaution von jeweils 750 000 DM durften sie das Gefängnis verlassen. Begonnen hatte ihre Untersuchungshaft im November 2000, weil sich der Verdacht des Kursbetrugs und der Insidergeschäfte erhärtet hatte. Im September 2001 kehrte Harlos sogar in den Vorstand von Infomatec zurück, um den Insolvenzverwalter zu unterstützen. "Es ist mein Job, daß ich die Firma aus der Insolvenz hole, und das wird mir auch gelingen", sagt er vor Prozeßbeginn.

          Unterschiedliche Gutachten

          Die Anklageschrift der Augsburger Staatsanwaltschaft, die 22 Seiten umfaßt, setzt im Jahr 1997 an, als Harlos und Häfele Gesellschafter und Geschäftsführer einiger kleiner Software- und Informationstechnik-Unternehmen waren. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hielten sich die Gesellschaften nur mühsam über Wasser, und um einen drohenden Liquiditätsengpaß zu vermeiden, entschieden sich die Angeklagten, eine Holding zu gründen und einen Börsengang vorzubereiten.

          Von Anfang an hätten Harlos und Häfele Aktienverkäufe geplant, obwohl sie gewußt hätten, "daß der Kapitalschöpfung keine realen Werte als preisbestimmendes Äquivalent gegenüberstanden". In einem nur als Entwurf zu bezeichnenden Gutachten habe die Sozietät Haarmann, Hemmelrath & Partner als Firmenwert der Infomatec-Gesellschaften mehr als 207 Millionen DM ermittelt. Die Staatsanwaltschaft beruft sich dagegen auf einen Gutachter, der "unter Ansatz günstigster wirtschaftlicher Bewertungsmaßstäbe" zu einem Ergebnis von nur 5,3 Millionen DM gekommen ist.

          Befangenheitsantrag abgelehnt

          Insgesamt haben sich für den Prozeß drei Sachverständige, darunter wie im Prozeß gegen die Brüder Haffa der Münchner Universitätsprofessor Wolfgang Ballwieser, mit Infomatec beschäftigt. Häfeles Verteidiger Holtermüller wirft dem Richter vor, nicht allen drei Gutachtern eine gleichrangige Rolle beizumessen. Vor allem der Ansatz Ballwiesers, der offenbar die Angeklagten entlastet, solle außer Betracht bleiben. Den Befangenheitsantrag lehnt eine andere Kammer zwar ab. Doch nach einem zweiten Antrag der Verteidigung, die das Fehlen von zwei Vernehmungsprotokollen beklagt, endet die Verhandlung am Dienstag.

          Mit den schweren Vorwürfen gegen Harlos und Häfele hat sich das Gericht am ersten Tag noch gar nicht beschäftigen können. Nach dem von der WestLB geführten Börsengang am 8. Juli 1998 hatten Ad-hoc-Mitteilungen mit immer höheren Umsatzprognosen und Großaufträgen ("bereits der vierte Mega-Deal") den Kurs der für 53 DM ausgegebenen Infomatec-Aktie kräftig - nach Ansicht der Staatsanwaltschaft künstlich ohne geschäftliche Grundlage - in die Höhe getrieben. Aktienverkäufe im Januar und Februar 1999 sowie im Juli 2000 brachten den Angeklagten jeweils mehr als 15 Millionen Euro ein - rechtzeitig vor dem Kursabsturz und der Insolvenz von Infomatec. Oberstaatsanwalt Rainer Nemetz verschweigt, wieviel seine Behörde vom Vermögen der Angeklagten sichergestellt hat. Einige Millionen seien es schon, sagt er als Beobachter des Prozesses.

          Schadenersatz für geprellte Anleger

          Ob Anleger, die viel Geld mit Infomatec-Aktien verloren haben, auf eine Entschädigung hoffen können, wird anderswo entschieden. Eine Verurteilung von Harlos und Häfele im Strafprozeß würde ihre Chancen freilich verbessern. Klaus Rotter, Anwalt von Kleinaktionären mehrerer abgestürzter Neuer-Markt-Unternehmen, verfolgt den Prozeßbeginn aus der zweiten Reihe der Gastplätze. Im September 2001 hatte er gejubelt, als das Augsburger Landgericht einem früheren Aktionär von Infomatec rund 50 000 Euro Schadenersatz zugesprochen hatte. Ein Jahr später hob das Oberlandesgericht München das Urteil in dem von Rotters Kanzlei geführten Musterprozeß aber auf. Nun soll der Bundesgerichtshof entscheiden. Die Begründung der Revision hat Rotter dort am 18. März eingereicht.

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