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Aktienrente : Was Deutschland bei der Rente von Schweden lernen kann

So schön ist Stockholm. Bild: dpa

Schweden schafft mit der Aktienrente 11 Prozent Rendite. Kann die Ampelkoalition das für Deutschland kopieren?

          3 Min.

          Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung erwähnt Schweden kein einziges Mal namentlich. Und doch hat das Königreich im Norden eines der interessanteren Kapitel des Vertrags inspiriert. Die Ampelkoalition nimmt sich darin die Gründung eines Fonds vor, der das Potential der globalen Finanzmärkte für die Altersvorsorge nutzen soll; vornehmlich dürfte es um langfristige Investments in Aktien gehen. Künftig soll ein Teil der Rentenbeiträge in diesen Fonds fließen; die daraus eines Tages auszuzahlenden Rentenbezüge werden nicht mehr am Umlagesystem hängen, sondern von dem Kapital gedeckt sein, das die Rentenempfänger selbst eingezahlt haben. Die Bundesregierung geht mit 10 Milliarden Euro in Vorleistung, um die Aktienrente schnell zu starten.

          Das Vorbild ist unverkennbar Schweden. Dort existiert das Modell schon seit zwanzig Jahren. Der Fonds, der von einem kleinen Team der Rentenbehörde verwaltet wird, hält ein Anlagevermögen von umgerechnet 85 Milliarden Euro. Es steckt vor allem in Aktien, zum geringen Teil in Anleihen. Im Schnitt hat der Fonds bisher eine jährliche Rendite von 11 Prozent erzielt. Das ist die magische Zahl, die viele Beobachter neidisch macht. Wer Rentenpolitik treibt, kann solche Renditen jedenfalls gut gebrauchen.

          Vom schwedischen Beispiel lässt sich viel lernen. Das betrifft zunächst die Sparsamkeit der staatlichen Fondsverwalter. Sie orientieren sich an den großen Indexfonds und kommen mit einem sensationell niedrigen Verwaltungskostensatz von 0,075 Prozent aus. Zudem haben die Schweden private Fondsanbieter in ihr System integriert. Wer den Anlegern aus der Behörde nicht vertraut, kann seine Aktienrente auch Blackrock, Carnegie und Axa anvertrauen und sich damit etwa auf einzelne Branchen oder Erdteile konzentrieren. Rund 400 Fonds stehen zur Auswahl, die von der Rentenbehörde als vertrauenswürdig eingestuft wurden. Ein guter Kompromiss: Es wäre vermessen, die Geldanlage in Staatsregie als alternativlos vorzuschreiben. Es wäre aber auch zu riskant, manch arg- wie ahnungslosen Beitragszahler ungeschützt der Finanzbranche zu überlassen.

          Zur Rentenreform gehörten in Schweden auch bittere Pillen

          Eine besondere Leistung der schwedischen Rentenfunktionäre ist es, dass sie im Gegenzug für die Vermittlung von rund fünf Millionen potentiellen Kleinanlegern den privaten Fondsanbietern kräftige Rabatte auf deren Verwaltungsgebühren abgehandelt haben. Sie liegen im Schnitt bei 0,3 Prozent, viel niedriger als auf dem freien Markt. Bei so viel Umsicht versteht es sich fast von selbst, dass die Schweden auch einen Mechanismus ersonnen haben, der die Beitragszahler davor schützen soll, dass ihnen ein Börsencrash am Ende des Erwerbs­lebens die Rente verdirbt.

          So weit, so süß. Den Schweden in diesen Details nachzueifern, wird die neue deutsche Regierung nicht viel Überwindung kosten. Mehr Mut wäre nötig, um sich das schwedische System grundsätzlich zum Vorbild zu nehmen. Erstens ist der kapitalgedeckte Teil der Rente dort kein Zusatzangebot, sondern obligatorisch. Jeder muss 2,5 Prozent seines beitragspflichtigen Einkommens dafür aufwenden. Zweitens ist in Schweden nicht wie in Deutschland das Mindestniveau der Rente festgelegt, sondern die Höhe des Rentenbeitrags, der insgesamt bei 18,5 Prozent liegt. Drittens ist das reguläre Renteneintrittsalter an die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung gekoppelt. Bis 2026 soll es von 65 auf 67 Jahre steigen. Viertens nehmen Rentner in Schweden nicht nur Lohnsteigerungen mit, sondern auch Wirtschaftskrisen; dann kann zumindest in der Theorie die Rente sinken. In der Praxis gibt es eine Regel, die den Effekt dämpfen und strecken, so dass er kaum spürbar ist.

          Auf all das haben sich in Schweden Regierung und Opposition Ende der Neunzigerjahre geeinigt. Um die Rente langfristig an die demographische Entwicklung anzupassen, hielten sie Einschnitte in das bestehende System für unumgänglich; um diese saure Einsicht aus dem politischen Tagesgeschäft herauszuhalten, setzten sie auf überparteiliche Zusammenarbeit.

          Die neue Bundesregierung schließt dagegen sowohl Rentenkürzungen als auch die Anhebung des Renteneintrittsalters kategorisch aus. Wie das Geld angesichts der Alterung der Gesellschaft trotzdem reichen soll, bleibt ihr Geheimnis. Dass die Beiträge von mehr erwerbstätigen Frauen und Migranten die Lücke schließen werden, ist bloß eine vage Hoffnung. Und die kapitalgedeckte Zusatzrente allein wird es nicht richten. Außerdem ist Deutschland damit denkbar spät dran. In Schweden haben die Beitragszahler an den Börsen goldene Zeiten mit steigenden Kursen hinter sich. Schwer vorstellbar, dass die nächsten zwanzig Jahre genauso sein werden.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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