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Aktienmarkt : Weg mit der Angst an der Börse

  • -Aktualisiert am

Der Talfahrt zum Trotz: Die Geschäfte der Dax-Unternehmen laufen nach wie vor stabil. Bild: AFP

Die Schwarzseher haben derzeit an den Aktienmärkten die Oberhand. Dabei vernebeln die Sorgen um China und VW den Blick auf die Chancen.

          Die Angst ist zurück am Aktienmarkt. Nach drei Jahren weitgehender Sorglosigkeit herrscht zwar noch keine Panik, doch die rosarote Brille wurde durch ein Modell zum Schwarzsehen ersetzt. Beide Varianten sind wenig hilfreich, aber die Börsianer neigen zu Extrempositionen, müssen sie sich doch meist zwischen Kauf und Verkauf, hoch oder runter entscheiden.

          Derzeit wird alles ins Negative gewendet. Die chinesische Volkswirtschaft taumelt. Sind die Daten doch einmal ganz passabel, gelten sie als von oberster Stelle geschönt. Richtig ist: Die nach den Vereinigten Staaten zweitgrößte Volkswirtschaft wächst langsamer, doch es sollte nicht vergessen werden, dass sie immer noch sehr kräftig wächst. Selbst wenn die vom chinesischen Staat veröffentlichten Wachstumsraten von 7 Prozent tatsächlich überhöht sein sollten, auch 5 oder 6 Prozent – und weniger erwarten selbst die größten Pessimisten nicht – entsprechen einem Zuwachs von rund 500 Milliarden Euro im Jahr. Das ist mehr, als die polnische, österreichische oder belgische Volkswirtschaft in einem Jahr insgesamt erwirtschaften.

          Auch geht nicht der gesamte deutsche Export nach China. Das muss erwähnt werden, weil derzeit an der Börse manchmal dieser Eindruck entsteht. Wichtigstes Exportland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in diesem Jahr bislang die Vereinigten Staaten knapp vor Frankreich. Es folgen Großbritannien und die Niederlande. Dann erst kommt China mit einem Anteil von 6 Prozent knapp vor Italien, Österreich, Polen und der Schweiz.

          Auf Dax-Abschwung wurde gewartet

          Für die Einschätzung des deutschen Aktienmarktes sind diese Verhältnisse von großer Bedeutung. Denn die Exporterfolge bestimmen zu einem Gutteil über das Wohl und Wehe der Dax-Unternehmen. Und deren Geschäftsaussichten sind wiederum noch immer die zentrale Größe für die Bewertung von Aktien. Das Wachstum in den wichtigsten Exportländern scheint aber intakt. Die Vereinigten Staaten wachsen ebenso ordentlich wie Großbritannien. Aus Italien kamen zuletzt immer wieder positive Überraschungen, auch Frankreich und die Niederlande liegen gut im Soll.

          Die Schwierigkeiten in Schwellenländern wie Brasilien, der Türkei und auch Russland dürfen die Märkte nicht kaltlassen. Sie sollten aber auch nicht überbewertet werden. Auch werden derzeit die gesunkenen Rohstoffpreise nicht mehr als willkommenes Konjunkturprogramm für rohstoffarme Länder wie Deutschland wahrgenommen, sondern als Bedrohung für die rohstoffreichen Länder und ihre Währungen sowie für Bergbauunternehmen. Deren Probleme sind nicht wegzudiskutieren, für die Dax-Konzerne überwiegen aber eindeutig die positiven Effekte der günstigen Rohstoffe.

          Die hiesigen Anleger sollten den Dax-Rückgang von 12.400 Punkten im April auf nun rund 9700 Punkte und damit ungefähr den Wert vom Jahresanfang als Chance begreifen. Auf diese Korrektur des seit dem Frühjahr 2009 laufenden Kursaufschwungs haben viele gewartet. Sie bringt nun alles mit, was einen am Aktienmarkt als gesund empfundenen Kursrückgang ausmacht. Die Bewertung der Dax-Aktien, gemessen an den Gewinnerwartungen der nächsten zwölf Monate, ist von einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 im April auf nun 11 gesunken – und damit von einem historischen Durchschnittswert auf ein günstiges Niveau. Die Gewinnerwartungen sind stabil geblieben.

          Angst ist bei Anlagen schlechter Ratgeber

          Gleichzeitig ist der große Optimismus aus den Köpfen gewichen. Viele Fondsmanager haben die starke Übergewichtung von Aktien zurückgefahren. Dies gilt als gute Basis für einen abermaligen Aufschwung. An den sonst günstigen Rahmenbedingungen für Aktien hat sich wenig geändert: Die Konkurrenzanlage in Zinspapieren bleibt weitgehend zinsbefreit, der Eurowechselkurs ist für die Exportindustrie günstig, und die Notenbanken behalten ihre aktionärsfreundliche Linie bei. Manch einer rechnet sogar mit einer baldigen Aufstockung des Anleihekaufprogramms durch die Europäische Zentralbank (EZB), das den Märkten schon bislang Monat für Monat 60 Milliarden Euro zusätzlich zuführt.

          Wer also mehr als die aktuellen Magerzinsen für sein Geld bekommen möchte und an eine halbwegs gedeihliche Entwicklung der Weltwirtschaft glaubt, der kommt nicht umhin, auch Aktien für die Geldanlage in Betracht zu ziehen. Allein die gezahlten Dividenden liegen mit einer Rendite von aktuell 3,5 Prozent für die Dax-Werte weit über dem aktuellen Zinsniveau. Die Kehrseite der Aktienmedaille sind die Kursausschläge, die es auch nach unten auszuhalten gilt und die ein ständiger Begleiter bleiben.

          Der Absturz der VW-Aktie zeigt zudem noch einmal eindrücklich, wie wichtig bei der Aktienanlage eine Streuung des Risikos über mehrere Werte ist. Im derzeit von Angst geprägten Klima an den Aktienmärkten wird die VW-Krise zugleich als Anfang vom Ende Deutschlands als herausragenden Industriestandorts gesehen. Auch in den daraus resultierenden Kursübertreibungen liegt eine Chance. Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber. Sie zu überwinden ist die große Kunst der Aktienanlage.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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