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Aktienkurse : Mögen die Märkte das Volk?

Bild: Illustration SIS

Die Ankündigung einer Volksbefragung schockt die Börsen. Was gut ist für die Menschen, muss nicht gut sein für die Anleger. Verschiedene Interessen prallen aufeinander.

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          Was für eine Woche für Aktienbesitzer! Gerade hatten sich die Börsen nach dem Euro-Gipfel in Brüssel ein wenig erholt, da sorgte die Ankündigung einer Volksbefragung in Griechenland für einen neuen Kurssturz. Fünf Prozent Minus für den Dax am vergangenen Dienstag. Als die Volksbefragung am Donnerstags abgesagt wurde, da ging es genauso wieder nach oben. Auch Aktien von Unternehmen, die (zumindest zunächst) wenig mit Griechenland zu tun haben, schwankten mit. Volkswagen etwa hatte am Montag eine Steigerung des Absatzes in Amerika um 40 Prozent berichtet - trotzdem sank der Kurs um mehr als fünf Prozent. Nicht viel besser erging es BMW und Daimler.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sind diese Ausschläge noch rational? So manch einer verzweifelt in diesen Tagen an den Börsen. Selbst die Chefs verstehen die Kursentwicklung ihrer eigenen Unternehmen nicht mehr. Sollte der Kurs sich nicht am erwarteten Gewinn orientieren? Aber der schwankt doch nicht von einem Tag auf den anderen so stark? Die Vorstellung des Ökonomen Eugene Fama, dass Aktienmärkte ein Spiegel aller zur Verfügung stehenden Informationen sind („Theory of Finance“, 1972), hat in diesen Tagen nicht mehr viele Freunde. Spielen die Börsen als Reaktion auf Europas Staatsschuldenkrise nicht vielmehr völlig verrückt?

          „Unvernüftiger Überschwang“

          Euphorie und Panik, das hatte die Welt schon in der Finanzkrise gelernt, kann Börsenkurse in turbulenten Zeiten stärker beeinflussen als jede nüchterne Analyse. „Irrational Exuberance“, „unvernünftigen Überschwang“ nannte der amerikanische Ökonom und Krisen-Prophet Robert Shiller dieses Phänomen. Verstärkt werden solche Reaktionen durch so genannte Algo-Trader, Computerprogramme, die Aktien bei bestimmten Kursen ohne menschliches Zutun kaufen oder verkaufen.

          Und so ist auf einmal ein mächtiger Spieler entstanden, ohne den kein Schritt in der Euro-Rettung Bestand hat - von dem aber selbst professionelle Analysten sagen, sein Verhalten sei unberechenbar: die Märkte. Was ist das für ein Akteur, den alle beschimpfen, aber brauchen? Von dem Politiker fordern, er möge sich dem Primat der Politik unterordnen - von dessen möglichen Reaktionen sie aber zugleich jeden einzelnen ihrer Schritte derart abhängig machen?

          „Die Finanzmärkte stellen keine eigenen Subjekte dar, zeigen aber im Grunde ähnliche Verhaltensweisen wie ein Mensch, dem erlaubt wird, anonym zu handeln“, behauptet Rüdiger von Nitzsch, Wirtschaftsprofessor in Aachen und Mitautor eines Buches über „Behavioural Finance“. So zeigten Studien, dass sich Menschen zwar rücksichtsvoll und fair verhielten, wenn ihr Verhalten beobachtet werde. Fairness und Verantwortlichkeit ließen aber schnell nach, wenn das Verhalten nicht beobachtet werde.

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          Die Finanzmärkte aber seien nun einmal extrem anonym und deshalb kämen ein paar entsprechende Eigenschaften klar zum Vorschein, meint Nitzsch: „Rücksichtslosigkeit und das Fehlen eines Bewusstseins für eine gesellschaftliche Verantwortung oder Fairness.“ Zugleich seien die Märkte aber auch „unglaublich schlau“: „Die Wahrheit kann man vor ihnen nicht lange verstecken.“

          Das Weltbild der Anleger

          Das Auf und Ab der Börsen nach jedem Euro-Gipfel zeigt jedenfalls nicht an, ob die Politik gerade zu einer gesamtgesellschaftlich guten Lösung gekommen ist. „Diese Schritte der Börsen sind aber auch nicht vollkommen irrational“, sagt Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft in Mannheim. „Sie reflektieren die Änderung des Weltbildes der Anleger.“ Je nachdem, ob die Anleger glauben, für sie wird nach einer politischen Entscheidung alles gut, verfallen sie in Euphorie - oder aber, im umgekehrten Fall, in Panik.

          Was dabei für alle vernünftig ist, muss keinesfalls auch für die Anleger erfreulich sein. Und umgekehrt kann eine für den Steuerzahler teure Euro-Rettung gut für den Anleger sein. Streit in Brüssel scheinen die Märkte nicht zu mögen, selbst wenn ein nach allgemeiner Auffassung wichtiger Konflikt ausgetragen wird. Und Unklarheit ist ihnen offenkundig ein Greuel.

          Zu den interessanten Beispielen gehörte die Reaktion der Märkte auf die Diskussion um die Eurobonds. Die Politiker in Europa teilten sich in dieser Frage in zwei Lager: Im Süden Europas ist man dafür, weil gemeinsame Anleihen aller Euroländer die Zinsen, die diese Staaten für ihre Staatsschulden zahlen müssen, etwas senken würden. In Ländern wie Deutschland ist man dagegen, weil es höhere Zinsen bedeuten würde - und die Haftung für künftige Schulden der Südländer.

          Was steckt dahinter?

          Als die Diskussion Mitte September hochkochte, reagierten die Märkte auf den ersten Blick ungewöhnlich: Selbst in Deutschland stieg der Dax damals um mehr als drei Prozent. Aber würden deutsche Unternehmen denn profitieren, wenn Deutschland höhere Zinsen zahlen und für Schulden der Südländer haften müsste? Das kann man sich kaum vorstellen.

          Nicht viel anders war es, als die Europäische Zentralbank im Mai vorigen Jahres anfing, Staatsanleihen notleidender Euro-Staaten aufzukaufen. Ein Bruch mit den Gepflogenheiten der Institution: Deutschlands Ökonomen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Und Bundesbankchef Axel Weber trat von seinem Amt zurück. Die Börsen aber jubelten.

          Was steckt dahinter? Wirtschaftsprofessor Nitzsch verweist auf die begrenzte Rationalität der Märkte: den eigennützigen Blickwinkel der Anleger - und ihren kurzen Zeithorizont. Bei diesen Rettungsaktionen gehe es schließlich nicht nur um Transfers zwischen Ländern: „Sie haben auch den Charakter von Transfers von Staaten zu Unternehmen.“ Kurzfristig werde den Banken geholfen und die Wirtschaft stabilisiert. „Dass sich solche Hilfsaktionen langfristig negativ auf die Ökonomie auswirken, wird von den Märkten nicht so berücksichtigt - weil an der Börse typischerweise nicht langfristig gedacht wird.“ Vernünftig ist dieses Verhalten nicht - offenbar auch schwer zu prognostizieren. Aber nur verrückt ist es dann auch wieder nicht.

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