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Aktien : Die Wette auf den Chefwechsel

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Drei Dax-Konzerne bekommen in diesem Jahr einen neuen Chef. Darauf lässt sich spekulieren. Denn oft schlagen die Kurse bei Vorstandswechseln aus. Die Frage ist nur: in welche Richtung?

          3 Min.

          Philosophen wissen es längst: In jeder Veränderung liegt eine Chance. Und Veränderungen wird es in den Vorständen genügend geben. Drei Dax-Konzerne - Bayer, Eon und Lufthansa - wechseln ihre Chefs 2010 aus, der BASF-Vorstandsvorsitzende geht im Frühjahr 2011. Neue Vorstände übernehmen die Regie und können manchen Laden mächtig umkrempeln. Deshalb fragen die Philosophen unter den Anlegern: Sollen wir jetzt auf diese Firmen setzen?

          Das wäre ziemlich clever, wenn die Anleger damit rechnen könnten, dass eine Veränderung im Vorstand den Kurs einer Aktiengesellschaft beflügelt. Beispiele für solche Fälle fallen jedem auf Anhieb ein. Der eindrücklichste ist der Schrempp-Effekt, wie ihn Börsenhändler nennen: An jenem Tag, an dem die Nachricht vom Abgang des zuletzt glücklosen Mercedes-Chefs Jürgen Schrempp wie eine Bombe einschlug, schoss der Mercedes-Kurs um neun Prozent in die Höhe. Innerhalb von Minuten.

          Ähnliches spielte sich bei Infineon ab, als Vorstand Ziebart ging. Oder als Karstadt-Chef Achenbach den Platz 2005 für Thomas Middelhoff räumte, der in Windeseile den Konzern umbaute: Er stieß die Hertie-Warenhäuser ab, verleibte sich dafür Thomas Cook und MyTravel ein - und versechsfachte damit den Aktienkurs. Beim Reisegiganten TUI reichten 2007 schon Gerüchte um den Rücktritt von Vorstandschef Frenzel, um den Kurs in die Höhe zu peitschen. Alles Belege, dass es bei Vorstandswechseln steil aufwärtsgeht.

          Marijn Dekkers übernimmt bei Bayer den Vorstandsvorsitz im Oktober

          Dummerweise ist auch oft genug das Gegenteil der Fall, es bleibt nur weniger im Gedächtnis: Seit Frank Appels Antritt bei der Post sackt der Kurs weg. Die Aktie des M-Dax-Bezahlsenders Sky brach nach angekündigtem Vorstandswechsel regelrecht ein. Dessen Chef galt als sehr fähig. Bejubelt die Börse also nur den Abgang glückloser Chefs? Und gibt es nur ein Kursfeuerwerk, wenn man dem Neuen auch etwas zutraut? Woran lässt sich absehen, was beim Wechsel passiert?

          Die meisten Wechsel bewegen die Kurse kaum

          Viele Studien versuchen, das zu beantworten. Auch viele deutsche, schließlich ist Deutschland ein ideales Testfeld: Nirgends kommen und gehen Vorstände so schnell wie hier, stellt die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton jährlich fest. Während europäische Aktiengesellschaften ihre Chefs im Schnitt alle 8,2 Jahre austauschen, tun es die deutschen schon nach 6,4 Jahren. In den Jahren 2006 bis 2008 musste pro Jahr jeder fünfte Unternehmenschef seinen Posten räumen.

          Die allermeisten Vorstandswechsel jedoch, sagen Studien, bewegen die Kurse kaum. Forscher wollen zwar herausgefunden haben, dass innerhalb eines Fünftagesfensters rund um die Wechselankündigung der Kurs positiv ausschlägt, und zwar um bis zu 4,7 Prozent. Aber die Belege dafür sind dürftig, die Datenlage dünn. Breitere Vergleiche kommen zu dem Schluss: Nur die Volatilität steigt, der Kurs schwankt also stärker - in beide Richtungen. Das Kursniveau steigt in der Regel nicht. Und wenn, dann in den ersten drei Tagen um durchschnittlich 0,27 Prozent.

          Dennoch sind Vorstandswechsel hochspannende Angelegenheiten - auch für Aktionäre. Denn es sind nicht die Kurzfristausschläge, sondern die Langfristfolgen, die den Kurs bewegen, und dabei gibt es tatsächlich Muster.

          Am interessantesten sind jene Abgänge, die nicht geplant ablaufen. Immerhin jeder zweite Vorstandswechsel passiert nämlich nicht altersbedingt, sondern wegen schlechter Leistung oder weil das Unternehmen von einem anderen geschluckt wird wie im Fall Conti. Besonders die Chefposten im deutschen Finanz- und Energiesektor sind geradezu Schleudersitze, aber auch die in der Telekommunikations- und der IT-Branche.

          Die unerwarteten Wechsel kündigen sich sogar vorher an, sagen Studien: Je stärker der Kurs sinkt - im Vergleich zum Gesamtindex vor allem aber zum Branchenschnitt - desto stärker steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorstand ausgewechselt wird. Als Faustregel gilt: Wenn der Kurs um zehn Prozent wegsackt, steigt die Wechselwahrscheinlichkeit um zwei Prozent.

          Bei externer Besetzung schwanken die Kurse stärker

          Je stärker eine Firma von einem institutionellen Großinvestor beherrscht wird, desto eher greift der außerdem zu so einem "disziplinierenden Wechsel". Und: Je jünger der amtierende Vorstand, desto eher wird er bei anhaltender Schwäche des Kurses ausgetauscht. Herr Obermann von der Telekom sollte sich also schon mal gut anschnallen.

          In welche Richtung der Kurs nach der Umbesetzung dreht, hängt stark davon ab, woher der Neue kommt: Ist er ein Interner aus den Reihen der Stellvertreter, fällt die Reaktion klein aus. So wäre es, wenn Christoph Franz Lufthansa-Vorstand würde, was alle erwarten, aber noch nicht sicher ist. Gäbe es dagegen einen Überraschungskandidaten wie vielleicht bei BASF oder gar eine externe Besetzung wie zuletzt bei Siemens mit Peter Löscher oder zuvor bei Linde mit Wolfgang Reitzle, schlägt der Kurs stärker aus. Über kurze Zeit beflügeln Outsider den Kurs und heben die Aktienrendite um sechs Prozent.

          Auf lange Sicht aber gilt: Selbst wenn die Externen einen rigorosen Sanierungskurs fahren, hält der Börsenjubel darüber nur für zwei bis drei Jahre an. Dann knickt der Kurs nach unten ab. Ein cleveres Unternehmen hat bis dahin schon einen Nachfolger aufgebaut - im Haus. Denn wenn ein Insider Chef wird, steigert der, wenn überhaupt, den Aktienkurs nur langsam. Dafür aber umso stetiger.

          Es gibt aber noch ein viel einfacheres Anzeichen für künftige Kurse, sagen gewitzte Forscher: Je größer die Villa eines Vorstands, desto schlechter läuft bald die Aktie.

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