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Airbus-Sanierung : Die Gewerkschaft sieht noch Spielraum

  • Aktualisiert am

Düstere Aussichten für die Belegschaft Bild: AFP

Kanzlerin Merkel spricht von einer fairen Lösung. Wirtschaftsminister Glos beteuert, „die deutsche Seite wurde nicht über den Tisch gezogen“. Doch die Mitarbeiter an den deutschen Airbus-Standorten sind sauer, denn EADS will auch hier Tausende Stellen abbauen.

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          Nach der Einigung über die Sanierung beim Flugzeughersteller Airbus hat die Gewerkschaft IG Metall die Bundesregierung aufgefordert, sich für den Verbleib der Airbus-Standorte Varel und Laupheim im Unternehmen einzusetzen. Die Gewerkschaft werde eine Schließung der Standorte nicht akzeptieren, sagte die Chefin des Gewerkschaftsbezirkes Küste, Jutta Blankau, am Donnerstag dem Deutschlandradio. „Der Zug ist noch nicht abgefahren“, sagte die Gewerkschafterin. Das Unternehmen sei zu Gesprächen bereit.

          „Es besteht aus unserer Sicht nicht die Notwendigkeit, so gravierende Maßnahmen zu machen, weil Airbus nicht zu vergleichen ist mit üblichen Sanierungsfällen“, sagte Blankau. Sie frage sich, wie Airbus seine Aufträge mit dem geplanten Personalabbau schaffen wolle. Das Mittwoch verkündete Sanierungskonzept enthalte „wenig Licht und viel Schatten“. Der Lichtblick sei, dass die Endmontage in Hamburg erhalten bleiben solle. Blankau signalisierte Gesprächsbereitschaft, mit der Unternehmensführung über eine weitere Effizienzsteigerung und weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten zu verhandeln. Bei der Produktion des Airbus 380 sei die IG Metall bereit, einen weiteren Beitrag zu leisten, um die organisatorischen Abläufe zu verbessern und ein sehr effizientes Unternehmen mitzugestalten.

          Spontane Arbeitsniederlegungen

          Zunächst hatten am Mittwoch nach Angaben der IG Metall die knapp 5.000 Airbus-Mitarbeiter in den deutschen Werken Varel, Nordenham und Laupheim auf die Einigung bei dem Flugzeughersteller mit „spontanen“ Streiks reagiert. Die Arbeit soll vermutlich erst am Freitag wieder aufgenommen werden.

          Protest im Airbus-Werk Nordenham

          Der Flugzeughersteller Airbus will in den kommenden vier Jahren 10.000 Stellen abbauen. 3.700 Arbeitsplätze sollen dabei in Deutschland wegfallen, 4.300 in Frankreich, 1.600 in Großbritannien und 400 in Spanien. Dies verkündete Airbus-Chef Louis Gallois in Toulouse. Die Hälfte des Stellenabbaus soll sich auf festangestellte Airbus-Mitarbeiter beziehen, die andere Hälfte auf Leiharbeiter, Beschäftigte mit befristeten Verträgen und Unterauftragnehmer. Für die Werke im norddeutschen Nordenham, in Méaulte in Frankreich sowie in Filton in Großbritannien sucht Airbus industrielle Partner, die zu Investitionen bereit sind. Bei den Standorten Laupheim und Varel (Deutschland) sowie St. Nazaire-Ville (Frankreich) strebt Airbus den Verkauf oder die Zusammenfassung mit anderen Werken an. (Siehe auch: Airbus baut 10.000 Stellen ab)

          Glos: „Nicht über den Tisch gezogen“

          Positiver als die Arbeitnehmer reagierten die deutschen Politiker auf die Nachrichten aus Toulouse. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Sanierungs-Konzept als fair begrüßt. Die Vorschläge seien in Hinblick auf die Lastenverteilung und die technologischen Chancen für die
          Partnerländer Deutschland und Frankreich ausgewogen, sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. Sie erklärte ebenso wie der SPD-Vorsitzende Kurt Beck, das Management trage eine Mitschuld an den Airbus-Problemen.

          Von einem Erfolg der deutschen Interessenvertretung sprach Wirtschaftsminister Michael Glos: „Ich finde es richtig, dass wir in gemessener Form deutsche Interessen gewahrt haben.“ Das Sanierungsprogramm verteile sowohl die Lasten als auch die Zukunftstechnologien angemessen zwischen den beteiligten Ländern. „Die deutsche Seite wurde nicht über den Tisch gezogen“, sagte er. Die angekündigten Stellenstreichungen nannte Glos „schmerzhaft“. Er vertraue aber auf die Zusage, dass sie sozialverträglich gestaltet würden.

          Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte: „Die Landesregierung begrüßt die Standortsicherung für die Airbus-Werke in Norddeutschland.“ Die Lasten würden im Konzern fair verteilt. Wulff kritisierte aber das Herauslösen der Werke in Varel und Nordenham. „Hier handelt es sich bisher um Vorhaben des Managements und noch nicht um abschließende Entscheidungen.“ Ebenso zufrieden zeigte sich Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Trotz der schmerzhaften Einschnitte beim Personal werde der Standort Hamburg mittel- und langfristig durch die Entscheidungen gestärkt, sagte er. Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall sieht für das Hamburger Airbus-Werk jetzt eine „sehr gute Zukunftsperspektive“.

          „Wenig Licht und viel Schatten“

          Der deutsche Airbus-Betriebsrat und die IG Metall Küste kritisierten die Beschlüsse hingegen als „falschen Schritt mit wenig Licht und viel Schatten“. „Die positiven Entscheidungen zur A320-Familie dürfen den Blick auf die Unsicherheit tausender Beschäftigter nicht verdecken“, sagte Jutta Blankau, Bezirksleiterin der IG Metall Küste. „Wir werden das Konzept des EADS-Boards so nicht akzeptieren“, erklärte der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender von Airbus, Rüdiger Lütjen. Der Betriebsrat werde sich entschieden für den Erhalt aller Standorte innerhalb der Airbus Deutschland GmbH einsetzen.

          Auch die französischen Gewerkschaften bei Airbus haben mit Empörung auf den Restrukturierungsplan des Flugzeugherstellers reagiert. Wenn man die Umsetzung des Planes mit dem Namen Power8 zulasse, „dann ist das der Ruin von Airbus“, sagte Xavier Petrachi, Vertreter der Gewerkschaft CGT. Er kündigte „spontane Aktionen an“, wie es sie schon im nordfranzösischen Airbus-Werk Méaulte gegeben hat, als ein Teil der Beschäftigten kurzfristig die Arbeit niederlegte.

          Royal verlangt ein „Moratorium“

          Die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal hat unterdessen angekündigt, dass sie im Fall ihrer Wahl den Restrukturierungsplan stoppen werde. Sie beabsichtige auch, die gesamte Führung des Flugzeugbauers auf den Prüfstand zu stellen. „Ich verlange ein Moratorium“, sagte die Politikerin, die Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin treffen soll.

          In London wurde der auf die britischen Airbus-Werke entfallende Sanierungsplan von Industrievertretern als „fair und ausgewogen“ bezeichnet. Dort sollen 1600 von 11.000 Arbeitsplätzen wegfallen. Wirtschaftsminister Alistair Darling hatte sich im Vorfeld des Sanierungsplans für den Erhalt der beiden Produktionsstätten eingesetzt. Die Ängste, dass der Ausstieg von BAE Systems aus dem Airbus-Konsortium im vergangenen Jahr negative Folgen für den Bestand der britischen Flugzeugindustrie haben könnte, „sind durch das Votum von Airbus fürs erste zerstreut“, hieß es im Wirtschaftsministerium.

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