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Artenvielfalt : „Das Problem sind die Monokulturen“

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Überall Fichten: Monokulturen können schädlich für Insekten sein. Bild: dpa

Ausgeräumte Landschaften und einige Herbizide schaden Insekten, dabei sind die Tiere wichtig für die Landwirtschaft. Ein Gespräch mit Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen zum Insektensterben.

          Herr Professor Tscharntke, klebten im Jahr 1980 mehr Insekten an der Windschutzscheibe Ihres Autos als heute?

          Ja, das ist auffällig. Eine Erfahrung, die jeder macht. Aber man muss mit den Anekdoten aufpassen – wir meinen ja auch, Weihnachten war früher schöner.

          Die Insekten in deutschen Schutzgebieten sind seit 1990 rund 75 Prozent weniger geworden. Für wie bedeutend halten Sie die Studie, die dies zutage brachte?

          Für sehr bedeutend. Sie ist viel umfangreicher als vorherige Studien. Und sie dokumentiert für mehrere Gebiete auch Messungen am selben Ort, die rund 20 Jahre auseinander liegen. Diskussionen über das Insektensterben gibt es zwar schon länger, aber die Behauptung war statistisch nicht haltbar.

          Sprecher von Agrarkonzernen wie Syngenta und Bayer stellen die Aussagekraft in Zweifel. Was sagen Sie denen?

          Die Studie ist überzeugend. Das Argument, man hätte noch mehr Messungen über längere Zeit durchführen müssen, ist wenig hilfreich – niemand beprobte bisher mehr als 60 Naturschutzgebiete.

          Wie wichtig sind Insekten für die Landwirtschaft?

          Enorm. Die Leute machen sich das nicht klar. Ein Großteil der Schädlingsbekämpfung findet biologisch statt. Auf einem Hektar Getreide leben hunderttausende von Spinnen und räuberischen Käfern, die hauen viel weg. Und da, wo es keine Wildbienen mehr gibt, sinken die Ernten von Erdbeeren und Süßkirschen um mehr als das Doppelte, wie unsere Studien zeigten. Rund 70 Prozent aller Tierarten in Deutschland sind Insekten.

          Wie schädlich ist die Landwirtschaft für die Insekten?

          Die Studie bezieht sich zwar nur auf Schutzgebiete und ist bezüglich der Ursachen zurückhaltend. Aber Schutzgebiete sind nicht losgelöst vom Umfeld. Viele Arten fliegen raus in die umgebenden Agrarlandschaften und nutzen deren Ressourcen als Futter. Das Problem ist die zunehmende Vorherrschaft von Monokulturen, wir sprechen von ausgeräumten Landschaften, in denen Landschaftselemente wie Brachen, Hecken oder breite Feldränder fehlen. Stattdessen werden Mais-, Raps- oder Weizenfelder immer größer.

          Der Klimawandel wird als wahrscheinlicher Grund des Rückgangs benannt.

          Das erscheint mir wenig plausibel. Wenn die Temperaturen steigen, sollten die Insekten profitieren. Bei uns wandern auch immer mehr Arten vom Süden ein.

          Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen.

          Wieso schwinden die Insektenbestände ausgerechnet in den Schutzgebieten?

          Die einzige plausible Erklärung, die mir einfällt, ist der landwirtschaftliche Strukturwandel. Und zwar deshalb: Nach extremen Wetterereignissen wie langem Frost oder Hitzeperioden können die Populationen von Insekten sehr klein werden. Es gibt entsprechend große Schwankungen. Danach braucht es eine Wiederbesiedelung von außen. Unsere Naturschutzgebiete liegen aber oft wie Inseln inmitten ausgeräumter Landschaften, so dass von außen keine Wiederbesiedlung stattfindet. In einer solchen Situation herrschen die Aussterbungsprozesse vor.

          Und warum genau sind die Ackerflächen so artenarm geworden?

          Es gibt eigentlich 270 Ackerpflanzenarten bei uns, faktisch findet man nur noch ein Dutzend auf einem Acker. Darunter sind viele, die resistent sind gegen Herbizide, etwa der Ackerfuchsschwanz. Die Überdüngung mit Stickstoff führt zu einer Verringerung der Pflanzenvielfalt. Es setzen sich wenige, besonders konkurrenzfähige Arten durch, was vor allem auf den stark überdüngten Wiesen und Weiden auffällt. Sie bestehen nur noch aus 10 bis 15 Pflanzenarten pro Hektar, dabei könnten es Dutzende sein. Die Überdüngung hat dramatische Folgen für Böden, Luft, Wasser – auf 70 bis 320 Milliarden Euro im Jahr schätzt die EU die Folgekosten der Stickstoffverluste in Europa.

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