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Konjunktur : Chinas Medien und die „glänzende Zukunft“ der Wirtschaft

Alle Welt fürchtet die chinesische Rezession - Chinas Propaganda hält dagegen. Bild: AP

Alle Welt fürchtet die chinesische Rezession. Chinas Propaganda hält dagegen: detailliert weist sie ihre Journalisten an, wie die Konjunkturdaten zu interpretieren sind.

          Schriftliche Tagesbefehle, wie die Staatsmedien zu berichten haben, sind in China nichts Ungewöhnliches. In schöner Regelmäßigkeit dokumentiert die von Professoren der amerikanischen Berkeley-Universität betriebene Webseite „China Digital Times“ die Anweisungen des Propagandaministeriums der Kommunistischen Partei Chinas für die Reporter von Zeitungen, Radiostationen, Fernsehsendern und Nachrichtenwebseiten. Als beispielsweise Mitte Juni die Aktienkurse an den chinesischen Festlandbörsen um ein Drittel einbrachen und auf dem Papier 5 Billionen Dollar an Kapital vernichteten, verbot die Partei, in den Berichten Worte wie „Kurseinbruch“ und „Baisse“ zu verwenden. Auch sollten keine Einzelschicksale verzweifelter Anleger dargestellt werden; überhaupt jede „übertriebene“ Emotion aus der Berichterstattung über das Platzen der Börsenblase verschwinden.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Entwicklung der Konjunktur hat das allerdings nicht geschert. Eine schlechte Nachricht über sinkende Exporte, Importe, Industrieproduktion und Erzeugerpreise jagt die nächste. Und so rätselt drei Monate nach dem ersten Kurseinbruch Mitte Juni die ganze Welt über den tatsächlichen Zustand der zweitgrößten Volkswirtschaft. Das nimmt die Chinesen selbst nicht aus: Wang Jianlin, reichster Mann des Landes und Chef des Mischkonzerns Dalian Wanda, verkündete jüngst öffentlich, Chinas Regierung müsse sich von der „Phantasie“ einer hohen Wachstumsrate von 7 Prozent verabschieden, die Premier Li Keqiang am gestrigen Donnerstag allerding öffentlich nochmals als offizielles Jahresziel bekräftigt hat. Die chinesischen Anleger glauben den Durchhalteparolen ihrer Führung offensichtlich ebenfalls nur begrenzt. Trotz massiver Staatsintervention bewegen sich die Börsenkurse heute sogar unter dem Stand nach dem Einbruch vor drei Monaten.

          Dass sich Premier Li ein paar Tage, nachdem Peking mit einer bombastischen Parade von Soldaten, Militärfahrzeugen, Jagdfliegern und Langstreckenraketen seine neue Stärke unter Beweis stellen wollte, bereits wieder öffentlich vor ausländischen Managern für das schlechte Krisenmanagement der Regierung rechtfertigen und die Welt beschwören muss, China erlebe keine „harte Landung“, schmeckt der Partei überhaupt nicht. Und so erhalten die Journalisten der chinesischen Staatsmedien dieser Tage so detaillierte Regieanweisungen für die Berichte über Börse und Realwirtschaft wie selten zuvor.

          „Hinweise betreffend verstärkter Wirtschaftspropaganda“ ist die jüngste Anweisung der „Zentralen Propagandaabteilung“ der Partei überschrieben, die die amerikanische Webseite „China Digital Times“ dokumentiert. Der „Volkszeitung“, der Nachrichtenagentur „Xinhua“, der „Wirtschaftszeitung“, dem Staatsfernsehen CCTV und vielen anderen Medien wird befohlen, den „Fokus im Monat September“ auf Berichte über die „glänzende wirtschaftliche Zukunft“ und die „Überlegenheit des chinesischen Systems“ zu legen, sowie die „Erwartungen zu stabilisieren“ und das „Vertrauen“ der Leser, Hörer und Zuschauer in die Konjunktur zu stärken.

          Wenn das Nationale Statistikamt die monatlichen Daten zu den Entwicklungen von Produktion, Preisen und Konsum bekannt gibt, gilt demnach folgendes für Pekings Berichterstatter: „Jedes Nachrichtenmedium muss Vertreter und Experten des Nationalen Statistikamts interviewen.“ Wenn Chinas schuldenbeladene Banken ihre Bilanzen veröffentlichen, sollen die Reporter Vertreter und Experten der staatlichen Bankregulierungsbehörde zu Wort kommen lassen. Vor allem soll die Propaganda hinsichtlich „wirtschaftlicher Highlights und deren Effekte“ verstärkt werden.

          Die Anweisungen tragen das Datum von Mittwoch. Die Zeitungen haben am heutigen Freitag in ihren Leitartikeln bereits reagiert: „Wir müssen Geduld haben“ leitartikelt die chinesische Ausgabe der „Global Times“. Die „Volkszeitung“ schreibt: „Wir marschieren voran in die glänzende Zukunft einer neuen Generation“.

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