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Wenn die Flut kommt : Asiens Industrie ist auf Katastrophen kaum vorbereitet

Überschwemmungen in Bangkok (Thailand) 2011 Bild: Lucas Wahl

Naturkatastrophen werden als Investitionsrisiko in Asien unterschätzt. Die wenigsten Unternehmer auf dem Kontinent sind gegen Schadensfälle aus Stürmen, Fluten oder Dürren versichert.

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          Kulturelle Differenzen, die hohe Inflation, politische Wirren – dies sind Risiken, die Investoren ins Auge fassen, wenn sie nach Asien blicken. Weniger achten sie auf ein Großrisiko, denn jeder blendet es nur zu gern aus: Naturkatastrophen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) weist am Dienstag auf deren Bedeutung in der Wachstumsregion hin: „Asien ist verletzlicher für die Folgen von Naturkatastrophen als jede andere Weltgegend. In den vergangenen 20 Jahren hat Asien rund die Hälfte der weltweiten geschätzten Kosten für Naturkatastrophen getragen – rund 53 Milliarden Dollar jährlich.“ Allein die – weitgehend vorhersehbaren – Überschwemmungen in Thailand forderten 2011 von Dutzenden Unternehmen eine mehrmonatige Unterbrechung der Produktion. „Der wirtschaftliche Schaden für die Firmen ist immens. Betroffen sind praktisch alle, die in Thailand fertigen. Denn auch die Lieferketten funktionieren nicht mehr“, sagte Benjamin Leipold, der kommissarische Geschäftsführer der Deutsch-Thailändischen Handelskammer damals. Die Endabnehmer in Amerika, Japan oder auch Deutschland bekamen die Flut in Thailand zu spüren und konnten sie in ihrer Gewinn- und Verlustrechnung ablesen.

          Denn solche Katastrophen treffen die Asiaten weitgehend unvorbereitet: Während in Amerika 67 Prozent der entstehenden wirtschaftlichen Schäden versichert sind, liegt der Vergleichswert für die Asiaten nur bei 7,6 Prozent. Die Gründe sind vielschichtig: Vielen Asiaten bleiben Versicherungen fremd. Sie kosten relativ viel Geld – es erscheint aber vollkommen unsicher, ob sie im Notfall zahlen. Es fehlen Erfahrung und Vertrauen. Die Anbieter ihrerseits bieten zu wenige Lösungen, die auf die potentiellen asiatischen Nutzer zugeschnitten sind. „Angesichts der Konzentration der katastrophalen Risiken in der Region – und der aufgrund des Klimawandels erwarteten Zunahme sowohl in Häufigkeit wie Intensität – muss der Aufbau praktikabler Versicherungslösungen politische Priorität besitzen“, fordert die ADB.

          „Die wirtschaftlichen Folgen von Naturkatastrophen können vernichtend sein. Die Infrastruktur wird zerstört, die Ernten, die Häuser. Es kommt zum Verlust von Einkommen, wachsender Arbeitslosigkeit, Unterbrechungen der Handelsströme und einer Destabilisierung der Märkte“, fassen die Analysten die Risiken zusammen. „Aber die gesellschaftlichen Folgen für schon verletzliche Gesellschaften sind noch viel schlimmer – abgesehen von den sofort verlorenen Leben werden ganze Haushalte plötzlich zu Flüchtlingen, Armut breitet sich aus.“

          Die Munich Re kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Allein Unwetter haben in Asien zwischen 1980 und 2013 fast 600.000 Tote gefordert. Die Schadenssumme, die Stürme, Fluten, Dürren und Brände forderten, lag bei 1035 Milliarden Dollar. Davon waren nur 85 Milliarden Dollar versichert.

          „Aber besorgniserregendsten ist der Abstand zwischen aufgetretenen und versicherten Verlusten. Er kann so groß werden, dass er einem Staat die Fähigkeit raubt, als letzter Retter aufzutreten“, warnt die ADB. So seien in Japan nur gerade mal 35 Milliarden Dollar der Gesamtschäden in Höhe von 210 Milliarden Dollar des Tsunamis und Erdbebens von 2011 gedeckt gewesen. „Fehlt der Versicherungsschutz, müssen die Regierungen, Hilfsorganisationen und – viel zu oft – die betroffenen Haushalte und Unternehmen die Kosten schultern“, warnt die ADB. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist Bangladesch das am weitesten unterversicherte Land Asiens. Die chinesische Sonderverwaltungsregion Hongkong ist von den hochentwickelten Standorten derjenige, der am meisten unterversichert ist. Das ist brandgefährlich: Von den weltweiten Schadensfällen in der Gesamtsumme von 135 Milliarden Dollar allein im vergangenen Jahr entfielen 48 Prozent auf Asien, hat die Munich Re errechnet. Versichert waren davon nur 35 Milliarden Dollar – 9 Prozent davon in Asien.

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