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Neue Plastikblondine : Wenn Barbie auf Siri trifft

Anfang November will Mattel „Hello Barbie“ herausbringen, eine mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Version der Puppe. Bild: AP

Mattel stattet seine berühmte Puppe mit künstlicher Intelligenz aus. Damit soll Barbie fast wie eine echte Freundin werden. Manche finden die Vorstellung gruselig.

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          Vor wenigen Tagen hat der amerikanische Spielehersteller Mattel wieder einmal enttäuschende Zahlen für sein Barbie-Geschäft vorgelegt. Um 14 Prozent fiel der Umsatz mit der Puppe im dritten Quartal, und das, nachdem er schon im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres um mehr als 20 Prozent abgestürzt war. Für die berühmte Plastikblondine mit den perfekten Proportionen sind schwere Zeiten angebrochen. Sie hat mehr Konkurrenz von anderen Puppen, zum Beispiel Elsa und Anna, den Hauptfiguren aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“, die im vergangenen Weihnachtsgeschäft ein Renner waren. Vielen Mädchen sind außerdem elektronische Geräte heute wichtiger als traditionelle Spielwaren wie Puppen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Mattel versucht nun, sich gegen den Relevanzverlust von Barbie in der heutigen digitalen Welt zu stemmen. Anfang November will der Konzern „Hello Barbie“ herausbringen, eine mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Version der Puppe. „Hello Barbie“ erinnert an Siri, die digitale Assistentin in Geräten des Elekronikkonzerns Apple. Ähnlich wie Siri kann auch „Hello Barbie“ Fragen beantworten und Unterhaltungen führen. Die Spracherkennung der Puppe wird durch einen Druck auf ihre Gürtelschnalle aktiviert, und in der Halskette verbergen sich ein Mikrofon und ein Lautsprecher. Um zu funktionieren, muss „Hello Barbie“ per W-Lan mit dem Internet verbunden sein. Die digitale Puppe soll in Amerika 75 Dollar kosten und damit ein Vielfaches der analogen Barbie. Sie kann derzeit nur Englisch, und über eine etwaige Einführung in Deutschland ist bislang nichts bekannt.

          Damit kommt nun also auch die 1959 erstmals auf den Markt gebrachte Barbie im „Internet der Dinge“ an. Mattel hat der Puppe gewissermaßen ein Gehirn verpasst. „Hello Barbie“ ermöglicht Kindern eine ganz neue Art der Interaktion mit einer Puppe. Barbie wird ein Stück weit lebensecht. Die digitale Barbie soll nach Angaben von Mattel in der Lage sein, mit ihren Besitzerinnen „genauso wie eine richtige Freundin“ zu sprechen. Sie soll also kein lebloses Objekt mehr sein, auf das Kinder ihre eigenen Phantasien projizieren müssen.

          „Hello Barbie“ sagt Dinge wie: „Ich habe Dich vermisst“, „Du bist so klug“ oder „Ich wusste gleich, dass wir beste Freunde sein würden.“ Insgesamt 8000 solcher Äußerungen wurden von Mattel in die digitale Puppe eingespeist. Das Unternehmen hat das zur Verfügung stehende Vokabular im Internet in einem 283 Seiten langen Dokument veröffentlicht. Manche Dinge sind tabu, und „Hello Barbie“ ist so programmiert, dass sie „unangemessene Unterhaltungen“ in eine andere Richtung lenkt. So soll sie keine Schimpfwörter wiederholen, sondern stattdessen das Thema wechseln.

          Mattels neue Puppe soll nicht nur in der Lage sein, darauf zu reagieren, was man zu ihr sagt. Sie soll sich dies auch merken und später darauf Bezug nehmen können. Die Unterhaltungen zwischen „Hello Barbie“ und ihren Besitzerinnen werden aufgezeichnet und in der „Cloud“ gespeichert, was in diesem Fall das Rechenzentrum von Toy Talk ist, das Unternehmen, das die digitale Puppe mit Mattel entwickelt hat. Eltern können sich diese Aufzeichnungen anhören und sogar teilen. Eltern sind auch notwendig, um „Hello Barbie“ überhaupt zu aktivieren. Sie müssen eine Smartphone-Anwendung herunterladen und ein Konto einrichten, bevor ihre Kinder das interaktive Spiel mit der Puppe beginnen können.

          „Hello Barbie“ wirft freilich eine Reihe von Fragen auf: Erwachsene wissen, dass Siri letztlich ein lebloser Computeralgorithmus ist, aber ist das auch Kindern klar, wenn sie mit „Hello Barbie“ spielen? Könnte sich das soziale Verhalten von Kindern verändern, wenn ihre Puppe ihnen wie eine echte Freundin vorkommt, die womöglich besser erscheint als Freundinnen im richtigen Leben? Wird die Phantasie von Kindern gebremst, wenn „Hello Barbie“ selbst spricht und ihre Besitzerinnen sich keine Dialoge mit der Puppe mehr ausdenken müssen? Und was ist mit dem Datenschutz und der Sicherheit vor Hackern?

          Mit Blick auf die Hacking-Gefahr weist Mattel darauf, eine Reihe von „Sicherheitsvorkehrungen“ getroffen zu haben. Sollte die „Hello Barbie“-Datenbank doch einmal von einem Hacking-Angriff ereilt werden, werde Mattel einen „angemessenen Reaktionsplan“ entwickeln. Es wird vielleicht nicht jeden beruhigen, dass dies erst nach einer Attacke geschehen soll.

          Die Organisation “Campaign for a Commercial-Free Childhood” findet die digitale Barbie jedenfalls “ernsthaft gruselig”. Die Gruppe kämpft dafür, Marketing einzuschränken, das auf Kinder abzielt. Sie ist besorgt, dass die aufgezeichneten Gespräche zwischen „Hello Barbie“ und ihren Besitzerinnen für kommerzielle Zwecke ausgeschlachtet werden könnten. Mattel beteuert, diese Daten würden nicht genutzt, um Kinder zu kontaktieren und ihnen Werbung zu zeigen. Das ist der Organisation aber nicht genug, die eine Petition gestartet hat, mit der Mattel zum Verzicht auf die Einführung von „Hello Barbie“ aufgefordert wird. Immerhin gut 6000 Menschen haben die Petition unterzeichnet. Einer von ihnen schrieb: „Persönliche Informationen von Erwachsenen zu sammeln, ist beunruhigend. Sie von Kindern zu sammeln, ist kriminell.“

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