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Apple : Schadet Tim Cook seinem Unternehmen?

Apple-Chef Tim Cook mischt sich zunehmend in Politik und Gesellschaft ein. Doch welche Auswirkungen hat das auf sein Unternehmen Apple? Bild: AP

Der Vorstandschef des Elektronikkonzerns Apple mischt sich immer mehr in politische und gesellschaftliche Diskussionen ein. Wissenschaftler haben untersucht, ob das gut oder schlecht für das Apple-Geschäft ist.

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          Tim Cook wird immer mehr zum Aktivisten. Der Vorstandsvorsitzende des Elektronikkonzerns Apple spricht viel über Datenschutz und hat sich gerade einen öffentlichkeitswirksamen Streit mit der amerikanischen Regierung um die Wahrung der Sicherheit von iPhone-Handys geliefert. Auch Apples Einsatz für den Umweltschutz setzt er prominent in Szene. Daneben geht Cook aber auch Themen an, die nicht unmittelbar mit Apple zu tun haben.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Vor einem Jahr stellte er sich an die Spitze eines Protests von Top-Managern, der sich gegen ein geplantes Gesetz im amerikanischen Bundesstaat Indiana richtete. Das Gesetz sollte „religiöse Freiheit“ wahren, wurde aber von Kritikern als Freibrief für die Diskriminierung von Homosexuellen interpretiert, zum Beispiel indem es Inhabern von Geschäften erlaube, ihre Dienste nicht für Hochzeiten gleichgeschlechtlicher Partner bereitstellen zu wollen. Cook, der sich 2014 selbst als schwul geoutet hat, schrieb damals in einem Gastbeitrag in der Zeitung „Washington Post“, in Indiana und anderen Bundesstaaten sei etwas „sehr Gefährliches“ im Gange. Der öffentliche Aufschrei sorgte dafür, dass das Gesetz modifiziert wurde.

          Im Moment sehen sich gleich mehrere Bundesstaaten wegen ähnlicher Gesetzesvorhaben einer Welle der Empörung von Unternehmen gegenüber, und wieder spielt dabei Tim Cook eine Rolle. Zusammen mit mehr als 80 prominenten Vertretern der Technologieindustrie hat er einen Brief unterschrieben, in dem der Gouverneur von North Carolina aufgefordert wurde, ein gerade verabschiedetes Gesetz zurückzunehmen. Dieses Gesetz hebelt vormalige Regeln gegen Diskriminierung von Homosexuellen im Bundesstaat aus, außerdem schreibt es Transsexuellen vor, dass sie nur diejenigen Toiletten benutzen dürfen, die dem Geschlecht auf ihrer Geburtsurkunde entsprechen. Wer also als Mann geboren wurde, sich aber mittlerweile als Frau identifiziert, muss trotzdem auf die Herrentoilette. Zu den Unterzeichnern des Briefs gehörten neben Cook auch Mark Zuckerberg, der Vorstandsvorsitzende des sozialen Netzwerks Facebook, und Marissa Mayer, die den Internetkonzern Yahoo führt.

          Der Bezahldienst Paypal ging sogar so weit, wegen des Gesetzes seine Pläne für eine neue Niederlassung in North Carolina zu kippen. Und Rockstar Bruce Springsteen sagte ein für Sonntag angesetztes Konzert in dem Bundesstaat ab. Apple hat sich unterdessen auch öffentlich gegen Gesetze in Mississippi und Georgia ausgesprochen, die das Unternehmen als diskriminierend empfindet. In Georgia hat der Gouverneur das Gesetz mittlerweile per Veto aufgehoben.

          Schaden für das eigene Unternehmen?

          Der öffentliche Druck kann also Wirkung zeigen. Was aber haben die Unternehmen davon, wenn sie sich einmischen? Ein offensichtlicher Effekt ist, dass sie damit als toleranter Arbeitgeber dastehen, was ihnen bei der Rekrutierung von Personal helfen kann. Aber wirkt sich das Engagement auch auf das Geschäft aus? Zwei amerikanische Wirtschaftsprofessoren sind dieser Frage jetzt am Beispiel von Tim Cook und seinem Protest gegen das Gesetz in Indiana nachgegangen, und sie kamen dabei zu interessanten Ergebnissen.

          Aaron Chatterji von der Duke University und Michael Toffel von der Harvard Business School fragten nach der Wahrscheinlichkeit, sich in naher Zukunft ein Produkt von Apple zu kaufen. Einer Gruppe wurde einfach nur diese Frage gestellt, bei einer anderen wurde die Frage mit dem Zusatz verbunden, dass Tim Cook kürzlich Bedenken wegen des Gesetzes und der möglicherweise daraus resultierenden Diskriminierung von Homosexuellen angemeldet habe.

          Diejenigen, die den Zusatz zu lesen bekommen hatten, gaben insgesamt eine höhere Kaufwahrscheinlichkeit für Apple-Produkte an. Die Ergebnisse wurden auch danach aufgeschlüsselt, ob die Befragten Befürworter von gleichgeschlechtlicher Ehe sind oder nicht. Erwartungsgemäß gaben die Befürworter eine deutlich höhere Kaufbereitschaft an, wenn sie den Zusatz über Tim Cook lasen. Bei den Gegnern fiel die Kaufbereitschaft zwar etwas niedriger aus, aber das war statistisch nicht signifikant. Das signalisiert nach Auffassung der Autoren, dass Apple durch die Äußerungen seines Vorstandschefs mehr Kunden gewinnt als vergrault. Die Schlussfolgerung wäre also, dass sich Cooks Aktivismus unter dem Strich positiv auf das Geschäft auswirkt.

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          Die Professoren fragten auch, ob Cook und andere prominente Figuren Einfluss auf die Meinung der Menschen über das Gesetz haben. Eine Gruppe wurde schlicht gefragt, ob sie das Gesetz zum Schutz religiöser Freiheit befürworte. Bei anderen Teilnehmern wurde die Frage mit dem Zusatz verbunden, dass Tim Cook Bedenken wegen möglicher Diskriminierung geäußert habe. Bei weiteren Gruppen war der Bedenkenträger nicht Tim Cook, sondern ein anderer Vorstandsvorsitzender oder der Bürgermeister von Indianas Hauptstadt Indianapolis. Bei Befragten, die keinen Zusatz lasen, ergab sich eine Befürwortungsrate für das Gesetz von 50 Prozent. In der Gruppe, die Cooks Bedenken las, fiel dieser Wert auf rund 40 Prozent. Um diese Marke herum bewegte sich auch das Ergebnis für andere Gegner des Gesetzes. Das würde also zum Schluss führen, dass Tim Cook die Meinung über das Gesetz beeinflussen kann, aber auch nicht mehr als andere Personen.

          Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie nicht zwangsläufig allgemeine Aussagen über Aktivismus von Unternehmen zulassen und es weiteren Forschungsbedarf gebe. So sei es im Fall von Cook möglich, dass dessen eigene Homosexualität bei den Antworten Rolle gespielt habe, ebenso wie der Umstand, dass es sich bei ihm um einen besonders prominenten Vorstandsvorsitzenden handelt. Der Apple-Chef dürfte sich aber in jedem Fall von den Studienergebnissen ermutigt fühlen, sich auch in Zukunft einzumischen.

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