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Vor G20-Gipfel in China : Hotels dürfen keine Menschen aus Terrorstaaten beherbergen

Der G20-Gipfel in China soll ein voller Erfolg werden, deshalb greift das Land zu fragwürdigen Methoden. Bild: Reuters

Nächste Woche reisen die Kanzlerin und Barack Obama zum Treffen der G20-Staaten nach Südchina. Die Angst vor Anschlägen ist so groß, dass die chinesische Polizei zu drastischen Maßnahmen greift.

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          Wenn am Sonntag in einer Woche in der schönen ostchinesischen Stadt Hangzhou, zwei Autostunden von Schanghai entfernt, die Präsidenten und Regierungschefs der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) über die Lage der Weltwirtschaft zu tagen beginnen, steht für den Gastgeber China viel auf dem Spiel.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Weil der Welthandel lahmt, knirscht es in der Exportindustrie der chinesischen Wirtschaft gewaltig. Das Treffen in Hangzhou soll herausfinden, wo auf der Erde die nächsten Wachstumsreserven gehoben werden können, die wieder Schwung bringen in Chinas immer öfter still stehenden Fabriken. Dem Land droht Massenarbeitslosigkeit. Am Ende des zweitägigen Gipfels in Hangzhou muss der chinesische Parteichef Xi Jinping (Präsident wird er nur in der Auslandspresse genannt) dem Volk handfeste Ergebnisse vorweisen können.

          Vor allem aber muss China in Hangzhou beweisen, dass es eine Veranstaltung dieser Größenordnung stemmen kann. Für das Land ist es das größte internationale Ereignis seit den Olympischen Spielen. Die Führung ist nervös – und hat drastische Maßnahmen ergriffen.

          Kirchen geschlossen, Fabriken stehen still

          Noch putzig mutet an, dass die Partei an die Hangzhouer Bevölkerung Sprechzettel mit englischen Sätzen in phonetischer Lautschrift hat verteilen lassen, damit diese die Stadt vor Ausländern als „Paradies auf Erden“ preist: „Hangzhou, a pai-ai-na-da-si an e-si“ (Hangzhou, a paradise on earth). Dass sogar Künstlerateliers aus Sorge vor Subversion in der Stadt den Betrieb einstellen mussten, geht Hangzhous Avantgarde schon mehr auf die Nerven. Nicht nur in der Provinz Zhejiang, zu der Hangzhou gehört, mussten auf Anweisung der Behörden Kirchen schließen, aus Sorge vor der Macht des Christentums. In Schanghai haben längst weit über 200 Fabriken und Industrieanlagen den Betrieb eingestellt, um während der zwei Tage im September den Staatslenkern blauen Himmel mit niedrigeren Smogwerten als üblich zu präsentieren. Deutsche Manager berichten, dass in vielen Provinzen ihre chinesischen Geschäftspartner aus der Exportindustrie schon vor Monaten Lieferstopp angemeldet haben, weil sie ihre Anlagen für das G20-Treffen stilllegen mussten.

          Am wichtigsten für Chinas Regierung ist jedoch die Sicherheit der Staatsgäste. Seit Juli sind 28.000 zusätzliche Polizisten in der Stadt, die sich ausschließlich um die Vorbereitung des Gipfels kümmern. Dazu kommen 800.000 weitere Sicherheitskräfte, die zwar nicht zur Polizei im engeren Sinne zählen, aber Uniform tragen und vom Staat bezahlt werden. Keine Entschädigung erhalten hingegen eine Million Freiwillige, die T-Shirts in den Farben des G20-Treffens oder rote Armbinden tragen und ebenfalls auf den Straßen Patrouille gehen. Selbst im benachbarten Schanghai sind seit Wochen in Bussen und Bahnen zusätzliche Sicherheitskräfte unterwegs.

          Drastische Maßnahmen

          Einem Bericht der Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ gehen die Sicherheitsmaßnahmen nun allerdings noch sehr viel weiter – bis in die 1300 Kilometer entfernte südliche Millionenmetropole Guangzhou. Dort sollen kleinere Hotels in verschiedenen Teilen der Stadt von der Polizei die Anweisung erhalten haben, mit Beginn der laufenden Woche keine Gäste aus folgenden Staaten zu beherbergen: Afghanistan, Türkei, Irak, Syrien und Pakistan. Alles Länder, in denen die Terrorgruppe Islamischer Staat ihre Anhänger rekrutiert.

          Dem Bericht zufolge gilt der Gästebann für die fünf Nationalitäten bis zum zehnten September, also fünf Tage nach Ende des G20-Gipfels. Die Zeitung zitiert Hotelangestellte aus Guangzhou, die berichten, von Vorgesetzten über den Bann unterrichtet worden zu sein. Diese wiederum hätten auf entsprechende schriftliche Anweisungen der Polizeibehörden verwiesen. Wie es in China üblich ist, wurden Gründe für die diskriminierende Maßnahme darin nicht genannt.

          Einige Hotels in Guangzhou haben demzufolge sogar berichtet, der Gästebann gelte bis in den Monat Oktober hinein. Nicht betroffen seien allerdings die großen internationalen Häuser der Fünf-Sterne-Kategorie – offensichtlich glaubt die Polizei, deren Gäste aus den fünf Staaten seien leichter unter Kontrolle zu halten. Auch weniger teure Häuser international bekannter Hotelketten seien von dem Bann nicht betroffen.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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