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Neues Buch : Von „Lean In“ zu „Option B“

Facebook-Chefin Sheryl Sandberg Bild: dpa

Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg bringt ihr neues Buch heraus. Sie schreibt über den Umgang mit Trauer nach dem Tod ihres Mannes. Und wie mit dem Vorgängerwerk will sie eine ganze Bewegung starten.

          Als Geschäftsführerin des sozialen Netzwerks Facebook hat Sheryl Sandberg vielleicht automatisch einen Hang dazu, viel von sich in der Öffentlichkeit preiszugeben. Dennoch war der Facebook-Eintrag, den sie vor knapp zwei Jahren veröffentlichte, bemerkenswert. Es war rund einen Monat, nachdem der plötzliche Tod ihres Mannes Dave Goldberg sie von einem Tag auf den anderen zur Witwe und alleinerziehenden Mutter gemacht hatte.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Goldberg war während eines Kurzurlaubs des Paars in Mexiko an einer Herzschwäche gestorben. Auf Facebook sprach Sandberg in entwaffnender Offenheit über ihre Trauer. Sie schrieb, wie ihre eigene Mutter jede Nacht bei ihr im Bett gewesen sei, bis sie sich in den Schlaf geweint habe. Und sie gab zu, dass sie, die sich immer als Macherin verstanden habe, auf einmal hilflos gewesen sei und sogar ans Essen habe erinnert werden müssen.

          Aber Sandberg versuchte auch damals schon, nach vorne zu blicken. Sie sagte, sie werde immer um „Option A“ trauern, also das gemeinsame Leben mit ihrem Mann, aber sie erklärte es zu ihrem Vorsatz, das meiste aus „Option B“ zu machen, die ihr das Schicksal nun beschert habe. „Kick the Shit ouf of Option B“, war ihre flapsige Formulierung dafür.

          Sandbergs Eintrag auf Facebook stieß auf gewaltige Resonanz, er wurde bis heute mehr als 74.000 Mal kommentiert. Und aus ihrem Vorsatz ist jetzt ein ganzes Buch geworden. Am Montag kommt in Amerika „Option B“ heraus, ein Werk, das sie zusammen mit Adam Grant geschrieben hat, einem Psychologieprofessor, mit dem sie befreundet ist. Das Buch kombiniert Sandbergs persönliche Erfahrungen mit Grants akademischen Erkenntnissen zum Umgang mit Schicksalsschlägen und anderen Widrigkeiten. Einen Erscheinungstermin in Deutschland gibt es noch nicht.

          Mit „Option B“ betritt die 47 Jahre alte Top-Managerin ein völlig anderes Gebiet als mit ihrem ersten Buch, dem vor vier Jahren herausgekommenen Karriereratgeber „Lean In“. Darin hatte sie Frauen aufgefordert, ihr berufliches Weiterkommen stärker selbst in die Hand zu nehmen, sich also, wie es der Titel sagt, nach vorne zu lehnen und reinzuhängen. „Lean In“ wurde nicht nur zu einem Bestseller, sondern zu einer ganzen Bewegung.

          Sandberg gründete eine „Lean In“-Stiftung, mit der sie Frauen in ihren beruflichen Ambitionen unterstützen will. Sie ermutigte Frauen, sich in „Lean In“-Zirkeln zusammenzutun, also Gesprächskreisen, in denen sie voneinander lernen. Nach Angaben der Stiftung haben sich mittlerweile mehr als 32000 solche Gruppen auf der ganzen Welt gebildet.

          Auch eine berufliche Lektion hat Sandberg gelernt

          „Option B“ behandelt ein sehr unterschiedliches Thema, aber Sandberg verfolgt damit ein sehr ähnliches Muster wie mit „Lean In“. Sie will nicht nur ein Buch herausbringen, sondern eine Bewegung ins Leben rufen. Sie hat eine „Option B“-Stiftung gegründet, mit der sie Menschen zusammenbringen will, die mit Widrigkeiten in ihrem Leben kämpfen. Damit will sie sich nicht nur an Trauernde wenden, sondern zum Beispiel auch an Opfer sexuellen Missbrauchs oder an Menschen, die schwer erkrankt sind. Und wie mit „Lean In“ hat Sandberg versucht, auch „Option B“ in eine inspirierende Botschaft zu verpacken.

          Diesmal heißt sie: „Widerstandsfähigkeit ist wie ein Muskel und kann trainiert werden.“ Sandberg will vermitteln, dass es auch nach niederschmetternden Ereignissen möglich ist, durchzuhalten und Freude wiederzuentdecken. Sie will ein Mutmacher für Menschen sein, die Option A verloren haben.

          Auch wenn diese Botschaft positiv ist, schreibt Sandberg in dem Buch auch viel über die dunklen Momente nach dem Tod ihres Mannes. Etwa darüber, wie schmerzhaft es gewesen sei, ihren beiden Kindern zu sagen, dass deren Vater nicht mehr zurückkommen wird. Oder welche Achterbahnfahrten sie in ihrer Gefühlswelt erlebt habe. Etwa als sie Monate nach Goldbergs Tod auf einer Party ausgelassen getanzt und sich zum ersten Mal für einen Moment glücklich gefühlt habe, dann aber genau deshalb von Schuldgefühlen übermannt worden und in Tränen ausgebrochen sei. Sandberg gibt auch zu, sie habe sich anfangs selbst Mitverantwortung am Tod ihres Mannes gegeben. Sie habe lernen müssen, sich davon zu befreien, ebenso wie von der Vorstellung, dass die Trauer um Goldberg jeden Moment ihres Lebens beeinträchtigen und nie nachlassen werde.

          Auch eine berufliche Lektion hat Sandberg gelernt. Zu ihrer eigenen Überraschung habe sie festgestellt, dass die Trauer ihr Selbstbewusstsein erschüttert habe, ob als Mutter oder im Beruf. Das habe sich noch verschlimmert, wenn Kollegen besonders verständnisvoll auf etwaige Fehler von ihr reagiert hätten. Umso wichtiger seien daher berufliche Erfolgserlebnisse gewesen. Sandberg sagt, deshalb versuche nicht mehr wie früher, Kollegen automatisch zu entlasten, wenn ihnen etwas Schlimmes widerfahren sei. Stattdessen frage sie, ob sie Aufgaben erledigen wollen oder nicht.

          Sandberg hat sich mittlerweile wieder auf eine neue Beziehung eingelassen. Sie ist mit Bobby Kotick liiert, dem Vorstandsvorsitzenden des Videospielehersteller Activision Blizzard. Dafür schlug ihr in Facebook-Kommentaren viel Feindseligkeit entgegen. In einem Interview mit dem britischen „Guardian“ sagte sie, sie hoffe, das Buch werde Menschen davon abzubringen, ein Urteil zu fällen, wenn jemand nach dem Verlust seines Partners wieder eine Beziehung eingeht. Das gelte insbesondere für Frauen, über die in diesem Fall viel „harscher“ geurteilt werde.

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