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Pharmaindustrie : Eine Chance für das Frauen-Viagra

Rosa statt blau: Diese Pille soll Frauen Lust machen Bild: AP

Nach mehreren gescheiterten Anläufen könnte die pinkfarbene Lust-Pille für Frauen nun doch auf den Markt kommen. Amerikas Gesundheitsbehörde gibt ein positives Signal. Seine Wurzeln hat das Mittel in Deutschland.

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          Männer mit Potenzproblemen können schon seit Jahren auf Hilfestellung in Form von kleinen blauen Viagra-Pillen und einigen anderen Mitteln zurückgreifen. Ein Äquivalent für Frauen fehlte bislang, trotz vieler Bemühungen der Pharmaindustrie. Viagra-Hersteller Pfizer zum Beispiel gab 2004 den Versuch auf, das Mittel als auch luststeigernde Substanz für Frauen zu entwickeln und vermarkten.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hatte einst gehofft, mit dem Mittel Flibanserin einen Durchbruch zu schaffen. Es war zunächst zur Behandlung von Depressionen gedacht, bis Frauen in den klinischen Tests der Pille von gesteigertem Lustempfinden berichteten. Aber die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA lehnte die Zulassung von Flibanserin aus Sorge um Nebenwirkungen im Jahr 2010 ab, und Boehringer gab das Mittel auf.

          Experten empfehlen Zulassung

          Aber nun hat genau dieses Flibanserin, eine pinkfarbene Pille, eine neue Chance erhalten: Eine Expertenkommission der FDA empfahl Flibanserin am Donnerstag nach einer Anhörung zur Zulassung in den Vereinigten Staaten. Das Mittel gehört heute dem kleinen amerikanischen Unternehmen Sprout, das es 2012 von Boehringer erwarb. Sprout war 2013 zunächst selbst noch damit gescheitert, die FDA zu überzeugen, aber im insgesamt dritten Anlauf scheint es nun zu klappen. Das Gremium stimmte mit 18 zu 6 Stimmen für eine Genehmigung.

          Die Behörde hat zwar noch keine endgültige Entscheidung getroffen, aber sie folgt üblicherweise der Empfehlung der Kommission. Zumindest amerikanische Frauen hätten dann Zugang zu der Lustpille. In Europa ist das Mittel bislang nicht zugelassen.

          Hersteller unterstützt "Aktivistinnen"

          Dieser Anhörung war eine lange und hitzig geführte öffentliche Debatte vorausgegangen. Eine von Sprout unterstützte Gruppe mit dem Namen „Even the score“, zu der eine Reihe von Frauenverbänden gehört, hat eine Kampagne geführt, in der sie die bisherigen Misserfolge bei der FDA zu einer Sexismus-Diskussion genutzt hat. Die Organisation beklagte, dass die FDA etliche Medikamente für sexuelle Funktionsstörungen bei Männern freigegeben habe, aber kein einziges für Frauen, und suggerierte damit Diskriminierung. „Glaubt Ihr, dass Frauen gleichberechtigte Behandlung verdienen, wenn es um Sex geht?“, heißt es in einer Petition der Organisation, die mittlerweile mehr als 60000 Unterschriften gesammelt hat.

          Kritiker zweifeln indessen daran, dass Flibanserin tatsächlich eine Krankheit behandelt, und sehen das Mittel eher als “Lifestyle”-Produkt, das die mit ihm in Verbindung gebrachten Nebenwirkungen wie niedrigen Blutdruck oder Schwindel nicht rechtfertige. Diesen Sorgen um Nebenwirkungen trug auch die FDA-Kommission Rechnung, weil sie mit ihrem positiven Votum die Empfehlung zusätzlicher Schritte verknüpfte, um die mit der Pille verbundenen Risiken zu reduzieren.

          Pille kontra Frigidität

          Flibanserin soll sogenannte „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ behandeln, ein schon von Boehringer verwendeter Begriff für einen Mangel an Lustgefühl bei Frauen. In den klinischen Tests mit dem Mittel berichteten Frauen von einer größeren Zahl „sexuell erfüllender Erfahrungen“, die zwar statistisch signifikant, aber moderat war.

          Das Mittel ist indessen nicht wirklich ein weibliches Gegenstück zu Viagra, weil die beiden Pillen verschiedene Ansätze verfolgen. Flibanserin wirkt im Gehirn, Viagra im Blut. Und Viagra zielt anders als Flibanserin nicht auf Luststeigerung, sondern verhilft Männern lediglich rein körperlich zu einer Erektion.

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