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Korruptionsvorwürfe : Die merkwürdige Verhaftung von Chinas Statistik-Chef

Wegen „gravierender Verstöße gegen die Disziplin“ wurde der chinesische Statistikamtschef Wang Baoan verhaftet. Bild: dpa

Gerade eben teilte er mit, mit der chinesischen Wirtschaft stehe alles zum Besten. Nun ist der Leiter von Chinas Statistikamt wegen Korruptionsvorwürfen in Haft. Die Sorgen vor einem Absturz im Reich der Mitte dürfte dies nicht schmälern.

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          Am Dienstag war sich Wang Baoan seiner Sache noch ganz sicher. Als der Direktor des chinesischen Nationalen Statistikamts in Peking vor die Weltpresse trat, teilte er in gewohnter Härte mit erhobenem Zeigefinger aus gegen alle jene, die den offiziell hervorragenden Zustand der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt in Zweifel ziehen. Wie der Spekulant George Soros zum Beispiel, der vor einer Woche öffentlich geunkt hatte, eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft sei „praktisch unvermeidbar“. Weshalb er, Soros, der Mann, der einst mit seiner Wette gegen das britische Pfund die Bank of England in die Knie zwang, seine Milliarden gegen asiatische Währungen in Stellung gebracht habe.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas, die Volkszeitung, hat Soros deswegen bereits in einem Leitartikel mit „Konsequenzen“ gedroht. Und auch Chinas Statistikchef Wang kanzelte die pessimistischen Kommentare des Amerikaners als vereinzelten „Gedanken“ ab und tönte, „Fakten sprechen lauter als Worte“.

          Wie Recht er damit hatte, erfuhr Wang wenige Momente später am eigenen Leib. Nur Stunden nach seinem Auftritt verkündeten Chinas Korruptionsjäger von der parteiinternen „Zentralen Disziplinarkommission“ (CCDI), sie ermittele gegen den Spitzenkader wegen „gravierender Verstöße gegen die Disziplin“, womit im chinesischen offiziellen Sprachgebrauch gemeinhin Korruptionsvorwürfe gemeint sind. Dass der Statistikamtschef wohl verhaftet ist, erfuhren selbst die üblicherweise bestens von den Behörden vorbereiteten Redakteure des Staatsfunks offensichtlich so spät und überraschend, dass sich im Radio die Berichte von Wangs Pressekonferenz und der Nachricht seiner anschließenden Internierung geradezu überschlagen.

          Ein weiterer „Tiger“ erlegt

          Nun sind Ermittlungen wegen Bestechlichkeit selbst gegen Chinas Spitzenkader schon seit zwei Jahren nichts Ungewöhnliches mehr. Der Statistikchef sei der 147. „Tiger“ in der Anti-Korruptionskampagne von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, hat die amerikanische Webseite „Chinafile“ ausgerechnet - und bezog sich damit auf die frühere Ankündigung von Chinas oberstem Machthaber, mit der grassierenden Korruption im Land gründlich aufzuräumen und dabei sowohl niedrigrangige „Fliegen“ als auch mächtige „Tiger“ in Form hoher Parteikader und Leiter staatlicher Konzerne ins Fadenkreuz zu nehmen. Den Posten im Statistikamt hat Wang erst seit vergangenem April inne. Davor hatte er 17 Jahre im Finanzministerium verbracht und war ab dem Jahr 2007 unter anderem verantwortlich für die Genehmigung staatlicher Gelder für den Bau gewaltiger Infrastrukturprojekte. Ein Jahr später nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise im Westen legte die Volksrepublik ein Konjunkturpaket von umgerechnet einer halben Billion Euro auf, mit dem eine Wirtschaftskrise vermieden werden sollte. Die Entscheidungshoheit, welches Projekt in welcher Provinz genehmigt wird, birgt also enormes Machtpotential und ist in der logischen Folge theoretisch interessant für all jene Lokalpolitiker und Baulöwen, die mit Bestechungsgeldern eine Entscheidung zu ihren Gunsten herbeiführen wollen.

          Schon spekuliert das respektierte chinesische Wirtschaftsmagazin „Caixin“, die Verhaftung Wangs könne darin begründet liegen. Denn dieser hatte erst im vergangenen Jahr den 57 Jahre alten Ma Jiantang als Statistikdirektor abgelöst, einen Mann, der den Posten sieben Jahre inne gehabt hatte, was außergewöhnlich lang ist in Chinas Beamtenapparat. Wang hingegen sei zu kurz im Amt gewesen, als dass er sich darin etwas habe zuschulden kommen lassen, lautet die Deutung. Allerdings spielt die Statistik selbstverständlich auch für den Aktienmarkt eine gewaltige Rolle. Wer Insiderwissen darüber hat, wie hoch das Wirtschaftswachstum ausfällt und frühzeitig eine Wette auf steigende oder fallende Kurse plaziert, kann damit viel Geld verdienen. Chinas Aktienmärkte schlagen seit Jahresbeginn abermals Kapriolen und haben bereits ihren gesamten Wertzuwachs aus dem Vorjahr wieder vernichtet.

          Der Zeitpunkt der Verhaftung Wangs ist zweifellos merkwürdig. Vor einer Woche noch hatte Wang in dunklem Anzug und mit blauer Krawatte in Peking das langsamste Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft seit einem Vierteljahrhundert bekannt gegeben. Um 6,9 Prozent hat Chinas Wirtschaft im vergangenen Jahr an Größe gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Das liegt zwar innerhalb des Zielkorridors der Regierung, die im Frühjahr zuvor ein Wachstum von „um die 7 Prozent“ angepeilt hatte. Dennoch haben sich die Sorgen vor einem Kollaps Chinas seit Jahresbeginn nochmals heftig verschärft.

          Viele Beobachter zweifeln ohnehin an, dass Chinas offizielle Wirtschaftsstatistik stimmt. In der laufenden Woche hat ein chinesischer Professor der Pekinger Normal Universität für Aufsehen gesorgt, als er öffentlich bekannt gab, er verorte Chinas Wachstumstempo bei nur zwischen 4 und 5 Prozent und damit deutlich langsamer als vom Nationalen Statistikbüro dargestellt. Dass die eigenen Behörden nun Chinas Chefstatistiker wegen angeblich krimineller Umtriebe verhaftet haben, dürfte das Vertrauen der internationalen Investoren in die chinesische Wirtschaft nicht unbedingt stärken. Der Vorname „Baoan“ des gefallenen Wang bedeutet übrigens „Torwächter“: mit „Baoan“ werden jene uniformierten Männer bezeichnet, die Regierungsgebäude und Wohnanlagen vor den Blicken nicht autorisierter Neugieriger von außen schützen.

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