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Meitu-Börsengang : Verdienen an Chinas Selfie-Sucht

Wichtig ist, auf dem Bild gut auszusehen. Bild: Picture-Alliance

In keinem anderen Land der Welt knipsen Frauen so viele Smartphonefotos von sich selbst wie in China. Damit kann man Kasse machen. Mit einem der größten Börsengänge des Jahres.

          3 Min.

          Im Jahr 2016 haben die Töchter des neuen China als Freizeitbeschäftigung eine Alternative zu den endlosen Abenden in der Karaoke-Bar gefunden: „Hühner-Nacht“ heißt der neueste Trend unter den weiblichen Mittzwanzigern der wohlhabenden chinesischen Mittelschicht in Peking und Schanghai, bei dem Männer nicht zugelassen sind: vier bis acht Freundinnen mieten sich – meist Samstagnachts – in der Suite eines Fünf-Sterne-Plus-Hotels ein, schlüpfen in den Pyjama und lassen Champagner und Lästerattacken freien Lauf.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das Wichtigste dabei aber sind Fotos. Selfies, um es exakt auszudrücken, aufgenommen mit dem Smartphone im 20-Sekunden-Takt. Am Ende der „Hühner-Nächte“ steht das Ergebnis hunderter, manchmal tausender Bilder strahlender oder Grimassen schneidender Girlies in weit geschnittener Schlafanzugkleidung, die mit „Duckface“ (an ein Entengesicht erinnernder Schmollmund) oder zwei gespreizten Fingern posieren. Das soll süß aussehen, dem Hauptkriterium für ein gelungenes Selfie. Ist es erfüllt, wird das Foto Sekunden nach der Aufnahme im sozialen Netzwerk Wechat der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht.

          Knipsen, was das Zeug hält

          Nicht nur China, die ganze Welt ist von der Selfie-Sucht befallen, selbst der amerikanische Präsident Barack Obama konnte sich ihr nicht entziehen. Ebenso wenig Angela Merkel, wie seit der Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr bekannt ist. Menschen, die in U-Bahnen, auf der Straße oder gar am Autosteuer das eigene Konterfei mit der Kamera aufnehmen, nerven rund um den Erdball.

          Dennoch gibt es eine Steigerung der Selfie-Obsession. Sie findet sich in China, dem Land der 600 Millionen Smartphones (die Zahl stammt von der chinesischen Unternehmensberatung Wi Media und gilt für das erste Quartal 2016). Wo sie gehen, stehen, sitzen – Chinas Unter-Dreißigjährige knipsen sich selbst, was das Zeug hält.

          Gut retuschiert sieht besser aus

          Das kann, wer will, als chronische narzisstische Bewusstseinsstörung eines Milliardenvolks diagnostizieren, so wie das etwa der Psychologe Cai Huaging von der Akademie der Sozialwissenschaften tut.

          Auf jeden Fall ist es eine Gelegenheit um Geld zu verdienen. Meitu, der wohl beliebteste Produzent von Selfie-Apps in China, bereitet derzeit seinen Gang an die Börse in Hongkong vor und will dabei eine Milliarde Dollar einsammeln. Das wäre nach Line, dem japanischen Messaging-Dienst à la Whatsapp, die zweitgrößte Erstemission eines Technikunternehmens des Jahres.

          Mit der App Meitupic können sich Chinas Teenies und Twens nicht nur selbst aufnehmen, sondern auch dünner machen, größer oder die Augen weiter, was in Asien, wo die Augenlider der Menschen nicht gefaltet sind, dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

          Auf den Kopf lässt sich mit dem Smartphoneprogramm eine kleine goldene Krone aufsetzen, was bei jungen Chinesinnen sehr beliebt ist. Die App Meipai erlaubt Livestreaming. Hersteller Meitu gibt die Zahl seiner monatlichen aktiven Nutzer mit 446 Millionen an, was einer Steigerung von einhundert Prozent binnen Jahresfrist entspräche.

          Der Sinn des Urlaubs

          In einer Umfrage unter 300.000 von Meitus Nutzern kam heraus, dass 87 Prozent davon nach 1989 geboren worden sind. 80 Prozent der Selfie-Süchtigen ist weiblich. Im Schnitt macht jede Frau 20 Selfies pro Tag. Einige wenige kommen allerdings auf täglich 700.

          Fast die Hälfte der Kundinnen sind der Umfrage zufolge wohl begütert und konsumieren für 4000 bis 8000 Yuan im Monat, was 530 bis 1060 Euro entspricht. Mehrmals im Jahr machen sie Urlaub, wo die meiste Zeit nicht etwa im Pool verbracht wird, wie jeder weiß, der schon einmal in einem thailändischen Luxushotel mit chinesischen Gästen genächtigt hat. Sondern mit der Produktion von Selfies vom Beckenrand mit dem Pool im Hintergrund.

          Gewinnlos an die Börse

          Meitus Börsengang in Hongkong wird für das vierte Quartal des laufenden Jahres erwartet. Gewinn macht das Unternehmen aus der südchinesischen Küstenstadt Xiamen bisher nicht, sondern fährt Millionenverlust ein. Da die Selfie-Apps kostenlos sind, stammt der Umsatz von 585 Millionen Yuan in der ersten Jahreshälfte 2016 (78 Millionen Euro) zu 95 Prozent aus dem Verkauf billiger Smartphones um die 250 Euro aus der Produktion anderer Hersteller, auf die das Meitu-Logo aufgedruckt wurde. Angeblich sind die Geräte speziell auf eine Funktion ausgerichtet: natürlich Selfies zu schießen.

          Bewertet wird Meitu in der Größenordnung von vier bis fünf Milliarden Dollar, was erstaunlich, aber nicht ungewöhnlich ist für ein defizitäres Unternehmen. Meitus Fans an den Finanzmärkten sind sich sicher, dass der App-Hersteller künftig die Selfie-Sucht seiner Kunden über Gebühren zu einem Gewinn ausschlachten kann. Ob das gelingt, bleibt eine Wette. Dass die Obsession der Chinesinnen mit der nicht enden wollenden Selbstbebilderung noch eine Weile anhalten dürfte, ist hingegen eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit.

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