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Trend „Luotiao“ : Chinas Kredithaie verlangen Nacktbilder als Sicherheit

Bild: Reuters

Im chinesischen Internet blüht das Geschäft mit Online-Krediten. Als Sicherheit müssen sich weibliche Schuldner dabei fotografieren lassen – mit Ausweis, aber ohne jede Kleidung.

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          Es ist die Horrorvorstellung einer jeden jungen Chinesin: dass im Internet auf einmal Nacktbilder von sich selbst auftauchen. Fotos, auf denen alles zu sehen ist. Auch das Gesicht. Darunter: Vorname, Familienname. Geburtsdatum. Herkunftsort. Und das alles, weil man in seiner Gier auf das Versprechen hereingefallen ist, schnell und günstig Kredit zu erhalten, um seine Träume vom Lippenstift oder der neuen Handtasche wahr machen zu können.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Luotiao“ heißt der Vorgang auf Chinesisch, über den derzeit die Volksrepublik diskutiert: Nacktbilder als Kreditsicherheit. Opfer des entwürdigenden Geschäftsmodells sind vor allem weibliche Universitätsstudentinnen. Diese sind Zielgruppe der Kreditplattform „Jiedaibao“, die auf dem Campus an Hochschulen in ganz China eine Menge Werbung für ihre Kreditangebote machen. Kreditwürdig ist praktisch jeder Student, die Anforderungen an eine Deckung des Betrags sind lächerlich klein. Erforderlich ist einzig der Name, ein Scan des Personalausweises und die Kontaktdaten der Familienangehörigen. Schon ist die Studentin registriert.

          Die Studentin Wangsi berichtet über ihren ganz persönlichen Albtraum mit den Online-Krediten in chinesischen Medien, der laut Aussage des Mädchens aus der Provinz Jiangsu in Nachbarschaft zu Schanghai im Februar begann. Nachdem viele Kommilitoninnen sich auf der Seite „Jiedaibao“ registriert und einen Kredit aufgenommen hatten, zog Wangsi den Freundinnen nach. Ausgeben wollten sie das Geld für Kleidung und Schminkkram. Der erste Kredit belief sich über 500 Yuan, umgerechnet 67 Euro. Weil das so schnell und einfach ging, machte Wangsi auf der Plattform immer mehr Schulden. Bis Mai war die Kreditsumme auf 50.000 Yuan oder 6700 Euro angewachsen, also das Hundertfache des Ursprungbetrags.

          20 Prozent Zinsen

          Der Kreditzins habe bei 20 Prozent gelegen, berichtet das Mädchen. Bedienen musste sie ihn nicht gegenüber dem Unternehmen, das die Internetseite betreibt. Diese dient nur als Marktplatz, damit Privatpersonen mit ausreichend Geld auf andere Privatpersonen treffen können, denen sie im direkten Austausch den Kredit gewähren. Kreditgeber und Kreditnehmer kennen einander und kommunizieren meist über die Messaging-App Wechat.

          Wangsi sagt, die Kreditsumme von 50.000 Yuan sei vor allem deshalb aufgelaufen, weil sie die Zinsen für die wesentlich kleineren geliehenen Summen am Anfang sehr schnell nicht mehr bedienen konnte. Weil die Kreditgeber jedoch über das Smartphone rasch großen Druck aufgebaut hätten, habe sie sich immer mehr Geld geliehen, um ihren Schuldnerverpflichtungen nachzukommen. Ein Teufelskreis.

          Als die Schulden die Grenze von 10.000 Yuan oder 1350 Euro überschritten, schrieb der Gläubiger, die Studentin solle Nacktbilder von sich schicken. Das Mädchen solle auf den Bildern gänzlich unbekleidet zu sehen und gut zu erkennen sein. Außerdem solle es deutlich sichtbar ihren Personalausweis in die Kamera zeigen. Wenn Wangsi ihren Kredit nicht fristgerecht zurückzahle, drohte der Gläubiger, werde er das Bild zunächst an ihre Eltern schicken. Und dann für jeden zugänglich ins Internet stellen.

          Organisation über Wechat

          Kreditgeber und Kreditnehmer auf Chinas grauem Finanzmarkt sind meist Mitglied von auf dem Messagingdienst Wechat organisierten Gruppen. Nachrichten in dieser Gruppe können von allen Mitgliedern gelesen werden. Um zu zeigen, dass sie es mit ihren Drohungen mit den Nacktbildern ernst meinten, feuern die Gläubiger gerne 24 Stunden vor Fristende zur Bedienung eines Kredits einen Warnschuss ab: in die Wechat-Gruppe stellen sie einen Ausschnitt des entsprechenden Nacktfotos ein als Vorgeschmack. Die Gesichtspartie ist dabei unkenntlich gemacht – noch, so die unverkennbare Warnung. Zahle das Mädchen das Geld nicht pünktlich zurück, droht die Preisgabe der Identität. In einem Land, in dem Menschen ihr Würde bereits bei weit weniger peinlichen Anlässen zu verlieren glauben, muss die Vorstellung, mit der öffentlichen Blöße die eigene Familie zu beschämen, für die jungen Chinesinnen furchtbar sein.

          Die Studentin Wangsi sah dennoch keinen Ausweis und wagte, die Eltern um Hilfe zu bitten, sie aus der Notlage zu befreien. Auf den Campus ihrer Universität traute sie sich indes nicht mehr, zu groß war die Sorge, der Kredithai werde sie dort jagen lassen. Diesem hätten die Eltern bis heute 100.000 Yuan oder 13.500 Euro an Schulden und aufgelaufenen Zinsen gezahlt. Doch damit sei immer noch nicht genug. Der Gläubiger verlange noch mehr Geld.

          Wangsi hat das Internetunternehmen aufgefordert, wenigstens einen Teil der Summe zu übernehmen oder sich des Kredithais anzunehmen. Wenig überraschend hat der Plattformbetreiber abgelehnt. Andere Studentinnen, denen ein ähnliches Schicksal wiederfahren ist, haben angekündigt, gemeinsam mit ihren Eltern zur Polizei zu gehen, die den aggressiven Gläubigern das Handwerk legen soll. Ein Leitartikel in Chinas wichtigster Zeitung, dem Sprachrohr der Kommunistischen Partei namens „Volkszeitung“, hat daraufhin eine schärfere Regulierung der Kreditbranche gefordert. Denn Chinas junge Studentinnen hätten nicht genug Stärke, um sich selbst zu schützen. Im Durchschnitt verlangten die Kredithais von diesen auch nicht 20 Prozent wöchentliche Zinsen, wie im Fall des Mädchens Wangsi. Sondern 30 Prozent.

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