https://www.faz.net/-gqe-8vv7w

Bilanz abermals verschoben : Toshiba rutscht weiter in den Atomstrudel

Atomkraftwerke von Westinghouse haben Toshiba die Bilanz versaut. Bild: Reuters

Wegen weiterer Untersuchungen bei der amerikanischen Kernkraftwerkstochtergesellschaft kann Toshiba seine Quartalsbilanz weiter nicht veröffentlichen. Ungute Erinnerungen an den Bilanzskandal von 2015 werden wach.

          2 Min.

          Der angeschlagene japanische Konzern Toshiba rutscht weiter in die Bredouille. Toshiba verfehlte wegen Problemen mit der amerikanischen Atomkraftwerkstochtergesellschaft Westinghouse am Dienstag auch die zweite Frist für die Veröffentlichung des Quartalsergebnisses für den Zeitraum von Oktober bis Dezember. Das Unternehmen beantragte und erhielt einen abermaligen Aufschub bis zum 11. April. Toshiba verliert damit nicht nur weiteres Vertrauen von Investoren, sondern strapaziert auch die Geduld der Börse und der Finanzaufsicht in Japan.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Konzern erwägt nach eigenen Angaben zudem, eine Mehrheit an Westinghouse zum Verkauf zu stellen. Damit würde die Bilanz um das Problemkind bereinigt. Nach früheren japanischen Medienberichten ist eine Option auch, Westinghouse unter die Aufsicht eines Konkursgerichts zu stellen. Um die finanzielle Lage aufzubessern, stellt Toshiba derzeit sein Tafelsilber zum Verkauf. Der Konzern sucht derzeit Käufer und Investoren für das Geschäft mit elektrischen Speicherchips und ist bereit, auch die Mehrheit daran abzugeben.

          Für Anleger in Toshiba war der Dienstag in Tokio eine Achterbahnfahrt. Die Aktie verlor zeitweise fast 9 Prozent, erholte sich aber am Nachmittag und schloss auf 215,9 Yen mit 0,5 Prozent im Plus. Seit Dezember hat die Aktie freilich mehr als Hälfte ihres Werts eingebüßt.

          TOSHIBA

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Das Unternehmen kämpft um seine wirtschaftliche Gesundung. Mit der Abschreibung auf die Tochtergesellschaft Westinghouse sind die Verbindlichkeiten Toshibas größer als das Vermögen. Bis zum Ende des Geschäftsjahres am 31. März muss der Konzern diese Situation beheben, um von der Börse nicht in eine niedrigere Handelsklasse herabgestuft zu werden. Das würde Verkaufsaufträge auslösen und die finanzielle Lage des Konzerns noch weiter verschlechtern.

          Mitte Februar erwartete Toshiba für das Geschäftsjahr einen Verlust von 390 Milliarden Yen. Am Dienstag erklärte Toshiba, es wolle in diesem Geschäftsjahr Vermögen im Wert von 160 Milliarden Yen veräußern. Dieses Volumen ist in der Vorhersage von Februar aber schon berücksichtigt.

          Druck auf Mitarbeiter zur Bilanzschönung

          Westinghouse, das amerikanische Kernkraftwerkabenteuer Toshibas, ist der Grund für die abermalige Verschiebung der Quartalsveröffentlichung. Eigentlich wollte der Konzern am Dienstag endgültig berichten, wie hoch die Abschreibungen auf die Tochtergesellschaft sind. Eine erste Schätzung von Februar lautete auf etwa 712,5 Milliarden Yen (5,9 Milliarden Euro). Westinghouse hatte mit dem Zukauf der Kraftwerksbaugesellschaft CB&I Stone & Webster übernommen, die mit Kostenüberschreitungen das Mutterhaus Toshiba nun an den Rand des Abgrunds führt.

          Manager von Westinghouse haben nach Angaben Toshibas dabei im Zuge des Zukaufs von CB&I & Webster unangemessenen Druck auf Mitarbeiter ausgeübt, um den Kaufpreis des Unternehmens bilanziell besser aussehen zu lassen. Nun wollen die Wirtschaftsprüfer untersuchen, ob es ähnlichen Druck auch in früheren Fiskaljahren gab. Deshalb haben sie den Quartalsabschluss noch nicht unterzeichnet.

          Der Vorgang erinnert in unguter Weise an den Bilanzskandal, der 2015 bei Toshiba aufflog. Damals gestand das Unternehmen ein, dass es über Jahre hinweg Gewinne zu hoch ausgewiesen hatte. In zwei Schritten verschob Toshiba damals die Bilanzveröffentlichung um vier Monate. Das Unternehmen steht seither unter besonderer Aufsicht der Börse.

          Toshiba muss bis Mittwoch der Börse einen Bericht vorlegen, wie es seine internen Kontrollen verbessert hat. Reichen die Änderungen nicht, droht Toshiba ein erzwungener Abschied aus dem Aktienhandel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Biden-Präsidentschaft, Tag 1 : Er hat sich viel vorgenommen

          An seinem ersten Tag im Amt nimmt Joe Biden zahlreiche Regelungen von Donald Trump zurück. Der neue Präsident will den Klimaschutz voranbringen und den Kampf gegen Corona besser koordinieren – Hindernisse sind allerdings schon programmiert.

          Party für den Präsidenten : Eine große Werbeveranstaltung für Joe Biden

          Anstelle des traditionellen Balls wird für Joe Biden eine virtuelle Party mit vielen Stars veranstaltet. Doch das als gutgelaunte Feier getarnte Event entpuppt sich als PR-Video. Gerade im Fahrwasser der Trump-Regierung wirkt diese Lobhudelei befremdlich.
          Infektion der anderen Art: Hacker erpressten die Funke-Mediengruppe durch sogenannte Ransomware.

          Funke nach dem Cyberangriff : Wir haben ihre Daten!

          Nachdem die Funke-Mediengruppe Ende Dezember Opfer eines Cyberangriffs geworden war, musste sie ihre gesamte IT-Struktur binnen weniger Wochen wieder aufbauen. Nun will man den Notfallmodus wieder verlassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.