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Reaktorhavarie : Tepco informierte zu spät über Kernschmelze in Fukushima

Ein Mitarbeiter der IAEA schaut auf die Atomruine Fukushima. Bild: AFP

Tepco, Betreiber des Katastrophenreaktors von Fukushima, hat fünf Jahre nach dem Unglück eingestanden, zu spät über die Kernschmelze informiert zu haben.

          In Japan nähert sich der fünfte Jahrestag des Erdbebens im Nordosten, das am 11. März 2011 einen Tsunami auslöste und in der Folge im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi zu Kernschmelzen führte. Die Vergangenheitsbewältigung ist nicht abgeschlossen und im Mittelpunkt steht wieder einmal der Betreiber des Kraftwerks, Tokyo Electric Power Co. (Tepco). Das Unternehmen gestand jetzt erstmals ein, dass es 2011 den Begriff Kernschmelze zwei Monate lang vermieden hatte. Vielleicht stand dahinter die Absicht, das Ausmaß des Unfalls zu verheimlichen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Basierend auf der Strahlung rund um die Reaktoren wusste Tepco von der Schwere der Schäden schon wenige Tage nach dem Unfall und hätte Klartext reden können. Doch erst Mitte Mai begann das Unternehmen, den Begriff Kernschmelze zu verwenden.

          Erst in den vergangenen Wochen will Tepco entdeckt haben, dass in einen internen Betriebshandbuch eine Kernschmelze  als ein Schaden von mehr als 5 Prozent am Reaktorkern definiert wird. Doch schon am 14. März, drei Tage nach dem Unfall, schätzte Tepco nach eigenen Angaben, dass 55 Prozent des Reaktorkerns im Reaktor 1 und 30 Prozent des Reaktorkerns 3 „beschädigt“ seien. Grundlage dafür war die Strahlungsintensität. Wie es wirklich in den Reaktorkammern aussieht weiß auch heute noch niemand. Vermutet wird eine Kernschmelze in drei Reaktoren in Fukushima Daiichi. Warum die Mitarbeiter damals von den Vorgaben des Handbuchs abwichen und nicht von Kernschmelze redeten, ist unklar. Tepco kündigte eine Untersuchung an.

          Vorwurf der Verschleierung

          Das Unternehmen stand 2011 stark unter Kritik. Es wurde der Vorwurf der Verschleierung gemacht, weil unabhängige Fachleute nach dem Unglück schnell eine Kernschmelze vermuteten. Ein Regierungssprecher sprach in den Tagen nach dem Unglück vorsichtig von der Möglichkeit einer Kernschmelze. Nachdem am 12. März eine Wasserstoffexplosion das Umgehäuse von Reaktor 1 stark beschädigt hatte, hieß es von der Regulierungsbehörde, es sei möglich, dass eine Kernschmelze voranschreite. Deren Sprecher wurde aber schnell von dem Posten entfernt. Nach japanischen Medienberichten soll die Regierung interveniert haben. Fortan sprach die Regulierungsbehörde von Schäden am Reaktorkern.

          Die richtige Benennung des Unfalls hätte an den damaligen Ereignissen nach dem Unfall wohl nicht viel verändert. Das späte Eingeständnis Tepcos schadet aber dem Bemühen des Unternehmens, das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Pikanterweise wurde das Handbuch im Rahmen der Bemühungen Tepcos „entdeckt“, die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme von zwei Reaktoren im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Niigata an der Westküste Japans zu erlangen.

          Tepco will andere Reaktoren wieder in Betrieb nehmen

          Der Gouverneur der Präfektur, Hirohiko Izumida, nannte Tepcos Enthüllung „sehr unglücklich“. Izumida muss die Wiederinbetriebnahme der beiden Reaktoren genehmigen. Im Januar hatte er Tepco vorgeworfen, nicht qualifiziert zum Betrieb eines Kernkraftwerks zu sein, weil es erst Wochen nach dem Unglück in Fukushima Daiichi die Kernschmelze erkannt habe. Hauptstreitpunkt beim Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa ist, ob die Verwerfung in der Erdkruste unter dem Kraftwerk aktiv ist und damit Erdbeben drohen oder nicht.

          In Fukushima Daiichi hatte 2011 der Tsunami die dieselgetriebenen Notstromaggregate zerstört, woraufhin drei Reaktoren überhitzten und es zu Kernschmelzen kam. Mehr als 160.000 Menschen mussten die Umgebung des Kraftwerks verlassen.

          Japan hatte nach dem Atomunfall schrittweise alle Reaktoren abgeschaltet. Im vergangenen Jahr gingen erste Reaktoren wieder ans Netz, nachdem sie unter verschärften Sicherheitstest geprüft und teils aufgerüstet wurden. Derzeit laufen drei Reaktoren, zwei in Sendai auf der südlichen Insel Kyushu und einer in Takahama in der Nähe von Kyoto.

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