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Südostasien : Thailand blickt in den Abgrund

Da muss sie vielleicht nur in Thailand bleiben Bild: REUTERS

Keine Regierung in Sicht, Unruhen, Rezession. Das (einstige) Urlaubsparadies zerstört sich aufgrund der Wirren derzeit selbst.

          3 Min.

          Das bei Deutschen so beliebte Thailand wirkt derzeit nicht wie ein Land, in dem man seinen Urlaub verbringen möchte. Zwar belaufen sich die Auseinandersetzungen zwischen den politischen Strömungen bislang auf wenige Straßenzüge Bangkoks. Doch wächst die Unsicherheit. Nach der Absetzung der thailändischen Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra durch das Verfassungsgericht hat der Anführer der Regierungsanhänger, Jatuporn Prompan, vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Das immer angespanntere Klima belastet Südostasiens zweitgrößte Volkswirtschaft. Nun haben auch die umliegenden Asean-Länder das Königreich aufgefordert, dem politischen Ringen ein zügiges Ende zu machen. Die Frage ist nur: Wie?

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Ein Risiko ist die 18. Übernahme der Regierungsmacht durch das Militär, um ein weiteres Absinken ins Chaos zu bremsen. Die Unterstützer der um ihre abgesetzte Ministerpräsidentin und neun Minister geschwächte Regierung wollen am 20. Juli Neuwahlen abhalten. Die royalistische Elite in Bangkok aber lässt keinen Zweifel daran, deren Ergebnis erneut nicht anerkennen zu wollen – sie fordert das Einsetzen einer – ihr genehmen – Übergangsregierung.

          Diese heillos verfahrene Situation drückt massiv auf die wirtschaftliche Entwicklung. „Die Chancen werden vertan, wenn die politischen Wirren weiterhin Thailands Wettbewerbssituation belasten, denn sowohl heimische wie ausländische Investoren verlangen Vertrauen, wenn sie Geschäfte machen wollen“, warnt Darren Buckley, Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Bangkok. Thailand droht, in die Rezession zu gleiten. Die angekündigten Infrastrukturprojekte der Regierung lassen sich unter den derzeitigen Bedingungen nicht umsetzen. Der Tourismus leidet. Im ersten Quartal kamen nur noch 6,5 Millionen Urlauber nach Thailand. Das ist eine halbe Million weniger, als noch vor einem Jahr. Die Zahl der wichtigen japanischen Gäste, die in der Regel in kurzer Zeit viel Geld ausgeben, fiel um fast 23 Prozent. Immer noch wirkt in den Köpfen die Besetzung des Flughafens durch Regierungsgegner 2008 nach. Zugleich wächst Thailand durch die Öffnung des benachbarten Burma (Myanmar) eine gefährliche Konkurrenz heran.

          „Das Wachstum im ersten Quartal dürfte stärker schrumpfen, als bislang erwartet. Die politische Blockade bedeutet größere Risiken für die heimischen Nachfrage und den Tourismus“, heißt es im Bericht der Bank of Thailand. Ursprünglich war die Regierung von einer dringend notwendigen Wachstumsrate von fast 5 Prozent in diesem Jahr ausgegangen. Heute rechnen Analysten noch mit allenfalls 1,4 Prozent.

          Vor drastischer Rezession

          Der Export des wichtigsten Fabrikstandortes Südostasiens lag im März 3,1 Prozent unter Vorjahr. Der Ausstoß der Industrie notierte fast 11 Prozent niedriger, der zwölfte Rückgang in Folge. Gefährlich daran ist vor allem, dass die Schwäche auf geringere Nachfrage in den klassischen Exportbranchen Thailands zurückgeht – Automobil, Festplatten und gefrorene Meeresfrüchte. Dreimal in Folge sank auch die Einfuhr ins Königreich zweistellig, im März um gut 14 Prozent. Dieser Rückgang verweist auf geringere Bestellungen der Exportindustrie, die nicht an einen nachhaltigen Aufschwung glaubt.

          Wegen seiner wachsenden Automobilindustrie hat sich Thailand jahrelang als das „Detroit des Ostens“ vermarktet. Gerade aber strich der Verband seine Produktionsvorhersage von 1,2 Millionen Einheiten in diesem Jahr um „mindestens 100.000 Einheiten“ zusammen. Der Hersteller Mitsubishi hatte erklärt, seine Verkäufe in Thailand seien im vergangenen Jahr wegen der politischen Unruhen und des Endes eines Steuernachlasses um 40 Prozent gesunken.

          Schwierig ist die Lage auch im Kontext der umliegenden Länder. Vietnam und Indonesien wollen Freihandelsabkommen mit dem Königreich, auch die Europäische Union will ein Abkommen nach dem Modellfall Singapur schließen – derzeit ist aber keine verhandlungsfähige Regierung in Bangkok in Sicht. Letztlich belasten die Unruhen auch den Aufbau der für Ende 2015 geplanten Wirtschaftsgemeinschaft der im Asean-Bund zusammengeschlossenen südostasiatischen Länder.

          Ausgerechnet auf Antrag des kambodschanischen Ministerpräsidenten Hun Sen, der mit Thailand über Kreuz liegt, verabschiedeten die Außenminister der Asean-Staaten bei ihrem Treffen in der Hauptstadt Myanmars (Burma) am Sonntag nun eine Resolution zu Thailand – obwohl in Asean die Regel der Nicht-Einmischung gilt. „Die Asean-Mitgliedsländer verfolgen die Entwicklungen in Thailand genau und unterstützen angesichts der anhaltenden Herausforderungen eine friedliche Einigung durch Dialog unter Achtung der demokratischen Prinzipien und von Recht und Gesetz.” Ungeachtet dessen, dass diese Bedingungen auch in Hus Sens Kambodscha nicht herrschen, dürfte es ein langer Weg für Thailand werden, diesen Ansprüchen wieder zu genügen.

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