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Industriespionage : Indiens Politik legt sich mit Milliardären an

Die Polizei in Delhi geht gegen Industriespionage vor und verhaftet mehrere Männer. Bild: Reuters

Das Stehlen und Verhökern von Dokumenten aus indischen Ministerien zählte jahrelang zur täglichen Praxis. Nun hat die Polizei zum ersten Mal eingegriffen und mehrere mutmaßliche Täter festgenommen.

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          Ein Skandal um das institutionalisierte Ausspionieren des indischen Öl-Ministeriums durch die großen indischen Konzerne zieht rasch weitere Kreise. Bis Montagmorgen wurden zwölf Mitarbeiter und Berater festgenommen, die augenscheinlich an einer durchgeplanten Aktion zum Diebstahl von Papieren aus dem Ministerium beteiligt waren. Das Durchgreifen von Polizei und Regierung zeigt allerdings, dass die neue Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi solche Angriffe nicht mehr bereit ist hinzunehmen. Es ist in dieser Form das erste Mal, dass eine Regierung in Delhi es wagt, sich mit den Milliardären in Indien und ihren Konzernen anzulegen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Dazu zählen im jetzigen Fall unter anderem Indiens reichster Mann, Mukesh Ambani, der Reliance Industries führt. Sein Bruder, Anil, steht Reliance Anil Dhirubhai Ambani Group vor. Das Bruderpaar Shashikant und Ravikant Ruia, die Dank des Rohstoffkonzerne Essar zu Milliarden von Dollar gekommen sind, gehört genauso zu diesem Kreis wie Anil Agarwal, der Vedanta Resources und damit Cairn India leitet. Zum Kreis der Festgenommenen zählen Mitarbeiter all dieser Konzerne, aber auch zwei Berater der Industrie und Beamte. „Es geht ja nicht nur um die Ölindustrie – solche Fälle gibt es überall. Überall wird durchgestochen“, sagt Mohan Guruswamy, Vorsitzender des Verwaltungsrates des Thinktanks Centre for Policy Alternatives in New Delhi, der früher im Finanzministerium gearbeitet hatte.

          Seit Jahren bestehendes System

          Beamte zeigten sich vom dreisten Vorgehen der Diebe und dem hohen Organisationsgrad schockiert. „Wir waren davon ausgegangen, dass Sekretäre etwa ein Blatt entwenden oder eine Kopie machen und weiterreichen, wenn sie die Akten bewegen“, erklärte einer der Spitzenbeamten. Nun aber zeige sich, dass es sich um ein von langer Hand vorbereitetes, organisiertes Verbrechen handele. Es dürfte über Jahre wenn nicht Jahrzehnte enge Kontakte zwischen Unternehmen, Beratern, Mittelsmännern, Journalisten und der Verwaltung gegeben haben, bei denen wenig verborgen geblieben war. So berichten Eingeweihte nun von einem funktionierenden System, in dem Firmen eigene Angestellte dafür bezahlen, dass sie Beamte in unteren und mittleren Rängen dafür bezahlen, gewünschte Dokumente aus den Ministerien zu kopieren und zu liefern. „Diese Regierung wird niemandem erlauben, mit dem System zu brechen oder die Regeln zu beugen“, sagte Ölminister Dharmendra Pradhan.

          Im konkreten Fall waren in der Nacht vom 17. Februar zwei Männer in das Ministerium in Delhi mit gefälschten Regierungsausweisen eingedrungen. Ein dritter wartete an einem Wagen, der ein gefälschtes Zeichen als Regierungsfahrzeug trug, vor dem Gebäude. Die Diebe hielten sich mehr als zwei Stunden im Ministerium auf. Sie legten die Videoüberwachung lahm und öffneten Büros mit nachgemachten Schlüsseln. In den Zimmern des Direktors für die Ölgewinnung und in den Räumen des Staatssekretärs, der für die Raffinerien zuständig ist, kopierten sie alle Dokumente, die sich auf den Schreibtischen fanden. Mit ihnen beladen kamen sie dann wieder heraus. Da schlug die Polizei zu.

          In den nächsten Tagen kam es dann zu weiteren Festnahmen, unter anderem von einem Mitarbeiter des Ministeriums. Geplant war, die Dokumente an Mitarbeiter der Konzerne und Berater zu verkaufen. Im Zuge ihrer Ermittlungen stieß die Polizei auf Regalmeter an Dokumenten, die aus dem Kohle-, dem Energie- und dem Ölministerium stammten, erklärte die Beamten. Die Palette reiche von Notizen über Kabinettssitzungen bis zu sensiblen Datensätzen zur Öleinfuhr.

          Die Zeitung Times of India berichtete, die Polizei habe im Zuge der nun breit angelegten Ermittlungen auch „einige Firmensitze“ durchsucht. Angeblich soll es sich bei den Dokumenten um teilweise hoch geheime Papier handeln, von denen einige bislang nicht einmal das Kabinett oder der Ministerpräsident zu Gesicht bekommen hatten, weil es sich um weitreichende Zukunftsplanungen handelte. Die privaten Unternehmen dürften also, noch bevor die Papiere in den politischen Entscheidungsprozess eingebracht wurden, stets bestens im Bilde gewesen sein.

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