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Smog : Das Husten in Peking geht weiter

Bild: dpa

Wie vor einem Jahr legt sich eine gefährliche Smogglocke über Peking. Die Stadtregierung will die Verschmutzung begrenzen, doch vorerst geht das Husten weiter.

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          Heute Morgen ist der benachbarte Wolkenkratzer endlich wieder zu sehen. Die Luftverschmutzung ist zwar noch immer übel in Peking: der Luftqualitätsindex AQI notiert mit einem Wert von 160 auf der Stufe „ungesund“, und die besonders gefährlichen Feinstäube vom Typ PM 2,5 erreichen einen Stand von knapp 100 Mikrogramm je Kubikmeter; die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt nicht mehr als 25. Aber immerhin sind die Horrorwerte von gestern verschwunden, als der AQI die Marke von 500 überstieg – und das Hochhaus nebenan plötzlich weg war. In Ningbo bei Schanghai wurde sogar eine doppelt so hohe Luftverschmutzung gemessen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Solche miesen Werte schlagen auf’s Gemüt, selbst bei fröhlichen Kindergartenkindern. Sie verstehen das Ausmaß der Belastung zwar nicht, und die wenigsten von ihnen leiden sichtbar unter dem Dreck. Aber sie mäkeln mit Recht, dass zum Beispiel ihr Ausflug in den Stadtpark abgesagt worden ist, weil die Betreuer sie nicht unnötig der verpesteten Luft aussetzen wollen.

          Auch die Erwachsenen ziehen lange Gesichter unter ihren Atemmasken. Mit Schrecken erinnern sie sich daran, dass in Peking vor fast genau einem Jahr die schlimmsten Feinstaubwerte aller Zeiten gemessen wurden. Eine Studie ergab, dass die Chinesen im Norden, wo die Hauptstadt liegt, im Durchschnitt fünf Jahre kürzer leben als ihre Landsleute im Süden, wo weniger geheizt wird. Einige Bewohner suchten deshalb das Weite und zogen nach Schanghai um. Doch dort holte sie der Smog im Dezember ein, abermals mit Spitzenwerten.

          Der Druck der Bevölkerung auf die Behörden wächst, mit der Eigenverantwortung ist es allerdings nicht weit her. Noch immer etwa ist kaum ein Chinese, der es sich leisten kann, bereit, auf sein Auto zu verzichten. Im Gegenteil erreichen die Pkw-Neuverkäufe immer neuer Rekorde. Ein persönliches Beispiel: Während wir die paar hundert Meter zur Schulbushaltestelle zu Fuß gehen – die neben dem Hochhaus liegt -, fährt die Nachbarin ihre Tochter jeden Morgen in einem der drei Autos dorthin. Gestern mit der Begründung, bei diesem Gestank könne man ja unmöglich ins Freie.

          Die politisch Verantwortlichen reagieren spät, aber sie reagieren. Der Pekinger Bürgermeister hat angekündigt, den Kohleverbrauch in der Metropole um 2,6 Millionen Tonnen im Jahr verringern zu lassen. Stattdessen soll mehr Gas verwendet werden. Auch den Kohlebrand am Stadtrand will man einschränken. An besonders schlimmen Tagen wie gestern werden neuerdings ganze Straßenzüge für den Verkehr gesperrt.

          An Asiens Börsen geht es bergab

          Chinas Industrie, sein Verkehr, sein Energieverbrauch und seine Städte sind also zu schnell gewachsen, um auf die Natur achtzugeben, sagen manche. Das einzige, scherzen sie, das nicht steigt, sind die Aktienkurse. Sie treten seit Jahren auf der Stelle oder fallen sogar.

          Auch heute geht es an den Börsen weiter bergab, in Hongkong verliert der Hang-Seng-Index 0,4 Prozent, der Shanghai Composite gibt 0,8 Prozent ab. Ähnlich ist die Lage in ganz Asien, der Regionalindex MSCI Asia Pacific büßt 0,3 Prozent ein. Das hat mit enttäuschenden Unternehmensnachrichten zu tun und mit der unklaren Richtung der Konjunktur und der Geldpolitik in den Vereinigten Staaten.

          Die Pekinger kann das nicht mehr schocken. Sie müssen sich erst einmal um ihre Gesundheit kümmern. Und sie beginnen zu begreifen, welchen hohen Preis sie für das ungezügelte Wachstum zahlen.

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