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Sherpas streiken : Aufstand am Mount Everest

Auf dem Gipfel ist Ruh: Der Mount Everest ohne seine Bergsteiger. Bild: Reuters

Nach dem Tod von 16 Menschen bei einem Lawinenunglück auf dem Mount Everest wollen die Sherpa den Berg vorerst nicht mehr besteigen. Für Nepal ist der Ausstand der Träger ein Desaster.

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          Die Sherpa legen die Arbeit nieder. Nach dem Unglück am Mount Everest, bei dem am Freitag 16 Menschen auf 5800 Metern unter einer Lawine begraben wurden, wollen die Träger und Führer für die nächsten Wochen nicht mehr aufsteigen. Die Gipfel-Saison am höchsten Berg der Welt ist damit aller Wahrscheinlichkeit nach beendet. Zugleich verhandeln die Sherpa über deutlich bessere Arbeitsbedingungen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Für uns ist es unmöglich, mit dem Klettern einfach so weiterzumachen. Immer noch sind drei unserer Freunde im Schnee begraben, ich kann nicht über sie hinwegtrampeln. Wir wollen unsere Leute, die wir verloren haben, ehren. Deshalb können wir nicht weitermachen“, sagte der Träger Dorje Sherpa am Dienstag im Basislager.

          Der Ausstand der Träger ist für Nepal ein Desaster. Die meisten Versuche zur Besteigung werden Mitte Mai unternommen. Die nun verschütteten Sherpa waren dabei, Routen für die Hauptsaison am Dach der Welt vorzubereiten. Die nepalische Regierung hat für dieses Jahr Lizenzen für 32 Expeditionen mit insgesamt 734 Teilnehmern erteilt, darunter 400 Bergführern. Die bergsteigenden Touristen, die sich längst für Besteigungsversuche gemeldet haben, stehen nun vor dem Ungewissen – einige von ihnen haben sich den Anstieg in einer Gruppe bis zu 90.000 Dollar kosten lassen. „Schon eine Billigexpedition schlägt mit mindestens 25.000 Dollar zu Buche“, heißt es auf der Expertenseite Mount Everest Net im Internet. „Den Berg zu besteigen ist manchmal nichts im Vergleich zu der Herausforderung, die Finanzierung zusammenzustellen.“ Die durchschnittliche Gebühr für den begleiteten Anstieg liegt derzeit bei etwa 20.000 Euro.

          Immer wieder kommt es zu schweren Unglücken: Anfang Mai 2012 drängten gut 900 Bergsteiger auf das Dach der Welt, elf bezahlten den Versuch mit ihrem Leben. An einem einzigen Wochenende starben gleich vier Gipfelstürmer am 8848 Meter hohen Berg. Die Gründe für viele der Katastrophen liegen in einer grandiosen Selbstüberschätzung. Aber auch in handfesten kommerziellen Interessen, die am Berg aufeinanderprallen. 
          „Die Expeditionen auf den Mount Everest zählen zu den größten Umsatzbringern Nepals“, sagt ein Vertreter des dortigen Tourismus-Ministeriums. Pro Jahr soll das Bergland Schätzungen nach zwischen 4 und 9 Millionen Dollar durch die Everest-Besteigungen einnehmen. Das ist viel Geld für das politisch zerrissene Land, in dem der Tourismus seit Jahren leidet. Perfekte Werbung für das Reiseland Nepal sind auch Fernsehbilder und Gipfelfotos, die von den Bergsteigern nach Hause gebracht werden – denn das Erreichen der Spitze ist immer noch einen Zeitungsartikel im Heimatland des Kletterers wert.

          Sherpa fordern Hilfsfonds

          Die Summen für den Aufstieg müssen die Sherpa nachdenklich stimmen. Denn sie wissen genau, dass ohne sie am Mount Everest nichts geht. Tausende Familien in Nepals Bergregionen leben vom Geschäft mit dem Mount Everest. Ohne ihre Dienste – sei es tragen oder führen – ist ein Anstieg für praktisch alle Gruppen unmöglich. Direkt nach dem Unfall haben die Bergsteiger-Gruppen eine Woche der Besinnung und Trauer beschlossen.

          Zeitgleich stimmte die nepalische Regierung einigen der Forderungen der höhenerfahrenen Helfer der ausländischen Bergsteiger am Dienstag zu. Allerdings blieb sie weit hinter dem zurück, was die Sherpa gefordert hatten. Künftig aber soll es einen größeren Fonds geben, aus dem die Angehörigen von Opfern unterstützt werden. Er allerdings ist längst nicht so ausgestattet, wie die Träger es gefordert hatten. Die Nepalische Vereinigung der Bergführer vermittelt in dem Konflikt zwischen Regierung und Bergsteigern.

          Die Sherpa erhalten bis zu 2000 Dollar für ihre Unterstützung in Eis und Schnee, dürfen oft auch ihre Ausrüstung behalten. So hart und gefährlich ihr Job ist, sind sie mit einem solchen Einkommen privilegiert in einem Land, in dem gut 30 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Kurz nach der Lawine sagte die Regierung den Familien der getöteten Sherpa eine direkte Hilfszahlung von 40.000 Rupien zu – gerade einmal 294 Euro. Die Sherpa fordern, dass der Hilfsfonds jährlich mit 30 Prozent derjenigen Gebühren gespeist werde, die die ausländischen Bergsteiger zahlen müssen. Die Regierung hatte ihnen bis zum Mittwoch nur 5 Prozent zugesagt.

          Das verarmte Nepal macht jährlich geschätzte 3,5 Millionen Dollar durch den Verkauf der Aufstiegslizenzen. Die Regierung bot auch an, die Sherpa künftig mit umgerechnet gut 11.000 Euro gegen einen tödlichen Unfall zu versichern – die Sherpa fordern aber fast 15.000 Euro. Auch will die nepalische Regierung künftig Arztkosten über bis zu 3000 Euro übernehmen.

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